Matthias Friedwagner an Hugo Schuchardt (22-03170)

von Matthias Friedwagner

an Hugo Schuchardt

Frankfurt am Main

31. 01. 1922

language Deutsch

Schlagwörter: 80. Geburtstag Reflexion über Forschung Lebenswerk Leipziger Illustrierte Zeitung Max Niemeyer Verlag Hugo-Schuchardt-Brevier Nachrufe Volksmusik Erster Weltkrieg Dankschreiben Romanistik Frankfurter Zeitunglanguage Rumänischlanguage Keltische Sprachenlanguage Kaukasische Sprachenlanguage Nubische Sprachenlanguage Albanischlanguage Baskischlanguage Arabisch Cornu, Julius Meyer-Lübke, Wilhelm Österreich Graz Spitzer, Leo (1922)

Zitiervorschlag: Matthias Friedwagner an Hugo Schuchardt (22-03170). Frankfurt am Main, 31. 01. 1922. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5590, abgerufen am 30. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5590.


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Frankfurt a.M. 31. Jänner 1922
Krögerstr. 2

Hochverehrter Herr Hofrat!

Am 4. Februar vollenden Sie Ihr 80. Lebensjahr. Was Sie in dieser langen, vom Schicksal Ihnen gnädig gewähren Frist alles geschaffen und gewirkt haben, mag Ihnen rückschauend doch viel Freude und Befriedigung gewähren. Wer das erreicht, daß er ohne Reue alles Tun betrachten kann und vieles mit Freude, der kann sich glücklich nennen. Und so ist auch Ihr langes Leben, das uns und Ihnen noch lange erhalten bleiben möge, ein erfolgreiches und gesegnetes gewesen. Die Zeit wird Ihrem Werk wenig anhaben können! |2| Eine fast unfaßbare Leichtigkeit und ein nie erlahmender Fleiß haben dieses Lebenswerk zu einer Höhe aufgerichtet, die alles weit überragt, was ein Mensch in einem noch so langen Leben leisten kann. Vor dieser Begabung und dieser Lebenskraft neigen wir alle uns in Bewunderung.

Möge Ihnen Gesundheit in einer langen Reihe von Lebensjahren beschieden sein!

Viele Ehrungen und Glückwünsche stehen Ihnen bevor und ich will mich kurz fassen, wenn ich berichte, dass die „Leipziger Illustr. Zeitung“ dieser Woche1 und die „Frankfurter Zeitung“ im 1. Morgenblatt des 4. Februar eine kleine Übersicht über Ihre Arbeiten gibt2, soweit dies überhaupt und auf so engem vorgeschriebenen Raum möglich wird. Beide Blätter werden Ihnen zugestellt werden. Die Sorge |3| mehr Verdruß als Freude zu bereiten, ist berechtigt und auf Erfahrung gegründet. Auch sind Sie über die menschliche Eitelkeit, die starke Töne liebt, erhaben und so können nur die guten Absichten und Wünsche, nicht die gewählte Art der Ehrung mir gutgeschrieben werden. Es ist schon einiges erreicht, wenn ein Verfasser bei solchen Anlässen nicht die bewährte Freundschaft gefährdet.

Wenn ich mir gestatte, ein solches Wort hier zu gebrauchen, so darf ich sagen, daß ich es nur heute tue, wo die Freude über Ihre Anerkennung auf der letzten Karte noch nachklingt. In anderem Fall wäre es geschmacklos und zudringlich, obgleich leider meine Jahre allein schon mich davor bewahren.

Unserem lieben Cornu habe ich gern einige Zeit gewidmet.3 Ich habe ihm vieles zu danken; denn in einer Zeit, wo man mich um jeden Preis herabsetzen wollte, hat er auf mich |4| tröstend gewirkt und mich vor mir selbst beruhigt. Ich habe damals verzichtet, auf Ihren Lehrstuhl zu steigen, und das war wohl begründet. Ohne das Vertrauen aller leistet ein Lehrer nichts, auch nicht der Gelehrte. Vieles was in Arbeit war, habe ich liegen gelassen, weil Meyer-Lübke ja doch nur einen Anlass brauchte, mich schlecht zu machen, um sein eigenes, nicht allzuempfindliches Gewissen zu beruhigen. Wenn ich Raoul von Houdenc nicht vollendet, den ich ihm gewidmet, so ist das sein Werk.4Mephisto I nannte ihn Cornu, aber auch noch anders.

Eine Festschrift herauszugeben hatte zwar Niemeyer nicht abgelehnt, doch wegen der Kosten eher zuwartend in Erwägung gezogen. Da eine Beteiligung der Welt, soweit sie Sprachwissenschaft treibt, nicht wohl |5| zu erwarten war und die Deutschen allein keinen angemessenen Eindruck gemacht haben würden, Sie zudem über Sammelfestschriften ein eigenes Urteil haben, das wir unterschreiben müssen, ist gegenwärtig nur Spitzers "Schuchardt-Almanach“ bei Niemeyer vorbereitet.5 Ich will kein Geheimnis lüften, das ich nicht weiter kenne. Einen Aufsatz hätte ich wohl vorbereitet gehabt, aber ich wurde, was ich der Bonner Luft und der übrigen Umwelt zuschreiben könnte, nicht eingeladen.

Cornu ist, wie Sie richtig bemerkten, für uns alle zu jung dargestellt. So sah er mit 35 Jahren aus. Ich hatte seine Witwe öfters um ein späteres Bild – etwa das Bild des Grazer Seminars beim Abschied – gebeten, aber sie sagte nichts darauf, so daß ich das mir übergebene verwerten mußte.

|6| Von der Wiener Volksliedersammlung und den dortigen Ober- und Unterausschüssen hörte ich seit Jahren nichts. Unbezahlte Quittungen habe ich privat geregelt. Nun bietet mir für meine große Sammlung rumänischer Lieder und ihre Weisen (letztere etwa 2500 Stück!) Puşcariu seine neue rumänische Bibliothek an. Ich möchte aber doch lieber eine deutsche Veröffentlichung machen, in der Gesellschaft für roman. Literatur, wenn die Wiener mich nicht haben wollen.6 Lange Jahre bin ich darüber gesessen. Fertig ist freilich nichts. Wer hätte im Kriege, wo täglich Bomben und traurige Nachrichten kamen, letztere schlimmer als die ersten, bei leerem Magen Volkslieder unserer Feinde druckfertig machen können! Jetzt will ich wieder nachsehen, was damit zu |7| machen ist. Doch für diesmal Schluß.

Da ich jetzt, das erstmal im Leben, keine Wiener Blätter mehr halte, weiß ich leider nichts von den Veranstaltungen, die Oesterreich Ihnen zu Ehren machen wird. Graz wird ja wieder in erster Linie seine Pflicht tun. Jetzt Dekan oder Rektor in Graz zu sein, das würde mich mehr als jede Würde freuen!

So nehmen Sie, hochzuverehrender Herr Hofrat, meine und meiner Frau herzliche Glückwünsche und Versicherungen der Verehrung, Treue und Dankbarkeit gütigst entgegen! Möge Ihnen ein noch langes, glückliches Leben beschieden sein! Das walte Gott!

In ausgezeichneter Verehrung

Ihr dankbar ergebener

M. Friedwagner


1 Friedwagners Text findet sich in Leipziger Illustrierte Zeitung 4067, 158 Bd., Februar 1922, 128: „Am 4. Februar feierte die wissenschaftliche Welt, soweit in diesen Zeiten geistiger Verwirrung noch Sinn für die Ehrung eines großen deutschen Forschers vorhanden ist, den 80. Geburtstag Hugo Schuchardts. Vor dem Kriege haben ihn viele auswärtige Akademien durch seine Wahl zum Mitglied und damit auch sich geehrt; sein Ansehen ist nicht gemindert, wenn diesmal nur der engere Kreis der deutschen Gelehrten sich um ihn scharte. Ihre Glückwünsche waren echt und herzlich. Schuchardt ist nicht nur ein Altmeister der Romanistik, er bleibt ein Großmeister der allgemeinen Sprachwissenschaft für alle Zeiten. Geboren 1842 in Gotha, 1864 Doktor in Bonn, 1870 Privatdozent in Leipzig, wurde er schon 1873 Professor der romanischen Philologie in Halle und folgte 1876 einem Ruf nach Graz, wo er sich 1900 als Hofrat vom Lehramt zurückzog. Seither lebt er in der steirischen Hauptstadt ganz der Wissenschaft und der Pflege seiner Rosen. Seine Forschung, ausgehend vom lebenden, gesprochenen Latein, umfaßt alle romanischen und viele andere (auch außereuropäische) Sprachen, wie Albanisch, Keltisch, Baskisch, Kaukasisch, Arabisch, Nubisch und andere mehr. Aus ihnen und ihren Beziehungen zu einander und zu den bezeichneten Dingen suchte er die Entwicklungs- und Lebensbedingungen der menschlichen Sprache überhaupt zu erforschen. Es interessierten ihn nicht bloß die Literatursprachen, sondern auch die Mundarten und selbst das Stammeln der europäische Sprachen radebrechenden Neger. So ergaben sich ihm neue Anschauungen über Sprachverwandtschaft und Sprachmischung; er fand auch vielfach neue Wege und durfte hoffen, bis zum Sprachursprung selbst vorzudringen, wie und in welchen Ausdrucksformen der Mensch der Urzeit überhaupt zur Sprache kam. Derart gestalteten sich aus seinen vielen Büchern, Abhandlungen und zahlreichen Beiträgen (an 700 Nummern) immer deutlicher die Umrisse eines Gebäudes von einheitlichem und eigenem Stil‘“ (Univ.-Prof. Dr. M. Friedwagner).

2 Friedwagners Text findet sich im HSA unter „Würdigungen und Nachrufe“ (ohne Zuweisung).

3 Friedwagner, „ Jules Cornu †. Zur Erinnerung und Würdigung “, ANSpr 142, 1921, 209-216.

4 Was FriedwagnerMeyer-Lübke genau vorwirft, konnte nicht ermittelt werden.

5 Gemeint ist natürlich das Schuchardt-Brevier.

6 Die Volkslieder erschienen letztlich bei Triltsch in Würzburg.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 03170)