Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (086-SG19)

von Hugo Schuchardt

an Henri Gaidoz

Graz

24. 05. 1898

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Grazlanguage Italienisch

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (086-SG19). Graz, 24. 05. 1898. Hrsg. von Magdalena Rattey (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5242, abgerufen am 14. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5242.


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Graz 24. Mai 1898

Hochgeehrter Herr,

Wie ich bedauert habe dass, vor längerer Zeit, unsere brieflichen Beziehungen abgebrochen wurden, so freue ich mich nun wieder von Ihnen ein Lebenszeichen zu erhalten. Ich würde mich noch mehr freuen wenn Sie nicht jene beleidigende und ungerechte Behauptung wiederholten dass ich mit zweierlei Mass messe. Ich bin seit langer Zeit eifrigst bemüht, in nationalen Dingen gerecht und unparteiisch zu urtheilen. Das ist von allen Andern, die davon überhaupt Notiz |2| genommen haben, anerkannt worden - Sie bilden die einzige Ausnahme. Wegen dieser meiner Unparteilichkeit habe ich von meinen eigenen Landsleuten schon Vorwürfe zu erfahren gehabt, ja vor einigen Jahren einen förmlichen Sprachenkampf an unserer Universität durchgekämpft.1 Ist etwa Ihnen von Ihren Landsleuten Ähnliches widerfahren?

Bitte, weisen Sie mir doch in meinen Druckschriften irgend eine Stelle nach wo ich meinen Prinzipien untreu werde. Über die Verhältnisse im deutschen Reich habe ich mich, so viel ich mich entsinne, nirgends geäussert; wenn das geschehen sollte, seien Sie versichert dass |3| ich die Versuche die französische, polnische und dänische Muttersprache zurückzudrängen ebenso missbilligen werde wie die gegen die rumänische, deutsche u.s.w. in Ungarn gerichteten.

Wenn Sie sich aber irgendwie auf meine brieflichen Aeusserungen beziehen, so erinnern Sie sich doch daran dass ich Ihnen schrieb: Kein Volk ist gegen das Andere gerecht, und wenn jetzt das Französische im Elsass sich über die Deutschen zu beklagen hat, so hatte früher das Deutsche im Elsass sich über die Franzosen zu beklagen. Das haben Sie mir nicht zugeben wollen, |4| und so passt das Wort von dem doppelten Masse viel mehr auf Sie. Sie haben auch das Baskische und Bretonische als Patois betrachtet, während wir mit absolut demselben Rechte das Slowenische und Ruthenische als solche bezeichnen könnten und es doch nicht thun. Ich habe in dem berühmten Falle Jenny gezeigt dass es sich gerade umgekehrt verhalten hat wie Sie angaben; ich habe Ihnen gesagt dass ich mich mit den Familiennamen im Elsass gar nicht befasst habe, dass ich eine gewaltsame Aenderung derselben von Staatswegen vollkommen missbillige, aber ebenso eine willkürliche seitens der Namensträger selbst. - Worin verläugne ich denn mein Gerechtigkeitsgefühl? Ich bitte, sagen Sie mir das doch.

Mit bestem Grusse

Ihr
H. Schuchardt


1 Schuchardt dürfte hier auf den Fall „ Antonio Ive“ (1851-1937) hinweisen, den er als einzigen Kandidaten für die außerordentliche Professur für italienische Sprache und Literatur an der Universität Graz vorschlug. Ives Antritt erfolgte 1894. Für Aufschrei in der Grazer Presse und im Kollegium sorgte seine Entscheidung, in italienischer Sprache zu unterrichten. Schuchardt setzte sich für Ive und dessen Position ein. Durch die Einschaltung des Ministeriums wurde ein Beschluss vorgelegt, der Ive letztendlich dazu verpflichtete, auch Stunden in deutscher Sprache zu halten. Vgl. zu einer ausführlicheren Darstellung des Falls Schwägerl-Melchior, Verena / Mücke, Johannes. 2016. '„Ihre Angelegenheit in Bezug auf d[as] Spinnen werde ich nicht aus den Augen lassen“ – Briefe Antonio Ives an Hugo Schuchardt'. In Grazer Linguistische Studien 85, 165-256 (bes. 172-181).

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Fondo Lacombe (Euskaltzaindia). (Sig. SG19)