Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (089-SG20)

von Hugo Schuchardt

an Henri Gaidoz

Graz

30. 05. 1898

language Deutsch

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (089-SG20). Graz, 30. 05. 1898. Hrsg. von Magdalena Rattey (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5245, abgerufen am 14. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5245.


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Graz 30 Mai 1898

Hochgeehrter Herr!

Ich danke Ihnen vielmals für Ihre beiden Briefe. Das Exemplar Ihrer Petition von 18701, welches Sie mir versprochen haben, ist bis jetzt nicht angekommen; hoffentlich ist es nicht verloren gegangen.2

Da wir beide im Wesentlichen den gleichen Prinzipien huldigen, so ist es zu bedauern dass wir uns nicht verständigen können. Aber es scheint wirklich dass Ihnen sehr viel daran liegt mich ins Unrecht zu setzen. Wenn ich von dem Nationalitätenkampf in der ganzen Welt oder wenigstens in ganz Europa spräche, und die Verhältnisse des deutschen Reiches mit Stillschweigen übergehen wollte, dann wäre ich allerdings zu |2| tadeln; aber ich spreche ausdrücklich nur von dem Kampf der Tschechen und der Deutschöstreicher, habe mich also der Sünde der prétérition durchaus nicht schuldig gemacht, und Sie gehen nun noch weiter, und deuten diese vermeintliche prétérition als eine Gutheissung dessen was anderswo geschieht.3 Lag es denn - wie ich Ihnen sagte - nicht für Sie näher als Sie sich mit den Rumänen Ungarns beschäftigten, auch die Rumänen Russlands in Ihren Gesichtskreis zu ziehen, ganz zu schweigen von den fremden Nationen innerhalb Rumäniens? da haben Sie sich einer prétérition absolut nicht schuldig gefühlt. Wenn also mit doppeltem Masse gemessen |3| wird, so geschieht es von Ihnen, und zwar in Bezug auf mich und Sie. Und nun ziehen Sie gar meine vermeintliche Eigenschaft als eines Reichsdeutschen ins Spiel! Ich sage: „vermeintlich“, denn ich bin seit 22 Jahren nicht nur östreichischer Staatsbürger, sondern auch allem meinem Fühlen und Denken nach Deutschöstreicher[1]. Vous me faites une vraie querelle d´Allemand.

Im höchsten Grade überrascht hat mich der Syllogismus den Sie mir im zweiten Briefe auftischen,4 und ich bitte Sie in Ihren Vorlesungen davon abzusehen. Die von Ihnen zwischen dem böhmischen Reich in spe und dem deutschen |4| Reiche gezogene Parallele ist so schief als möglich. Die Tschechen berufen sich gegenüber den seit Jahrhunderten bestehenden faktischen Verhältnissen, auf die Rechtskontinuität; das deutsche Reich von heute ist etwas ganz Neues, in keiner Weise eine Fortsetzung des alten "römischen Reiches deutscher Nation". Diese Bildung hat ihr Analogon in dem Königreich Italien, nur dass hier die Kleinstaaterei ganz beseitigt ist, dort nur eingeschränkt und gemildert. Die sog. Nationalitätenfrage wird dadurch eigentlich gar nicht berührt. Die Polen sind inner halb des deutschen Bundes keinen andern Massregeln ausgesetzt als innerhalb des deutschen Reichs; für sie ist die Umgestaltung von 1870 mehr oder weniger gleichgültig. Wenn - es ist dies das Prinzip der Magyaren - ein kleinerer Staat mehr darauf bedacht sein muss zu nationalisiren, |5| als ein grösserer, so hätte Preussen an sich mehr Interesse daran die Polen zu germanisiren, als das deutsche Reich in seiner Gänze. Und ebenso ist es für die Slowenen, Griechen, Albaner in Italien ganz einerlei ob sie zum Königreich Neapel, zur Republik Venedig oder zum Königreich Italien gehören.

Sie kommen zu dem Schluss dass ich als Reichsdeutscher (encore!) „n’a pas ledroit de s’indigner que les choses tournent en Bohême comme elles ont tourné en Allemagne."5 Nun, ich will davon absehen dass hier eine gänzliche Verkennung der thatsächlichen Grundlagen sowie der zukünftigen Ereignisse vorliegt, ich beschränke mich auf „das Recht mich zu entrüsten“. Sollte man aus Ihren Worten nicht entnehmen dass ich ein Pamphlet voll nationaler Leidenschaft geschrieben habe, und nicht eine Brochüre in der ich mich bemühe möglichst unparteiisch die Dinge zu beurtheilen und darzustellen? Und dazu habe ich das Recht doch jedenfalls; und Sie wissen ja doch, dass es nicht für wissenschaftlich |6| gilt sich mit dem Autor zu beschäftigen wo man sich mit dem beschäftigen soll was er gesagt hat. Was macht es denn aus ob ich Reichsdeutscher oder Deutschöstreicher bin; über diese Dinge und in gleicher Weise hätte ein Italiener, ein Russe, ein Chinese sich äussern können. Darauf kommt es an ob meine Prinzipien gute sind, ob meine Darstellung der Dinge eine richtige ist. Da erwarte ich Sie zum Kampf; da versuchen Sie mich zu widerlegen. Ich verstehe nicht wie Sie voraussetzen können dass ich hier den nationalen Standpunkt einnehme. Die Slawen wenn sie Gleichberechtigung verlangen, dienen ihren nationalen Interessen; wenn ich ihnen als Deutscher diese Gleichberechtigung zugestehe, mache ich eine grosse nationale Concession die mir die Politiker meiner Nation verargen dürfen; ich verzichte auf alle Prärogative welche die Deutschen auf die Geschichte und auf ihre überlegene Kultur gründen (denn diese Überlegenheit kann selbst von dem der den slawischen Kulturbestrebungen mit der grössten Sympathie gegenübersteht, nicht geläugnet werden). Also von Chauvinismus ist da nicht die Rede, sondern |7| vielmehr von Resignation. Den Kern meiner Auseinandersetzung bildet nun aber der logische Widerspruch der zwischen dieser Gleichberechtigung und jenem mittelalterlichen papiernen Rechte der Tschechen besteht. Ein solcher ist auch aus ganz allgemeinen Gesichtspunkten zu verwerfen; müssten nicht z.B. die Polen eher eine Wiederherstellung Polens erhoffen als die Tschechen eines tschechischen Böhmens nach ihrem Sinne? Die Absurdität zugleicher Zeit auf zwei Gäulen reiten zu wollen, die habe ich beleuchten wollen, und zwar insbesondere für die Franzosen bei denen, wie ich mehr und mehr sehe, die Vorurtheile bei der Abschätzung fremder nationaler Verhältnisse sehr stark sind. Noch einmal, ich habe nicht als nationaler Eiferer, sondern als Mann der Wissenschaft schreiben wollen; fällen nun auch Sie als Mann der Wissenschaft Ihr Urtheil, und lassen Sie alles Persönliche beiseite: Was nützt mirs wenn die Sonne Ihrer Gerechtigkeit über allen fremden Nationen scheint und mich der ich doch in freundschaftlichen Beziehungen zu Ihnen stand, im Dunkeln lässt?

Mit besten Grüssen

Ihr ergebener

H. Schuchardt

[1] Auch meinen Kenntnissen nach; ich bin bis jetzt – trotz mannigfacher Bemühungen – mit den reichsdeutschen nationalen Angelegenheiten verhältnismässig wenig vertraut.


1 Vgl. Brief vom 26. Mai 1898 (087-03278), worin Gaidoz Schuchardt schreibt: „Je vous envoie par cette poste un exemplaire de notre pétition avortée de 1870.“ Siehe auch die Fußnote zur Petition.

2 Schuchardt hatte dieses Exemplar mit Sicherheit erhalten, da Gaidoz im Brief vom 2. Juni 1898 (090-03280) auf Fragen zur Petition eingeht. Zudem erwähnt er eine Karte Schuchardts, die nicht erhalten ist, aber wahrscheinlich ein Dankschreiben war und einen Kommentar zur Petition enthielt. In der Schuchardt-Bibliothek allerdings ist nur ein Exemplar (das offizielle) aus dem Jahr 1903 erhalten. Vgl. hierzu Fußnote [5] zur Petition zum Brief (087-03278). Vielleicht hat er bei Erhalt des neuen Exemplars sich des alten entledigt.

3 Vgl. Brief vom 26. Mai 1898 (087-03278), Gaidoz an Schuchardt: « Je trouve aussi qu'il y a des cas où la prétérition et le silence sont une approbation. »

4 Es ist der Brief vom 27. Mai 1898 (087-03279), Gaidoz an Schuchardt, gemeint.

5 Siehe Brief vom 17. Mai 1898 ( 084-03277), Gaidoz fügt Schuchardts Aphorismus „Kein Volk ist gegen das Andere gerecht“  einen weiteren hinzu „on s’indigne, à l’étranger, de ce qu’on admet ou tolère très bien chez soi“.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Fondo Lacombe (Euskaltzaindia). (Sig. SG20)