Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (072-SG12)

von Hugo Schuchardt

an Henri Gaidoz

Graz

03. 12. 1895

language Deutsch

Schlagwörter: Le Temps Wingerath, Hubert H. (1881) Schuchardt, Hugo (1895)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Henri Gaidoz (072-SG12). Graz, 03. 12. 1895. Hrsg. von Magdalena Rattey (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5227, abgerufen am 14. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5227.


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Graz 3 Dez 95.

Hochgeehrter Herr und Freund,

Indem ich Ihnen für Ihren liebenswürdigen Brief danke, beginne ich mit einer allgemeinen Bemerkung. Ich habe öffentlich und privatim oft genug über deutschen Chauvinismus mich ausgesprochen (ich erinnere Sie u. A. auch an meine Besprechung1 des Wingerathschen für das Elsass bestimmten Lesebuchs2), dass ich wohl einigermassen für unparteiisch gelten kann. Bei Ihnen und bei denjenigen Ihrer Landsleute, die mit mir über solche Dinge sprechen, finde ich aber nirgends das Zugeständniss des französischen Chauvinismus, und Sie geben, wenn Sie es auch nicht bestimmt sagen, zu verstehen dass die Franzosen in solchen Fällen wo Sie das |2| Verhalten der Deutschen und anderer Nationen tadeln, sich ganz anders benommen haben würden. Die Völker sind sich in dieser Beziehung eigentlich alle gleich; nur die Umstände sind verschieden. Den Deutschen missfällt die besondere Art des französischen Chauvinismus, und den Franzosen die des deutschen. Die Bemerkung mit welcher ein guter Freund im Journal des Débats3 seinen Artikel4 über mein Pamphlet schliesst: ……. Qui a mis à l’ordre du jour la haine de race?…. ist mir fast unverständlich, und auch G. Paris hat sie proprio motu, für nicht ganz richtig erklärt. - Alles das betrübt mich; ich wünschte so sehr dass unter den verschiedenen Nazionen Europas die Besten d.h. die Männer der Wissenschaft eine einträchtige Gemeinschaft bildeten; aber Jeder verliert, so bald seine eigene Nazion ins Spiel kommt, den klaren |3| und unbefangenen Blick. Es erinnert mich das an den Genfer Friedenskongress von 1867; man donnerte gegen die Eroberungen und Eroberer, und als es galt, in diesem Sinne Napoleon I ein nachträgliches Misstrauensvotum zu ertheilen, erhoben sich alle Franzosen dagegen. - Sie wissen dass ich Frankreich d.h. das geistige Frankreich liebe; ich gestehe Ihnen nun dass mich diese grosse französisch-russische Verbrüderungskomödie nicht als Deutschen gekränkt, wohl aber als Franzosenfreund enttäuscht hat. Ich hätte niemals geglaubt dass das Frankreich in dem die grossen Traditionen der Revolution nicht erloschen sind, sich vor einem Alexander III, der trotz mancher guten Eigenschaften doch ein wahrer Tyrann war, der nicht nur die Nationalitäten, sondern auch die Religionen verfolgte (vor Allem die katholische), |4| so tief erniedrigen würde. Mir schien es als ob ein Nebel sich um die bis dahin lichtvolle Gestalt des französischen Genius hüllte, als ob nun erst - nicht nach dem Verlust von Elsass-Lothringen - Frankreich kleiner geworden wäre.

Wenn die Dinge in Bezug auf die Namensänderungen in Elsass-Lothringen sich so verhalten wie Sie sagen, so stehe ich mit meiner Missbilligung nicht hinter Ihnen zurück. Nur verzeihen Sie, es war mir doch etwas komisch, Gerber aus Guerber, Wagner aus Vagner als "noms germanisés" bezeichnet zu hören; wäre es nicht richtiger gewesen, "regermanisés" zu sagen? Vielleicht hat, und vor nicht allzu langer Zeit, ein ähnlicher Vorgang |5| in französische Richtung stattgefunden wie der, der nun in deutscher stattfindet. Ich werde mich übrigens bemühen, Ihnen und mir ein Exemplar der angezogenen "Instruction u.s.w."5 zu verschaffen. Denn nur auf solche offiziellen Dokumente darf man sich bei dergleichen Angelegenheiten stützen (deshalb habe ich von jener Magyarisierung nur im Anschluss an eine Ministerialverfügung6 sprechen wollen); Zeitungsmittheilungen haben wenig Werth. So hat auch die des Temps gar keinen Eindruck auf mich gemacht, geschweige denn mich beleidigt. Ich lese seit zwanzig Jahren in unsern Zeitungen von den Misshandlungen die Deutsche seitens der Slawen erfahren haben, und sage mir immer: audiatur et altra pars. Thun Sie, ich bitte, das auch in Bezug auf den Strassburger Fall. Ich bin fest überzeugt, dass derselbe in tendenziöser Weise entstellt ist. Sobald die nationalen Gegensätze ins Spiel kommen, lügen alle Zeitungen, |6| die Wahrheit lässt sich nur dann einigermassen ermitteln, wenn Zeugnisse beider Parteien vorliegen.

Ihre Bemerkung über das "Prinzip der Nationalität",7 das von Deutschland und Ungarn ins Leben gerufen worden sein soll, scheint mir nicht richtig; freilich auch nicht richtig dass - wie es in Deutschland heisst - Napoleon III es aufgebracht habe. So viel steht doch fest dass zu allererst es in Italien zur Geltung kam, und dass der Krieg von 1870 nicht auf Grund dieses Prinzipes ausbrach, sondern dieses erst nach seinem für Deutschland erfolgreichem Ausgang von diesem angerufen wurde. Sie dürfen es mir glauben, vor 1870 gab es unter allen Deutschen kein Dutzend, die von dem Wiedererwerb Elsass-Lothringens träumten; waren es in Frankreich auch so wenige die von dem Erwerb der Rheingrenze träumten? Ich entsinne mich eines Kommerses in Genf (1867) auf dem ich mich mit elsässischen, deutsch redenden Studenten zusammenfand und mich durch deren elementaren, unbegründeten Hass gegen Deutschland tief verletzt fühlte. Dass der Gesundheitszustand unseres Freundes Jones ein so schlechter ist, bedauere ich sehr. Ich habe lange nicht an Wales und an Kymrisches gedacht. Neulich war irgendwo von einem grossen Romanschriftsteller in kymr. Sprache die Rede; können Sie mir Näheres darüber mittheilen?8

Herzlich grüssend

Ihr
H. Schuchardt


1 Schuchardt, Hugo. 1876. Schuchardt, Hugo. 1876. '[Rez. von:] Wingerath, Dr. Hubert II., Prof., Choix de lectures françaises à l'usage des classes inférieures des écoles supérieures'. In Literarisches Zentralblatt (27/5): 150-151. [Archiv-/Breviernummer: 083].

2 Wingerath, Hubert Heinrich. 1878. Choix des lectures françaises à l’usage des classes inférieures des écoles supérieures.Köln : M. Dumont-Schauberg.

3 Journal des débats politiques et littéraires (1814-1944).

4 In einem kurzen Artikel im Journal des débats vom 26. November 1895 wird Schuchardts Pamphlet Sind unsere Personennamen übersetzbar? [Archiv-/Breviernummer: 290], wo sich Schuchardt gegen die Übersetzung von deutschen Namen ins Magyarische ausspricht, besprochen. Die einleitenden Worte des Artikels lauten: „La guerre des langues continue en Autriche.“ (Vgl. Artikel in der Gallica: Journal des débats, 26. November 1895). Ist der Autor dieser Besprechung Gaston Paris?

5 Im Brief vom 7. Februar 1895 (067-03268) spricht Gaidoz von einer Instruction pour les officiers de l’Etat-Civil, von der er im Temps gelesen hätte.

6 Vgl. die Einleitung zu Sind unsere Personennamen übersetzbar? [Archiv-/Breviernummer: 290].

7 Vgl. Brief vom 29. November 1895 (071-03270), Gaidoz an Schuchardt.

8 Eine Antwort darauf erhält Schuchardt mit nachfolgendem Brief vom 6. Dezember 1895 (073-03271).

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Fondo Lacombe (Euskaltzaindia). (Sig. SG12)