Friedrich Kluge an Hugo Schuchardt (58-05632)

von Friedrich Kluge

an Hugo Schuchardt

Freiburg im Breisgau

02. 09. 1918

language Deutsch

Schlagwörter: Etymologie Reflexion über Forschung Reflexion über wissenschaftliche Disziplinen / akademische Fächer Sprachwissenschaft (Reflexion) Erster Weltkrieg Sprachphilosophie Schulz, Hans (1913)

Zitiervorschlag: Friedrich Kluge an Hugo Schuchardt (58-05632). Freiburg im Breisgau, 02. 09. 1918. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5659, abgerufen am 31. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5659.


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Freiburg 2. Sept. 18.
Thurnseestr. 11.

Verehrtester Kollege!

Sie müssen mein langes Schweigen gütigst entschuldigen. Ich hatte eine neue Auflage fertig zu machen,1 und das hat meine ganze Kraft in Anspruch genommen. Sie können sich denken, wie mühselig und langsam all mein Arbeiten vonstatten geht ohne die eigenen Augen. Ich hatte Ihnen vor 3 Tagen ein fertiges Exemplar zugeschickt. Es handelt sich |2| um mein Buch „Von Luther bis Lessing“, für das ich Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit erbitte.

Sie haben einmal irgendwo gesagt Sprachgeschichte wäre Bedeutungsgeschichte. Das unterschreibe ich zwar, meine jedoch, daß z.B. eine deutsche Sprachgeschichte daneben manches andere zu leisten hätte. Ich bin, wie Sie selber, immer gegen die einseitige Lautklauberei gewesen, aber anderseits versage ich doch gegenüber der Vielseitigkeit der sprachgeschichtlichen Aufgaben. Und meine neue Aufl. von L. bis Less. hat mir wieder gezeigt, daß ich zu schwach für die Größe der Aufgabe bin. Aber wer faßt schließlich solche deutschsprachlichen Probleme in großem |3| Stil an, wenn ich es nicht tue?

Mein hoffnungsvoller Schüler Hans Schulz2 ist Anfang 1915 im Westen gefallen. Der Verlag ist noch nicht schlüssig, wer das Werk3 fortsetzen soll, zu dem Hans Schulz reichliches Material gesammelt hatte. Ich selber kann es nicht übernehmen, so leid es mir tut. Eben ist wieder eine neue Auflage von meinem Büchlein „Unser Deutsch“ im Satz. Und in der letzten Zeit habe ich mich ausschließlich mit dem alten Hildebrandslied beschäftigt,4 das nächst Heft von Braunes Beiträgen wird einen Aufsatz bringen, auf den ich schon jetzt Ihre Aufmerksamkeit hinlenke.5

Die neue Aufl. meines Büchleins „Unser Deutsch“ soll mir jetzt die Veranlassung geben, mich im Zusammenhang über Sprachreinigung |4| zu äußern. Im wesentlichen stehe ich doch auf der Seite der Sprachreiniger. Auf der Seite der Berliner Akademie kann ich nicht stehen, weil sie allem, was deutsche Sprache heißt, feindlich gesinnt ist. Sie hat sich den großen Betrug gegen die deutsche Sprachforschung geleistet, daß sie es fertig brachte, als der Kaiser ihr drei Sitze hauptsächlich für deutsche Sprachforschung stiftete,6 für deutsche Sprachforschung niemand zu berufen, indem sie für Sprachforschung Sprache = Philologie einsetzte.

Ihre Anzeige über Meyer-Lübkes Namenstudien7 ist mit 14tägiger Verspätung bei mir eingelaufen. Die got. Entsprechung unserer Ecke wäre *agja.

Mit der Bitte mir den Empfang meines Buches mit einer Postkarte bestätigen zu wollen grüßt Sie in steter Verehrung

Ihr getreuer

Kluge


1 Von Luther bis Lessing: Aufsätze und Vorträge zur Geschichte unserer Schriftsprache, Leipzig 1918.

2 Hans Schulz (1886-1915) war 1908 von Kluge in Freiburg i.Br. promoviert, 1910 habilitiert worden. Er ist am 10.1.1915 bei St. Ausin / Nordfrankreich gefallen.

3 Deutsches Fremdwörterbuch, Leipzig 1913f., vgl. Schuchardt an Kluge, Brief 13 (57-HSFK_13).

4 Kluge, Hildebrandslied, Ludwigslied und Merseburger Zaubersprüche, Leipzig 1919.

5 Kluge, „Die Heimat des Hildebrandslieds“, Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 43, 1918, 500-517.

6 Die Stiftung erfolgte aus Anlass des Akademie-Jubiläums im Jahr 1900. Gewählt wurden der Keltologe Heinrich Zimmer (1851-1910), Konrad Burdach (1859-1936) und Andreas Heusler (1865-1940). Im Jahr 1903 bildeten Erich Schmidt, Burdach und Gustav Roethe die Deutsche Kommission; vgl. auch Kluge, „Zur Nachfolge Erich Schmidts. Akademische Zeit- und Streitfragen, Freiburg i.Br. 1913.

7 Schuchardt, „[Rez. von:] W. Meyer-Lübke, Romanische Namenstudien. II. Heft. Weitere Beiträge zur Kenntnis der altportugiesischen Namen“, Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 39, 1918, 194–199.

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