Hugo Schuchardt an Friedrich Kluge (60-HSFK_10)
von Hugo Schuchardt
21. 09. 1918
Deutsch
Schlagwörter: Etymologie Reflexion über Forschung Sprachwissenschaft (Reflexion) Spinnen und Weben Sprachkontaktforschung/Kontaktlinguistik Entlehnung Pogatscher, Alois
Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Friedrich Kluge (60-HSFK_10). Graz, 21. 09. 1918. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5661, abgerufen am 13. 05. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5661.
Graz, 21 Sept. 19181
Lieber Freund,
Unsere Karten2 haben sich gekreuzt. Sehr überrascht hat mich daß Ihr Ohr durch das Gezisch von tierisch, viehisch, schweinisch, wölfisch, hündisch, weibisch, kindisch, schurkisch, bübisch, diebisch, tückisch, hämisch, spöttisch, höhnisch usw. nicht zu ungunsten von völkisch gestimmt wird. Es gibt ja kaum ein paar anständige zweisilbige Adjektive auf –isch|2| – nur solche kommen ja als Vorbilder in Betracht – von den geographischen und ethnographischen Eigennamen abgesehen, aber völkisch kann nicht den Eigennamen gleichgesetzt werden. Was übrig bleibt ist ganz vereinzelt und leicht auf besondere Weise zu erklären (z.B. konnte man von Seele doch nicht wohl seel-lich bilden). Gegen volklich liegt, so viel ich wüßte, kein einziger Grund vor. Doch alles das bemerke ich vorderhand nur deshalb damit Sie nicht Ihrerseits erstaunt sind wenn ich – es wird wohl erst in ein paar Monaten (aber durchaus nur nebenbei) ans Licht treten u. |3| sehr nachdrücklich mich gegen das Wort völkisch ausspreche. Ich hatte H. von Pfister3 in seiner Jugend oberflächlich gekannt, er war Offizier in Gotha, hielt sich aber von seinen Kameraden etwas abgesondert, galt ihnen als etwas verschroben, er studierte ihnen wohl zu viel. Ich erinnere mich seiner noch, er war rothaarig und färbte sich wohl die Haare zu irgend einer Zeit; unter seinen Kameraden wurde das Wort: heute rot, morgen schwarz auf ihn angewendet. Von seinen schriftstellerischen Leistungen ist Ihnen gewiß die eine und die andere bekannt. Pogatscher4 sagte mir, er habe eine altertümelnd-manierierte Schreibweise gehabt.
Ich sende Ihnen heute mein Heft: Die romanischen Lehnwörter |4| im Berberischen [es handelt sich nur um die altromanischen, nämlich die lateinischen], es ist wie ich Ihnen schon sagte, nur eine formale Gegengabe.5 Für Germanisten ist sehr wenig darin. Eine Frage: ob Matte nicht romanischen Ursprungs sein könnte (81,4). Ein Nachweis: – bergen (ohne männl. u. weibl. Artikel) Schober (32f.), wohl durch die Romanen gebracht, oder durch die Vandalen? Unwahrscheinlich aurz usw. = Ferse! Onomatopoetisch verwandt Kranich mit gleichbed. arab. γurnūk berb. γernug. Naturlaute (36ff.) baubau, kuku daher unser gucken (vgl. 76f.). Einen Index konnte ich nicht mehr dazu machen; ich mußte die Sache möglichst noch zu Ende führen.
Mit herzlichem Grüßen und Wünschen
Ihr getreuer
HSchuchardt
1 Original Freiburg, UB NL 25/260, Nr. 10.
2 Schuchards Karte ist nicht erhalten.
3 Vgl. Schuchardt an Kluge, Brief 13 ( 57-HSFK_13).
5 Vgl. Schuchardt an Kluge, Brief 13 (57-HSFK_13).
Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Universitäts-Bibliothek Freiburg i.Br. (NL 25/260). (Sig. HSFK_10)
