Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (123-SG37)

von Hugo Schuchardt

an Henri Gaidoz

Gotha

20. 04. 1899

language Deutsch

Schlagwörter: Politik- und Zeitgeschichte Dreyfus-Affärelanguage Esperanto

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (123-SG37). Gotha, 20. 04. 1899. Hrsg. von Magdalena Rattey (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5283, abgerufen am 14. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5283.


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V.H.

Nicht die Idee Gaston Mochs1 aber die Form, in der sie auftritt, wird ihrer Propaganda in Deutschland hinderlich sein. Ich rede gar nicht von der Kinderei jetzt ein Banner für die Rep. Rh. anzusinnen und abbilden zu lassen; bei den Franzosen selbst verdirbt ja oft eine solche Aeusserlichkeit den Geschmack an einer guten Sache. Aber man wird allen Nachdruck auf die Erledigung der Vorfragen legen. Man wird z.B. sagen; ein traité permanent bedeute heutzutage gar Nichts, wo so viele traités permanents gebrochen worden sind. Wer soll die Bürgschaft für die Einhaltung dieses Vertrags übernehmen? Europa? Nun, dann müsste erst das europäische "Concert" auf feste Füsse gestellt werden, da müssten ganz andere Revisionen vorher erledigt werden. Dass aber die einfache Versicherung des einen Contrahenten dem andern genügen müsse, das ist ganz ausgeschlossen. Kaum dass im Privatleben in Sachen von ungeheurer Wichtigkeit dem Ehrenwort des Individuums vertraut wird. Das Individuum kann als etwas in sich gleiches vorausgesetzt werden; eine Nation nicht. Und das ist eben der Kardinalpunkt: Wie sehr man in Deutschland die Fr. als Kulturvolk schätzt, das Misstrauen gegen sie in politischer Hinsicht ist ausserordentlich. Man wird auf die Instabilität der Fr. hinweisen, man wird Napoléon und Boulanger citiren, man wird sagen die eine Generation werde sich nicht an die Verbindlichkeiten kehren die eine andere eingegangen ist, man wird besonders auf die unselige Angelegenheit der letzten Jahre hinweisen. Ich höre die vernünftigsten, die unchauvinistischsten meiner Landsleute: „Ja, wenn alle Franzosen wie H. Gaidoz, G. Paris u.s.w. dächten, dann…… Aber sind nicht die Deroulèdes2, die Rocheforts3  u.s.w. in der Majorität?” - Den Gegenstand des Lam.´s [Lamanski] Vortrag in der Petersb. geogr. Ges. habe ich nicht angegeben gefunden, auch nicht das Datum (es war aber vor ganz Kurzem); das Citat daraus - ein sehr langes - lief durch die deutschen Zeitungen, ich will sehen ob ich irgend eine bezügliche Zeitungsnummer auftreibe.

Herzlich grüssend

Ihr

H.Sch.

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1 Gaston Moch (1859-1935), frz. Pazifist und Anhänger der Esperantobewegung. Als capitaine d'artillerie und somit Kamarad Dreyfus‘ setzte er sich für dessen Verteidigung ein. 1894 verließ er die Armee. Seine Publikationen in den 90er Jahren des 19. Jh. behandeln u.a. die Alsace-Lorraine Problematik. 1897 erschien seine Broschüre La question de la langue internationale et sa solution par l'esperanto (Paris: Giard & Brière), 1899 das Werk L’Ère sans violence (Paris: Éditions de la "Revue blanche"). (Vgl. z.B. Gaston Moch (1859-1935) von Paul-Henri Bourrelier. In: Réalités industrielles, Août 2008, pp. 48 à 61).

2 Paul Déroulède (1846-1914), frz. Schriftsteller. Er gehörte dem Groupe boulangiste an und gründete 1882 die Ligue des patriotes .

3 Henri Rochefort (1831-1913) war frz. politischer Schriftsteller und Vertreter des polemischen Pamphlets.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Fondo Lacombe (Euskaltzaindia). (Sig. SG37)