Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (120-SG35)

von Hugo Schuchardt

an Henri Gaidoz

Gotha

15. 04. 1899

language Deutsch

Schlagwörter: Nationalität

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (120-SG35). Gotha, 15. 04. 1899. Hrsg. von Magdalena Rattey (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5280, abgerufen am 14. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5280.


|1|

V.H.

Bezüglich des von Ihnen beabsichtigten Zusatzes habe ich nur zu bemerken, dass mir der ganze Satz nicht zu passen scheint der doch eine Erläuterung zu den Worten des Kroaten bilden soll. Hier tadeln Sie ja die Ausdrucksweise und nicht das Thatsächliche. Warum wollen Sie denn gerade sich auf den deutschen Chauvinismus gegen die Polen beziehen und nicht auf den magyarischen gegen die Rumänen, den russischen gegen die Finnen u.s.w.? - überall ist von der betreffenden Kultur die Rede; wenn sie von deutscher Kultur (in kursiver Schrift!) reden, so muss man meinen dass die Deutschen sich da irgend eines Besonderen schuldig gemacht haben, was doch gar nicht der Fall ist. Warum wollen Sie nicht die Worte: „Cela me rappelle …. Deutsche Cultur” nicht einfach unterdrücken? [1] Diese ganze Parenthese scheint darauf zu beruhen dass culture im Französischen nicht gleichen Gebrauchsumfang hat wie im Deutschen und andern Sprachen. - Als Curiosum müssen die Äusserungen eines Vollblutrussen, W.J. Lamanski1, in einem Vortrag in der kais. geogr. Gesellschaft zu Petersburg betrachtet werden, der nachdrücklich gegen die „Gleichberechtigungs“bestrebungen der Tschechen „eines kleinen und noch keineswegs hoch civilisirten Volkes” mit einer „der Welt fast unbekannten Sprache” und zu Gunsten der deutschen Sprache auftritt.2 Was wohl der ehrenwerthe Jakić dazu sagen wird?

Mit besten Grüssen

Ihr

H.Sch.

* Cela me rappelle les journaux magyars où l’on parlé sans cesse de la magyar kultúra dont on se prévale pour vouloir magyariser 3 millions de roumains --- das würde weit weniger unbillig sein.

|2|

1 Wladimir Iwanowitsch Lamanski (1833-1914), russischer Slawist, Historiker und Philologe.

2 Im Grazer Tagblatt (S. 2, Sp. 3) vom 15. April 1899 (Nr. 104) steht: „Den ‚Münchner Neuesten Nachrichten‘ wird über die Rede des Vollblutrussen Lamanski aus Petersburg berichtet: ‚Lamanski gieng von der Thatsache aus (…), dass die Tschechen eine kleines und noch keineswegs hoch civilisiertes, die Deutschen aber ein mächtiges, altes Culturvolk seien. (…) Zu verlangen, dass die Deutschen tschechisch lernten, welches eine der Welt fast unbekannte Sprache bleibe, wäre nicht wenig absurd.‘ (…)“ (vgl. ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Fondo Lacombe (Euskaltzaindia). (Sig. SG35)