Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (212-127)

von Hugo Schuchardt

an Georges Lacombe

Graz

19. 02. 1912

language Deutsch

Schlagwörter: Anthroposlanguage Etruskisch Urquijo Ybarra, Julio de Aranzadi y Unamuno, Telesforo de Stempf, Victor

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (212-127). Graz, 19. 02. 1912. Hrsg. von Katrin Purgay (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5377, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5377.


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Graz, 19.2.12

Sehr geehrter Herr und Freund,

Ich freue mich außerordentlich daß zwischen Ihnen und de U. wieder Einverständnis herrscht. In diesem Sinn habe ich eben an den letzteren geschrieben, und außerdem von Neuem ihn angeregt die Beziehungen zwischen Redaktion, Druckerei und Verfassern zu regeln. Jetzt wird doch Alles von Fall zu Fall entschieden, und zwar stets mit einer beträchtlichen Zeitversäumnis. De U. schrieb mir am 15., er hätte den ersten Bogen von der Druckerei telegraphisch verlangt; er werde mir ihn dann schicken und wenn ich es nötig fände, würde er noch einmal abgezogen werden. Ich habe ihm nun heute erwidert daß ich darauf |2| verzichte. Den zweiten Bogen habe ich längst an die Druckerei zurückgeschickt mit dem Vermerk: quant à moi, bon à tirer.

Die Druckerei sollte gleichzeitig immer die Druckproben an Redaktion und Verfasser absenden; der letztere sendet die Korrektur direkt an die Druckerei. Die Redaktion nimmt auf diese Weise von jedem Stadium der Korrekturangelegenheit Kenntnis, kann in jedem Augenblick eingreifen wenn ihr etwas nicht passt, und sie gibt das entscheidende Imprimatur.

Im Märzheft des Anthroposwird ein auf meine Besprechung bezüglicher Artikel von Aranzadi mit zwei Seiten von mir erscheinen. Es handelt sich dabei keineswegs um eine Polemik sondern um Ergänzungen, um Nachträge.

|3| Was die Entdeckungen Marthas anlangt, so sage ich mit Faust:

Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Aus dem, was im Journal des Débats steht, glaube ich zu entnehmen daß Martha nicht zunächst das Etruskische aus sich selber heraus zu entwickeln versucht hat (man hat auf diesem Wege doch schon eine gewisse Anzahl gesicherter Ergebnisse gewonnen), sondern daß er einfach probiert hat mit dem ugro-finnischen Schlüßel das Schloß des Etruskischen zu öffnen. Und so ist es denn dazu gekommen die Inschriften anstandslos zu übersetzen. Aber diese Übersetzungen haben eine verhängnisvolle Ähnlichkeit mit dem Stempfschen der iberischen Übersetzungen. Ebenso leicht hat in meiner Jugendzeit der Jenaer Semitist Stickel die etruskischen Inschriften übersetzt – er sah das Etrus|4|kische für eine semitische Sprache an. Die Ugrofinnen gehören dem Nordosten an, sie stehen in keiner nachweisbaren Beziehung zur mediterranen Bevölkerung. Von allen Hypothesen über die Etrusker hat diejenige die größte Wahrscheinlichkeit, welche sie mit der vorarischen Bevölkerung Kleinasiens, bez. des Kaukasus in Verbindung setzt. Aber der sprachliche Nachweis hierfür ist noch nicht erbracht. Wir müssen eben warten bis dort neue Funde gemacht werden oder das schon Gefundene – ich denke dabei vor Allem an die hettitischen Inschriften – gedeutet sein wird.

Mit bestem Gruß

Ihr ergebener

H. Schuchardt

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Fondo Lacombe (Euskaltzaindia). (Sig. 127)