Michael Haberlandt an Hugo Schuchardt (07-04302)

von Michael Haberlandt

an Hugo Schuchardt

Wien

15. 12. 1912

language Deutsch

Schlagwörter: Ethnologie, Anthropologie, Volkskunde Bittschreiben Literaturhinweise / bibliographische Angaben Primo Congresso di Etnografia Italiana 1911 Mostra di Etnografia italiana 1911 Mathematik Museo di Etnografia Italiana (Florenz) Società di Etnografia Italiana Zeitschrift für österreichische Volkskunde Universität Wien Volkskundemuseum Wien Verein für Volkskunde Loria, Lamberto Rom Puccini, Sandra (2005)

Zitiervorschlag: Michael Haberlandt an Hugo Schuchardt (07-04302). Wien, 15. 12. 1912. Hrsg. von Elisabeth Egger und Kathrin Pallestrang (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5144, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5144.

Printedition: Egger, Elisabeth; Pallestrang, Kathrin (2016): Affinités entre romanistes : lettres de Camille Chabaneau à Hugo Schuchardt. In: Grazer Linguistische Studien. Bd. 85., S. 25-56. http://unipub.uni-graz.at/gls/periodical/pageview/1572464.


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WIEN, am 15. XII 1912

Hochverehrter Herr Hofrat!

Schon vor längerer Zeit wendete ich mich an Prof. Loria1 in Rom mit der Bitte mir über einige volkskundliche italienische Fragen Auskunft zu geben, erhielt jedoch keinerlei Antwort.2

Ich bitte Sie nun, hochverehrter Herr Hofrat, mich gütigst wißen zu laßen, ob und wo es eine (oder mehrere?) Arbeit gibt, welche über die italienischen Bauernhausformen3 orientiert? |2| Gibt es einen Katalog der italienisch-ethnographischen Ausstellung, welche 1911 in Rom stattgefunden hat,4 oder irgendwelche Veröffentlichungen über die ethnographische Ausstellung auf der piazza d’armi, von Prof. Loria veranstaltet?5 Den "Guida offic. delle esp. di Roma"6 besitze ich, aber er ist leider nichts wert.

Indem ich zum Voraus für gütige Auskünfte auf einer Karte verbindlichst danke, bin ich in ausgezeichneter |3| Verehrung

Ihr wahrhaft ergebener
M. Haberlandt


1 Lamberto Loria (1855-1913) studierte Mathematik, widmete sich aber Zeit seines Lebens anthropologischen und ethnographischen Studien. Er unternahm mehrere Reisen, die ihn nach Nordeuropa, Asien und Nordafrika führten. Ab 1905 wandte Loria sich hauptsächlich der italienischen Volkskunde zu und gründete 1906 gemeinsam mit Aldobrandino Mochi das Museo di etnografia italiana in Florenz. Loria war Mitglied des Exekutiv-Komitees der 1911 in Rom gezeigten Ausstellung " Esposizione Regionale ed Etnografica". In Vorbereitung dieser Schau koordinierte er zwischen 1908 und 1911 eine Reihe von regionalen Forschungs- und Sammelinitiativen, die zum Ziel hatten, auf Grundlage einer großen Anzahl von Objekten die italienische Volkskunde auf eine wissenschaftliche, komparatistische Basis zu stellen und die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen zu fördern (auch die 1910 von Loria gegründete Società di etnografia italiana verfolgte dieses Ziel). Die Gründung des von Loria für diese Sammlungen geplanten Museums verzögerte sich. Es sollte noch bis 1956 dauern, bis das Museo nazionale delle arti e tradizioni popolari in Rom eröffnet werden konnte (vgl. Ceci 2006 ; Puccini 2005; Comitato Esecutivo per le Feste del 1911 in Roma 1909).

2 Hugo Schuchardt stand mit Lamberto Loria in Kontakt, die Korrespondenz Lorias befindet sich im Nachlass Schuchardts (B 06632-B 06643).

3 Diese Erkundigungen könnten in Zusammenhang mit einem Beitrag Arthur Haberlandts über Tiroler Bauernhäuser in der Zeitschrift für österreichische Volkskunde stehen ( Haberlandt A. 1914 ). Arthur Haberlandt (1889-1964) war der Sohn Michael Haberlandts. Er studierte Anthropologie, Ethnologie und Prähistorie an der Universität Wien, promovierte 1913 zum Doktor der prähistorischen Archäologie und habilitierte sich 1914. Seit 1907 als Volontär am Volkskundemuseum tätig, wurde er vom Präsidium des Vereins für Volkskunde 1911 zum Assistenten und 1913 zum Kustos ernannt und folgte 1924 seinem Vater als Direktor nach (vgl. Archiv des Volkskundemuseums Wien, Personalakt Arthur Haberlandt).

4 Da Haberlandt diese Frage in Zusammenhang mit italienischen Bauernhausformen stellte, meinte er möglicherweise den Katalog der Ausstellung "Mostra dell’Agro Romano", die in einem Ensemble ländlicher Wohnhütten und Wirtschaftsgebäude in Szene gesetzt wurde: Lucatelli, Luigi (1911). La Mostra delle Scuole per l’Agro Romano. Le Esposizioni del 1911. Milano. Oder er suchte einen Katalog, der die ländlichen Bauten der Schau "I Gruppi Etnografici" dokumentierte.

5 Gemeint ist der Katalog der Ausstellung "Esposizione Regionale ed Etnografica": Esposizione Internazionale di Roma (Hg.) (1911). Catalogo della Mostra di Etnografia Italiana in Piazza d’Armi. Bergamo: Istituto Italiano d’Arti Grafiche . Ein Exemplar dieses Katalogs mit Eingangsdatum 1913 befindet sich unter der Signatur VKM-1774 in der Bibliothek des Volkskundemuseums Wien. Am Schmutztitel findet sich der handschriftliche Vermerk "Gesch. v. Prof Loria". Das könnte ein Hinweis sein, dass eine eventuelle briefliche Fürsprache Schuchardts bei Loria diesen veranlasst hatte, Haberlandt ein Exemplar des Katalogs zu senden.

6 Gemeint ist der Führer für die Gesamtveranstaltung: Comitato Esecutivo per le Feste commemorative del 1911 in Roma (Hg.) (1911). Guida ufficiale delle esposizioni di Roma. Roma: G. Bertero.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04302)