Wilhelm Hein an Hugo Schuchardt (17-04520)

von Wilhelm Hein

an Hugo Schuchardt

Wien

30. 08. 1901

language Deutsch

Schlagwörter: Anthropologische Gesellschaft in Wien Einladung Kongresse und Versammlungen Universität Wien Universität Graz Universität Berlin (Friedrich-Wilhelms-Universität) Naturhistorisches Hofmuseum Universität Prag Universitätsbibliothek Graz Hoernes, Rudolf Holl, M. Meringer, Rudolf Weisbach, Augustin Peisker, Johann Graz Freiherr Lochner v. Hüttenbach, Fritz (2009) Pohl, Heinz Dieter (1994) Güntert, Hermann (1932)

Zitiervorschlag: Wilhelm Hein an Hugo Schuchardt (17-04520). Wien, 30. 08. 1901. Hrsg. von Elisabeth Egger und Susanne Oberpeilsteiner (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5167, abgerufen am 26. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5167.

Printedition: Egger, Elisabeth; Oberpeilsteiner, Susanne (2016): "Ich werde mir erlauben, Ihnen am Montag, den 5. d. M., um 10 Uhr Vormittags mit meiner Frau einen Besuch zu machen und Ihnen dann die Pariser Sichel zu überreichen". Die Korrespondenz von Wilhelm und Marie Hein mit Hugo Schuchardt. In: Grazer Linguistische Studien. Bd. 85., S. 57-130.


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Wien, den 30. August 1901.

Hochverehrter Herr Hofrath!

Als wir heuer unsere Pfingstversammlung in Linz1 abhielten, hatte Prof. Dr. Rudolf Hoernes2 die große Güte, die Anthropologische Gesellschaft für Pfingsten 1902 nach Graz3 einzuladen. Es wäre für uns eine außerordentliche Freude, wenn Sie, hochverehrter Herr Hofrath, bei diesem Anlasse in Graz sein würden und wenn Sie, falls es Ihnen möglich ist, mit den anderen Grazer Herren (Hoernes, Holl,4Meringer5 Weisbach, 6Peisker7u.A.) bei Gelegenheit Rücksprache nehmen wollten. Ich hoffe, dass Herr Prof. Hoernes die Sache selbst in die Hand nehmen wird; es wäre aber sehr lieb von Ihnen, falls Sie nach Graz kämen, Herrn Prof. Hoernes in dieser Angelegenheit aufzusuchen.

Unsere Versammlung in Graz soll, wie ich hoffe, |2| wissenschaftlich einen feinen Charakter erhalten.8

Darum wäre es mir sehr erfreulich zu hören, dass die Grazer Herren, soweit sie in irgend einer Hinsicht Anthropologie betreiben, sich bei der Versammlung betheiligen.

In ausgezeichneter Hochschätzung

Ihr sehr ergebener

W. Hein


1  Vom 25. bis 27. Mai 1901 fand eine Exkursion der AG nach Oberösterreich mit Ausgrabungs- und Museumsbesichtigungen in Mauthausen, Enns, Linz und Hallstatt statt. Teilnehmer waren u.a. Marie und Wilhelm Hein, Leo Bouchal, Matthäus Much, Josef Szombathy, Moriz und Rudolf Hoernes, Andreas Reischek sowie Marie Eysn ( Sitzungsberichte 1901: [94]-[106]).

2  Rudolf Hoernes (1850-1912), Geologe, Paläontologe, studierte ab 1869 an der Universität Wien Geologie und promovierte 1875. 1876 folgte seine Berufung als außerordentlicher Professor für Geologie und Paläontologie an das Mineralogische Cabinet der Universität Graz, 1881 seine Ernennung zum Ordinarius des Geologischen Instituts, das 1879 gegründet worden war. Hoernes Forschungsschwerpunkte waren das Jungtertiär und die Erdbebenkunde (vgl. Flügel 1972 ; o.A. 1959a ; Heritsch 1912 ; Spengler 1912 ). Hoernes war von 1879 bis 1903 Mitglied ( Sitzungsberichte 1903: [4] ) und von 1895 bis zu seinem Tod korrespondierendes Mitglied der AG ( Sitzungsberichte 1895: [53]; Sitzungsberichte 1912: [163]). Im Nachlass Schuchardts befindet sich ein Korrespondenzstück von Rudolf Hoernes ( B 04806).

3  Diese Exkursion fand vom 17. bis 19. Mai 1902 statt. Besichtigt wurden die Stadt Graz und die prähistorische und geologische Abteilung sowie die kulturhistorische Sammlung des Landesmuseums Joanneum. Rudolf Meringer hielt einen Vortrag mit dem Titel "Über die Probleme der Hausforschung", Moritz Holl referierte über den Schädeltypus der Serben ( Sitzungsberichte 1902: [49]-[50]).

4  Mori(t)z Holl (1852-1920), Anatom, studierte an der Universität Wien Medizin und war nach der Promotion 1876 Operationszögling in der I. Chirurgischen Klinik und ab 1878 Assistent. Holl habilitierte sich 1881, von 1882 bis 1889 war er Ordinarius am Anatomischen Institut in Innsbruck, unter seiner Ägide entstand der Neubau des Instituts. 1889 als Nachfolger von Emil Zuckerkandl nach Graz berufen, leitete er die Anatomie an der Medizinischen Fakultät bis zu seinem Tod. Holl war 1891/92, 1897/98 und 1913/14 Dekan  und 1905/06 Rektor (vgl. Jantsch 1972 ; o.A. 1959b ). Holl war von 1882 vermutlich bis zu seinem Tod Mitglied der AG ( Vereins-Nachrichten 1883: 85; Sitzungsberichte 1918: [36] [1919 und 1920 erschienen keine Mitgliederlisten]).

5  Rudolf Meringer (1859-1931), Linguist, studierte von 1877 bis 1881 Germanistik an der Universität Wien und verbrachte 1884/85 zwei Semester an der Universität in Berlin, wo er seine Kenntnisse der Indogermanistik vertiefte und sich der vergleichenden Sprachwissenschaft zuwandte. Meringer wurde 1892 außerordentlicher Professor für vergleichende Grammatik der indogermanischen Sprachen an der Universität Wien. 1899 folgte er dem Ruf nach Graz als ordentlicher Professor für Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft. 1909/10 war Meringer Dekan, 1917/18 Rektor. Er betrieb bereits früh methodische Sachforschung, da er bei etymologischen Untersuchungen den Sachwandel als grundlegend für den Bedeutungswandel erachtete. Schwerpunkt seines Interesses wurde die Haus- und Hausratforschung (vgl. Lochner von Hüttenbach 2009; Pohl 1994; Lochner von Hüttenbach 1976 ; Güntert 1932; Zwierzina 1931 ). Rudolf Meringer war von 1889 bis zu seinem Tod Mitglied der AG ( Sitzungsberichte 1889: [189]; Sitzungsberichte 1932: [9]). In der Hauptversammlung am 13. März 1929 wurde er zum Ehrenmitglied gewählt ( Sitzungsberichte 1929: [32]). Im Nachlass Schuchardts befindet sich die umfangreiche Korrespondenz von Rudolf Meringer (B 07037-B 07071).

6  Augustin Weisbach (1837-1914), Arzt, Anthropologe, studierte Medizin an der k.k. medizinisch-chirurgischen Josephsakademie in Wien und promovierte 1861. Während seiner Tätigkeit als Assistent für pathologische und topographische Anatomie begann er sich für physische Anthropologie zu interessieren und die Volksgruppen der österreichisch-ungarischen Monarchie zu untersuchen, wozu er eigene anthropologische Messmethoden entwickelte. Auch an den weiteren Stationen seines Wirkens als militärischer Spitalsarzt und als Sanitätschef des 15. Armeekorps in Sarajevo führte Weisbach systematische Untersuchungen an Schädeln und Lebenden, oftmals Militärpersonal durch. Seine Schädel- und Beckensammlungen gingen an die anthropologische Abteilung des k.k. naturhistorischen Hofmuseums (vgl. Khull-Kholwald 1915 ; Pöch 1914 ; für eine kritische Kontextualisierung von Weisbachs "rassenkundlicher" Forschungstätigkeit vor dem Hintergrund eines k. u. k. Binnenkolonialismus bzw. der Vorwegnahme völkischer NS-Rassenideologie siehe Berner 2010: 233-244; Promitzer 2010: 145-146; Fuchs 2003: 139-145). Weisbach war von 1887 bis zu seinem Tod Mitglied der AG ( Sitzungsberichte 1887: [1]; Sitzungsberichte 1914: [53]), von 1888 bis 1894 Vizepräsident ( o.A. 1891: XXV ; Hopfgartner 1901: XXI ), 1911 wurde er zum Ehrenmitglied ernannt ( Sitzungsberichte 1911: [11]).

7  Johann Peisker (1851-1933), Sozial- und Wirtschaftshistoriker, Bibliothekar, studierte von 1870 bis 1874 Geschichte und Slawistik an der Universität Prag. Er wirkte als Bibliothekar in Prag, ab 1891 an der Universitätsbibliothek Graz, deren Direktor er von 1910 bis 1918 war. Von 1901 bis 1918 war Peisker Privatdozent für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Graz, von 1919 bis 1921 ordentlicher Professor desselben Faches an der Universität Prag (vgl. Hafner 1978 ). Peisker war von 1897 bis 1908 Mitglied der AG ( Sitzungsberichte 1897: [8]; Sitzungsberichte 1908: [8]). Die Korrespondenz Peiskers mit Schuchardt befindet sich im Nachlass Schuchardts (B 08734-B 08739).

8 Wilhelm Hein wurde in der Ausschuss-Sitzung der AG vom 29. Oktober 1901 in das Dreierkomitee für die Planung der Pfingstexkursion 1902 nach Graz gewählt ( Sitzungsberichte 1901: [126]). Offenbar engagierte er sich für die Organisation in seiner Funktion als Sekretär der AG schon vorher, siehe dazu auch einen Brief an Matthäus Much vom 31. August 1901, in dem er die parallele Abhaltung eines Konservatorentages vorschlug (Wienbibliothek im Rathaus, Handschriften, Archiv Institut für Ur- und Frühgeschichte Wien, Brief Wilhelm Hein an Matthäus Much, 31. August 1901, Signatur H.I.N. 124.033).

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