Rudolf Meringer an Hugo Schuchardt (02-07038)

von Rudolf Meringer

an Hugo Schuchardt

Wien

30. 09. 1897

language Deutsch

Schlagwörter: Dankschreiben Publikationsversand Forschungsreise Nachsendung Gesundheitlanguage Englisch (Indien) Henry, Victor Graz Schuchardt, Hugo (1897)

Zitiervorschlag: Rudolf Meringer an Hugo Schuchardt (02-07038). Wien, 30. 09. 1897. Hrsg. von Verena Schwägerl-Melchior (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5304, abgerufen am 25. 09. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5304.


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Wien 30/9 97

Hochverehrter Herr Hofrath!1

Ich komme erst jetzt dazu Ihnen für die Zusendg der Besprechung von V. Henry Antinomies etc. herzlichst zu danken.2 Der SA hat mich nämlich vor Monaten in Dolnja Tuzla angetroffen, aber ich war nirgendwo sesshaft u. kam erst nach Abschluss meiner langen Reise dazu ihn zu lesen.3

Dass ich wieder die größte Freude hatte, werden Herr Hofrath mir glauben. Mir ist die Abhandlung Henry’s zu speculativ, zu formell, ich finde sie von einer abgeschmackten Geziertheit. Eine einzige |2| Beobachtung ist mehr wert als all dies geistvolle Spiegelfechten.

Herr Hofrath sehen, daß ich kein Talent habe für Arbeiten wie die Henry’s. Um so mehr Freude hatte ich mit Ihrer Anzeige, die maßvoll u überzeugend Stellung gegen ihn nimmt. Ich unterschreibe auch diese Ihre Arbeit Wort für Wort.

Wenn es Ihnen doch gefiele jenes Buch zu schreiben, daß aber nur Sie schreiben könnten, eine Methodologie der Sprachwissenschaft, Wesen der Sprache u der Sprachen, dann eine Kritik u. Zusammenstellung aller bisher verwandten Erklärungsprinzipien.4 Das letztere ist noch nie auch nur angestrebt worden. |3| Sie errathen dabei vielleicht schon daß ich sehr gerne mitarbeiten würde, wenn Ihnen das Freude machte.

Ich wollte die Heimreise von Bosnien u d. Herceg. über Graz zurücklegen. Die Nachricht von der Erkrankung G M’s5 hielt mich davon ab. Das ist der Grund, warum ich Ihnen den freundlichen Besuch noch nicht erwidert habe.

In aufrichtigster Verehrung

Ihr sehr ergebener

Rudolf Meringer


1 Schuchardt wurde erst anlässlich seiner Pensionierung im Jahr 1900 der Hofrat-Titel verliehen. Ob Schuchardt Meringer aufgrund der falschen Titelverwendung korrigierte, ist aufgrund des Fehlens der Gegenbriefe nicht feststellbar. In der folgenden Korrespondenz verwendet Meringer bis zum Jahr 1900 allerdings konsequent die Anrede „Professor“.

2 S chuchardt, Hugo. 1897. '[Rez. von:] Henry, Victor, Antinomies linguistiques'. In Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 18: 238-247 [HSA 322].

3 Meringer war dort vermutlich im Kontext seiner Forschungen zum bosnisch-herzegowinischen Haus. Häuser aus der Gegend um Dolnja Tuzla finden sich in seiner 1900 publizierten Arbeit 'Das volksthümliche Haus in Bosnien und in der Hercegovina' (erschienen in Wissenschaftliche Mitteilungen aus Bosnien und der Hercegowina, 7, 247-290.

4 Eine solche Arbeit hat Schuchardt nie verfasst.

5 Gustav Meyer (1850-1900), Sprachwissenschaftler und Freund Hugo Schuchardts, der im gleichen Haus wie dieser wohnte, erkrankte 1897 schwer.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07038)