Friedrich Kluge an Hugo Schuchardt (44-05619)

von Friedrich Kluge

an Hugo Schuchardt

Freiburg im Breisgau

31. 03. 1915

language Deutsch

Schlagwörter: Lazarillo de Tormes Frankfurter Zeitung Rezension Erster Weltkrieg Sprachkontaktforschung/Kontaktlinguistik Streicher, Oskar Meyer-Lübke, Wilhelm Diez, Friedrich Streicher, Oskar (1915)

Zitiervorschlag: Friedrich Kluge an Hugo Schuchardt (44-05619). Freiburg im Breisgau, 31. 03. 1915. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5645, abgerufen am 19. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5645.


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Freiburg, 31. März 1915 Thurnseestr. 111

Verehrter Kollege!

Schon lange fühle ich mich in Ihrer Schuld, weil ich mein Versprechen nicht gehalten habe, Ihr Büchlein in der Frankfurter Zeitung zu besprechen.2 Aber besprochen habe ich Ihre Broschüre und die Besprechung im Dezember an die Frankfurter Zeitung geschickt, zu der ich schon lange gute Beziehungen habe. Als dann aber die Besprechung bis Mitte Januar nicht gedruckt wurde, reklamierte ich und bat um die eventuelle Rücksendung meines Manuskripts. Aber meines Wissens |2| ist die Besprechung nie erschienen, und ich habe auch mein Manuskript nicht wieder erhalten.

Nun kann in dieser Kriegszeit die Redaktion die Besprechung irgendwie verbummelt haben, sie ist vielleicht auf dem Redaktionstisch unter andere Papiere geraten und nicht wieder zum Vorschein gekommen. Jedenfalls hätte ich auf meinen zweiten Brief eine Antwort erhalten müssen, sie ist aber ausgeblieben.

Um des Roten Kreuzes willen3 tut es mir sehr leid, daß ich in der Frankfurter nicht zu Wort gekommen bin, und deswegen möchte ich Sie hiermit um Entschuldigung bitten. Hoffentlich hat Streichers Besprechung in der Zeitschr. d. Sprachvereins4 guten Erfolg gehabt. Und |3| ich zweifle auch sonst nicht, daß die Broschüre überall Freude und Zustimmung gefunden hat.

Ich muß auch noch für Ihre portugiesischen Flugblätter5 herzlich danken. Es ist eine sorgenvolle Zeit, und die meisten Sorgen bereiten uns einige Neutralen. Wenn nur die Abrechnung mit England auch endgültig gelingt. Der Haß gegenüber England resp. gegen seine politischen Leiter wächst immer noch bei uns; wie soll es nach dem Kriege gehen?

Im Winter hatten wir noch leidlich Zuhörer, aber im Sommer werden sie noch weniger werden. Das wäre die kleinste Sorge, wenn nicht alle ihr Leben aufs Spiel setzten.

Ich muß durcharbeiten, denn sonst kann ich mich kaum noch nützlich machen, außer mit Lazarettvorträgen und Rote |4| Kreuz-Vorträgen. Die Ferien verwende ich jetzt dazu, aus Glossen und mlat. Literatur Germanisches von dem Typus helmus mastus laubia danea waranio scancio marchio usw. zusammenzutragen.6Meyer-Lübke läßt einen völlig im Stich, aber Diez ist ein guter Führer. Ich habe gegen 500 solcher Worte gesammelt und glaube damit auch der Romanistik einen Dienst zu erweisen. Die Verifizierung der Belege aus Ducange7 ist dabei die größte Schwierigkeit.

Für Ihre Gesundheit wünsche ich das beste und wir wollen beide hoffen, daß der Frühling uns bald mehr Stimmung und Mut und Erfolg bringt.

In herzlicher Verehrung

Ihr getreuer

Kluge


1 Diese Straße schreibt sich heute „Turnseestraße“.

2 Vgl. Lfd.Nr. 42-05617 u. 43-05618

3 Bezug unklar.

4 Oskar Streicher, Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins 30(1), 1915, 13-14.

5 Schuchardt, Die Schmähschrift der Akademie der Wissenschaften von Portugal gegen die deutschen Gelehrten und Künstler. Eingeleitet, abgedruckt und übersetzt, Graz 1915.

6 Vgl. Lfd.Nr. 43-05618

7 Ducange [u.a.], Glossarium mediae et infimae latinitatis, Niort 1837-87 .

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05619)