Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (103-SG27)

von Hugo Schuchardt

an Henri Gaidoz

Graz

20. 01. 1899

language Deutsch

Schlagwörter: Nationalismus Mélusine. Recueil de mythologie, littérature populaire, traditions et usages. Biographisches Gesundheit Folkloregesellschaft (Graz) Wolf, Michaela (1993) Oberpeilsteiner, Susanne (2016) Schuchardt, Hugo (1899) Schuchardt, Hugo (1884)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (103-SG27). Graz, 20. 01. 1899. Hrsg. von Magdalena Rattey (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5263, abgerufen am 14. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5263.


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Graz 20 Jänner 1899

Verehrter Herr,

Die Dämmerung überraschte mich vorgestern; ich konnte nicht Alles schreiben was ich beabsichtigte zu schreiben. Über das Junctim wusste ich nicht mehr als Sie, und Ihre Ansicht schien mir richtig zu sein. Inzwischen habe ich mich an bester Quelle darüber unterrichtet. Das östr. Staatsw. von Mischler und Ulbrich1 sagt: „Wenn Gesetz-Vorlagen derartig innerlich zusammenhängen, dass sie zwar in den Gesetzgebungskörperschaften aufeinander folgend behandelt werden können, die aber ihres innern Zusammenhangs wegen nur gemeinsam und unter der Bedingung behandelt werden, dass sie zugleich gelten, zugleich sanctionirt werden sollen, so nennt man solche Vorlagen in Ungarn Junctim-Vorlagen. - Es ist in Ungarn in neuester Zeit, aus Anlass der kirchenpolitischen Gesetze, der Ausdruck |2|Junctim-Vorlagen in Gebrauch gekommen.

Erst heute schicke ich Ihnen die Artikel über Galizien, die Serie ist jetzt erst abgeschlossen - und diese Polen welche sich selbst nicht haben beherrschen können, wollen uns beherrschen! Nur weil sie schlau sind und Höflingsmanieren haben! Ich habe im vorigen Jahre die Denkwürdigkeiten des Pan Severin Soplica (zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts) gelesen, in deutscher Uebersetzung2 (Reclam 701-704 zusammen 80 Pfennige); man glaubt die Märchen aus Tausend und Einer Nacht zu lesen. Übrigens, wiederhole ich es, wenn auch in der neuerliche Verbrüderung zwischen Tschechen und Polen viel Sentimentalität steckt, die letzteren werden schliesslich doch nur ihre eigenen Interessen haben, und diese sind gegen das tschechische Staatsrecht - von den Deutschen haben ja die Polen gar Nichts zu besorgen. Und, trotz der Brochüre Langs3, werden sich die Magyaren mit Händen und Füssen gegen den Trialismus4 wehren.

Oestreich ist bisher das aristokratischste Land Europas gewesen; die Aristokratie spielt hier auch heute noch eine Rolle wie nirgend anderswo. Aber auch das wird sich ändern, der demokratische Geist ist in den letzten Jahren sehr lebendig geworden. Der Roman einer Grazer Aristokratin (die ich persönlich kenne) gibt eine getreue Schilderung der „Gesellschaft“.5|3|

Die Mélusine6 habe ich unserem Bibliothekar lebhaftest zur Anschaffung empfohlen. Die Bibliothekare lassen sich auch zu den billigsten Zeitschriften nur ungern herbei, weil sie die dauernden Belastungen möglichst vermeiden und die Zeitschriften ausserdem (wie ich in meiner eigenen erfahre) mancherlei Unbequemlichkeiten mit sich führen. Ich habe zu meinem Bedauern festgestellt dass die M. in keiner öffentlichen östreichischen Bibliothek gehalten wird (wir haben nämlich einen Gesamtkatalog über die Zeitschriften). Ich hätte schon früher dazu gethan, aber, obwohl ich gelegentlich mit dem Folklore zu thun habe, bin ich doch kein Folklorist. Freilich habe ich einstmals mit G. Meyer eine Folkloregesellschaft gegründet und war deren Präsident; aber wir sind nie über die constituirende Sitzung hinausgekommen und ich beglückwünsche mich dazu - tot capita tot sensus!7

Ich möchte Sie bitten mich bei E. Rolland, zu dem Sie ja in nahen Beziehungen stehen, zu entschuldigen. Er schickte mir vor längerer Zeit den ersten Band seiner Flore pop.8 mit der Bitte ihn zu besprechen. |4| Ich hatte auch die beste Absicht, verfügte sogar über die einleitenden Worte - die ich stets am Schwersten finde - aber anderes kam dazwischen.9 Meine Gesundheit ist schlecht, meine Kräfte schwach und ich bürde mir zu vielerlei auf. So erklärt es sich dass ich ihm auch nicht gedankt habe, was ich sonst bei jedem mir geschenkten Buche thue. Ich konsultiere seine Faune pop.10 (und auch den ersten Band der Flore) sehr fleissig.

Mit herzlichem Grusse,

Ihr ergebenster

H. Schuchardt

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1 Österreichisches Staatswörterbuch. Handbuch des gesamten österreichischen öffentlichen Rechtes . Hrsg. unter Mitwirkung zahlreicher Fachmänner von Ernst Mischler und Josef Ulbrich. Band I-II. Wien: Hölder 1857-1912; 2. wesentl. umgearb. Aufl. Band I-IV. Wien: Hölder 1905-1909.

2 Rzewuski, Heinrich. 1875. Denkwürdigkeiten des Pan Severin Soplica Mundschenk von Parnau . Aus dem Polnischen übertragen von Philipp Loebenstein. Leipzig: Reclam.

3 L. Lang. 1898. ' Les nationalités en Hongrie et en Autriche '. In: Revue politique et parlementaire, Band XVIII, Nummer 52, Oktober. Paris: Colin. (Siehe Brief vom 13. November 1898 ( 092-03282), Gaidoz an Schuchardt).

4 Der Trialismus bezeichnet in Hinblick auf die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie ein Konzept der Dreiteilung, und zwar in folgende Staaten: Österreich und Ungarn und ein slawischer Reichsteil. Es blieb jedoch nur bei der Idee des Trialismus.

5 Es könnte sein, dass Schuchardt die Grazer Aristokratin und Schriftstellerin Edith von Salburg (1868-1942, spät. Freifrau Edith Krieg von Hochfelden) meint. Ihre Kindheit verbrachte sie in Graz und lebte dort bis zu ihrer Heirat mit Franz Frh. K. v. H. im Jahr 1898. Da von Salburgs Roman „ Die österreichische Gesellschaft. (Tril., Die Exclusiven, Papa Durchlaucht, Die Inclusiven) “ 1897/98 veröffentlicht wurde, also zu der Zeit, als sie sich noch in Graz aufhielt (deshalb „Grazer Aristokratin“), ist anzunehmen, dass Schuchardt sich auf diesen Roman bezieht. (Vgl. ÖBL 1815-1950, Bd. 4 (Lfg. 18, 1968), S. 270f.). Im Schuchardt-Nachlass befindet sich ein Brief aus dem Jahr 1889 von Edith von Salburg (09891), mit einen Gedicht an Hugo Schuchardt (vgl. Wolf 1993).

6 Damit ist die 1877 von Gaidoz und Rolland gegründete Zeitschrift Mélusine. Recueil de mythologie, littérature populaire, traditions et usages. gemeint. Sie erschien bis 1912. In Brief (090-03280) fragt Gaidoz, ob die Mélusine in Graz erhältlich sei.

7 Wie aus einem Artikel von Elisabeth Egger und Susanne Oberpeilsteiner in den Grazer Linguistischen Studien (2016, Heft 85) hervorgeht, erwähnt Ludwig Katona (1900: 220, zit. nach. Egger / Oberpeilsteiner 2016) im Nachruf auf Meyer: „dass Meyer im Einvernehmen mit Schuchardt 1882 eine Folklore-Gesellschaft in Graz gründen wollte, dass dieses Bestreben aber nicht über die konstituierende Sitzung hinauskam.“ Darüber hinaus weisen die Autorinnen auf einen Feuilletonbeitrag mit dem Titel „Folklore“ von Schuchardt und Meyer in der Grazer Tagespost vom 22. Juni 1882 hin. (Vgl. Elisabeth Egger & Susanne Oberpeilsteiner. 2016. ‘ ‘Ich werde mir erlauben (…)’ Die Korrespondenz von Wilhelm und Marie Hein mit Hugo Schuchardt’. In Grazer Linguistische Studien 85 : 57-130).

8 Rolland, Eugène. 1896-1914. Flore populaire de France ou Histoire naturelle des plantes dans leurs rapports avec la linguistique et le folklore . 11 Bände. Zuerst bei Librairie Rolland in Paris, dann bei Staube erschienen. Die Bände 9, 10 und 11 wurden postum von Gaidoz herausgegeben. (Vgl. "Bibliographie d’Eugène Rolland: ouvrages et revues", in: Bérose. Encyclopédie en ligne).

9 Später hat Schuchardt eine Rezension verfasst: Schuchardt, Hugo. 1899. '[Rez. von:] Eugène Rolland, Flore populaire ou Histoire naturelle des plantes dans leurs rapports avec la linguistique et le folklore. Tome I (1896), Tome II (1899)'. In Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 20: 280-282. [Archiv-/Breviernummer:  349].

10 Rolland, Eugène. 1877-1911. Faune populaire de la France; noms vulgaires, dictons, proverbes, légendes, contes et superstitions. 13 Bände. Die ersten acht Bände erschienen bei Maisonneuve in Paris, die letzten fünf wurden postum von Gaidoz bei Staude in Paris herausgegeben. (Vgl. "Bibliographie d’Eugène Rolland: ouvrages et revues", in: Bérose. Encyclopédie en ligne.). Siehe auch Schuchardts Rezension: Schuchardt, Hugo. 1884. '[Rez. von:] Rolland, Eugène, Faune populaire de la France (Noms vulgaires, dictons, proverbes, légendes, contes et superstitions) I-VI'. In Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 5: 280-284. [Archiv-/Breviernummer: 167].

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Fondo Lacombe (Euskaltzaindia). (Sig. SG27)