Friedrich Kluge an Hugo Schuchardt (41-05616)
von Friedrich Kluge
an Hugo Schuchardt
14. 10. 1914
Deutsch
Schlagwörter: Etymologie Sprachkontakt (allgemein) Bitte um wissenschaftliche Meinung
Litauisch Murray, James A.H. (1888)
Zitiervorschlag: Friedrich Kluge an Hugo Schuchardt (41-05616). Freiburg im Breisgau, 14. 10. 1914. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5642, abgerufen am 19. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5642.
Verehrter Kollege!
Ich beschäftige mich für das Et. Wb. mit nhd. Vielliebchen = frz. philippine. Was Murray1 unter engl. philippine bietet, ist das einzige Positive, das mir vorliegt. In Deutschland Belege erst seit 1850. Das Deutsche kann so gut aus dem Engl. Franz. stammen, wie umgekehrt. Können Sie raten und helfen? Kennen Sie Zeugnisse für das frz. Wort vor 1850? Was ist das Grundwort und welche Sprache hat entlehnt? Kein Hülfsmittel schafft Rat; vielleicht können Sie es.2 Ich sitze am Et. Wb., andere Arbeiten im öffentlichen Dienst kann ich ja leider nicht übernehmen. Wir freuen uns, daß es überall |2| gut geht und behalten Mut und Vertrauen in unsere gerechte Sache.
Indem ich Ihnen alles Gute für die Gesundheit wünsche, grüßt Sie mit herzlichem Dank wie immer
Ihr ergebener
Kluge
1 Vermutlich A New English Dictionary on historica principles, ed. by James A.H. Murray u.a., Oxford 1888-1933, 9 Bde.
2 Da Schuchardts Antwort nicht erhalten ist, vertrauen wir dem DWb 26, 1951, col. 241-242. Ein Vielliebchen ist demnach eine Zwillingsfrucht, insbesondere eine Mandel mit zwei Kernen. Die Doppelfrucht wird zu einem Gesellschaftswettspiel zwischen einem Herrn und einer Dame, die sich die beiden Kerne teilen. Wer am nächsten Morgen zuerst zu dem andern Teil sagt: ,Guten morgen, Vielliebchen‘, der hat das Vielliebchen gewonnen. Nach einigen Quellen soll das Wort aus dem Litauischen stammen; Jeanroy und Bertoni setzen hingegen eine Zeile des Percivalle Doria (gest. 1264) als Quelle von franz. philippine an: „eu et tu foram felip“ (noi due saremmo amici intimi) [Romania 40, 457].
