Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (097-SG23)

von Hugo Schuchardt

an Henri Gaidoz

Graz

07. 01. 1899

language Deutsch

Schlagwörter: Hugo-Schuchardt-Brevier Neue Freie Presse Čas Le Figaro figaro Wolf, Michaela (1993) D'Avril, A. (1898) Schuchardt, Hugo (1898)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (097-SG23). Graz, 07. 01. 1899. Hrsg. von Magdalena Rattey (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5257, abgerufen am 17. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5257.


|1|

V.H.

Ich danke Ihnen vielmals für das Uebersandte. Ich kann mit der kurzen Anzeige d’Avril’s zufrieden sei[n].1 Wird denn aber nie ein Franzose sich über den Werth des böhmischen Staatsrechtes aussprechen? Ich sende Ihnen ein Blatt der Neuen Freien Presse mit einem Auszug aus dem tschechischen Čas,2 dem Organ der vernünftigsten und wirklich liberalsten Partei unter den Tschechen. Dergleichen sollten die Franzosen lesen. - Je viens de lire le Figaro du 4 janvier, et les bras m’en tombent; je suis rayé de la liste des savants, je n’ai point affaire de la science.3

Bien à vous

H. Sch.

|2|

1 Die von Gaidoz übermittelte Rezension D’Avrils befindet sich im Schuchardt-Nachlass (vgl. Wolf 1993: 622). Um die positive Haltung D’Avrils gegenüber Schuchardt zu vermitteln, sei ein Satz aus der Rezension zitiert: „Le raisonnement de M. Schuchardt est sérieux et il cherche évidemment à être équitable.“ Vgl. D’Avril, Adolphe. 1898. 'Lettre de M. Hugo Schuchardt'. In Polybiblion. Revue bibliographique universelle. Tome quarante-huitième. Paris: Welter.

2 Čas. List věnovaný veřejným otázkám [Zeit. Ein Blatt für öffentliche Fragen] erschien von 1886-1915 in Prag (anfangs zweimal monatlich, ab 1889 als Wochenschrift), vgl. Sekera 2006: 2011. Die Neue Freie Presse(Nr. 12346) vom 5. Jänner 1899 enthält einen kurzen Artikel mit dem Titel „Der Czas über die Jungczechen“ (S. 4, Sp. 1). (Vgl. ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).

3 In der Figaro-Ausgabe vom 4. Jänner 1899 ist ein Brief abgedruckt, der an Gaston Paris adressiert und dessen Autor Fernand Brunetière ist. Dazu veranlasst hat Brunetière ein Vorwurf seitens Paris gegen ihn: Brunetière habe dem „esprit scientifique“ den Krieg erklärt. Der Verfasser verteidigt sich in diesem Brief, indem er behauptet, dass Gelehrsamkeit nicht Wissenschaft sei und „qu’un linguiste, un philologue ou un métricien n’étaient point des savants“.  Nur die „sciences rationnelles et expérimentales“ im Gegensatz zu den „sciences morales“ oder „historiques“ befindet er als die existierenden, die wahren Wissenschaften. Am Ende seines Briefes fügt er noch hinzu: „Certains savants se croire de bonne foi l’incarnation de leur propre science, et parce que les conclusions de cette science sont ou semblent être pour le moment inattaquables, ils s’imaginent que leurs opinions politiques ou morales participent de cette espèce d’infaillibilité. Ce n’est pas attaquer 'l’esprit scientifique', s’il existe, que de se moquer un peu de la confiance qu’ils ont en eux, et c’est bien moins encore attaquer la science.“ (Vgl. Lettre de M. Brunetière (Le 3 janvier 1899.) in der Spalte 5 der Seite 1: La Ligue de la Patrie française, in: Le Figaro (4. Jänner 1899). Verfügbar in  Gallica). Schuchardt fühlte sich offenbar von diesen Aussagen angesprochen, da er neben seinen Tätigkeiten als gelehrter Linguist und Philologe seine politischen Meinungen als „savant“ offen kundtat, so z.B. in Tchèques et Allemands. Lettre de M. Hugo Schuchardt, Correspondant étranger de l'Institut de France à M. *** [Archiv-/Breviernummer: 324].

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Fondo Lacombe (Euskaltzaindia). (Sig. SG23)