Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (082-SG17)

von Hugo Schuchardt

an Henri Gaidoz

Graz

03. 03. 1896

language Deutsch

Schlagwörter: Grazer Tagespost

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (082-SG17). Graz, 03. 03. 1896. Hrsg. von Magdalena Rattey (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5237, abgerufen am 14. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5237.


|1|

Graz 3 März 1896

Aber, verehrter Kollege, sind Sie denn wirklich unparteiisch? Ich verstehe nicht wie man den Jenny-fall in verschiedener Weise interpretiren kann. Ob das Gesetz vom 11 Germinal XI "est tombée en desuétude en France" (ein Gesetz ist entweder gültig oder ungültig, und muss in ersterem Falle befolgt werden), bleibt doch für Deutschland gleichgültig. Es gelten ja in Elsass-Lothringen überhaupt noch französische Gesetze wie Sie ja doch auch von dem Fortbestand des Code Napoléon in den deutschen (linksseitigen) Rheinlanden, auch nach 1870, gehört haben werden. Also ist von einem Aufstöbern eines solchen |2| Gesetzes in der Rumpelkammer alter französischer Gesetze gar nicht die Rede. Um so weniger da es gerade deutsche Namen wie Kurt, Jenny (bei uns viel häufiger als bei den Franzosen) Helmuth waren, die laut der Begründung des Gesetzesvorschlages von dem republikanischen Gesetz betroffen wurden. Wenn nun in der Notiz des Temps1 der Fall dass Jenny als Taufname nicht angenommen wurde, auf den "berüchtigten" Ministerialerlass (vom 8 Okt. 1893) statt auf das Gesetz vom 11 Germinal (das durch eine andere deutsche Verfügung aufgehoben worden ist) bezogen wird, so ist das eine offenbare Unwahrheit: entweder hat der Temps gelogen oder er ist belogen worden, und Sie haben doch wirk|3|lich keinen Grund zu sagen: je savais du reste déjà qu’on peut avoir confiance dans ce journal. Ich im Gegentheil muss es verwerflich finden, auf Grund solcher Informationen die nationalen Antipathieen [sic] anzufachen.

Wenn Sie sagen dass kein liberaler Geist, soweit Elsass-Lothr. in Betracht kommt, den Unterschied deutscher, gemischter und französischer Sprachbezirke zugeben wird, so bitte ich mir auch noch zu sagen was Sie denn glauben dass die Franzosen thun würden wenn sie in der Lage der Deutschen wären, und ferner ob sie nicht immer das ganze Gebiet Frankreichs als der französischen Staatssprache unterthan betrachtet haben. |4|

Sie bezeichnen es ferner als Sprachzwang, wenn "on impose à un père de famille une nouvelle graphie de son nom patronymique." Aber das ist ja ein vollständiges Missverständnis. Es muss heissen: l´ancienne graphie, die willkürlich abgeändert worden ist; sie wird wieder hergestellt. Und wenn es sich um eine Brochüre handelte: "Sind unsere Namen verunstaltbar?", so würde doch nicht Schnäble aus Schnäblé sondern Schnäblé aus Schnäble darin zu besprechen sein. Ich wiederhole Ihnen, Schnäblé ist für uns eine ebensolche Verunstaltung wie es Dübua (Dubois) für die Franzosen wäre. |5|

Den Artikel mit dem Kielstreifen habe ich Ihnen nur zur Unterhaltung geschickt; er stand in der "Grazer Tagespost"2 von demselben Tage und ich betrachtete es als sehr überflüssig Ihnen die ganze, aus so und so vielen Blättern bestehende Zeitung zu schicken, die überdies meine Haushälterin noch nicht gelesen hatte. Also keine Sparsamkeit! Was hätte Ihnen auch das Uebrige genützt; als Quelle kann diese Zeitung nicht dienen, das Betreffende ist aus irgend einer andern Zeitung mit der Papierschere ausgeschnitten, dort hat es wahrschein|6|lich auf ähnliche Weise Eingang gefunden und sofort. Es würde nicht leicht sein festzustellen woher die Notiz stammt. Man hat für die Authenticität nur den innern Grund, dass kein deutscher Journalist sich die Mühe geben würde einen französischen Text zu schmieden.

Ob ich zum Millenium nach Budapest gehe, weiss ich noch nicht, ich bezweifle es fast. Ich liebe solche Paraden nicht sehr; ich bin eine mehr idyllische Natur. Bitte vergessen Sie nicht mir Ihre vor-1870-er Betrachtungen gelegentlich mitzutheilen.

B. gr. Ihr

H.S.

|7|

1 Vgl. zu diesem Fall die Ausgabe des Temps vom 7. Jänner 1894, S. 2, Sp. 1, in Gallica. Vgl. ebenso Anm. 3 zum Brief vom 7. Feburar 1895 (068-03268).

2 Zur Tagespost siehe ausführliche Fußnote zum Brief vom 31. Dezember 1898 (096-SG22).

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Fondo Lacombe (Euskaltzaindia). (Sig. SG17)