Hugo Schuchardt an Karl Luick (34-275/30-3)

von Hugo Schuchardt

an Karl Luick

Graz

22. 04. 1912

language Deutsch

Schlagwörter: Ettmayer, Karl von Cornu, Julius Meringer, Rudolf Pogatscher, Alois Meyer-Lübke, Wilhelm Wyplel, Ludwig

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Karl Luick (34-275/30-3). Graz, 22. 04. 1912. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5088, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5088.


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G. 22.4.12

Lieber Freund,

Ich danke Dir bestens, muß aber berichtigen:

1. „Du warst bezüglich der letzten Schriften E.s. nicht ganz derselben Meinung wie Cornuwie Du selbst sagst“. Ich bitte Dich mir meine Worte anzugeben; ich muß mich verschrieben haben oder gänzlich mißverstanden worden sein. Ich habe immer und überall gesagt daß ich über die betreffende Schrift |2| einer Meinung mit C. bin, daß mein Gesamturteil das gleiche ist. Da Cornu eine sehr lange Reihe von Punkten aufgestellt hatte, so habe ich vielleicht, um mich nicht in einer Übereinstimmung in bezug auf jeden einzelnen zu verpflichten, vorsichtshalber gesagt, daß ich in allem Wesentlichen mit ihm übereinstimme. Dadurch wird aber doch nichts an der Sache geändert, ich habe mich – das ist wieder etwas wodurch meinem Charakter zunahe getreten wird – nicht in verschiedenem Sinne geäußert.

2. Auch den Vorwurf der Inkonsequenz muß ich entschieden zurückweisen. Ich habe allerdings E. die Hoffnung ausdrücken lassen dass ich ihn hier sehen würde, meine Hoffnung, aber |3| ich habe doch dadurch nicht Hoffnungen in ihm erweckt, zu deren Erfüllung ich nichts beigetragen hätte. Ich habe so lange ich aktiv war, mit Fakultätsangelegenheiten so viel Unannehmlichkeiten gehabt (wobei ich mich nur um die Dinge bekümmerte um die ich mich bekümmern mußte), daß man wohl von mir erwarten konnte ich würde in meinem Ruhestand die Hände davon lassen. E. wußte daß ich nicht in der Kommission war und nicht sein konnte. Ich habe keine Andeutung davon gemacht daß ich mich für ihn gegen Andere einsetzen würde – was freilich von Anfang an ja als möglich so gut wie ausgeschlossen zu sein schien. Hätte ich, auch in |4| indirekter Form, irgendwelche Zusage gemacht, so hätte ich sie gehalten. Ich bin nicht von denen die sagen: „Na, man versucht es halt“, und mein Ideal ist vielmehr der Wahlspruch der auf den altspanischen Degen stand: Ziehe mich nicht ohne Grund, stecke mich nicht ohne Ehre ein.1 Und wenn ich demnach nicht vor den „Weiterungen“ zurückschrecke, zu denen ein fest angepacktes Unternehmen führt, so möchte ich doch wissen was Andere über die Weiterungen denken die im vorliegenden Fall entstanden wären. Würde es nicht eine sog. „Ironie des Schicksals“ gewesen sein, wenn ich mit Meringer gegen Cornu hätte Stellung nehmen müssen?

3. Wenn Dir Pogatscher* [* Fast hätte ich ihm jetzt noch einmal geschrieben, aber er hat mir gleich anfangs die Hoffnung ausgedrückt, nicht mehr als Zeuge behelligt zu werden. Wie kommt es nun daß er Dir zweimal geschrieben hat?]2  gesagt hat, ich sei mit Cornu in einer andern Sache einer Meinung gewesen als in der Beurteilung der betreffenden Schrift E.s, so irrt er oder Du hast ihn mißverstanden. Wie weit wir, Cornu und ich, übereinstimmten |5| und wie weit nicht, das ist gleich in unserer ersten Unterhaltung zur Sprache gekommen, später nicht mehr – da hat es sich immer nur um die Beurteilung jener Schrift gehandelt. Cornu hat mir noch vor diesen Briefen zwischen uns, aus freien Stücken versichert, er habe Meringer mit dem er damals noch in Beziehung stand, nur von einer Übereinstimmung mit ihm bezüglich der Schrift gesprochen; hat M. nach Wien anderes berichtet, so ist es aber falsch.

Ich bedaure daß Du glaubst M.-L.s Ansicht in dieser Sache teilen zu müssen. Meine Schlußformel (im ersten Brief) war ziemlich gedankenlos; eine Mahnung sollte sie auf keinen Fall sein, nur eine Erinnerung an einen allgemein anerkannten Erfahrungssatz, dann aber hätte sie allerdings lauten müssen: Vergiß über die gegenwärtigen Freunde die abwesenden nicht … Ich kann Dir meine Gründe nicht zum Gehör bringen, aber zur Kenntnis überhaupt nur in dieser unvollkommenen und fragmentarischen Gestalt.

Wenn M.-L. glaubt ein Recht |6| zu haben gegen mich empfindlich zu sein – wo wir beide doch gar nicht in Kontakt gekommen sind, so hätte ich wohl weit mehr Recht über seine Stellung zu mir in der Meringerschen Angelegenheit empfindlich zu sein. Hier durfte eine Einmischung stattfinden und bei der engen Beziehung zwischen ihm und M. konnte sie mit Erfolg stattfinden. Es handelte sich nur um einen modus vivendi mit Rücksicht auf die Umwelt. Aus meinen Unterhaltungen mit M.-L. oder vielmehr mit seiner gescheiten und liebenswürdigen Frau habe ich ersehen dass auch ich hierbei getadelt werde, und das empfinde ich als eine große Ungerechtigkeit.

Ich hatte geglaubt in meinem Ruhestand nur mit Kämpfen um wissenschaftliche Probleme beschäftigt zu werden! Gern hätte ich mit Dir über Wyplel3 gesprochen der mich neulich besuchte – ich fürchte, die Pointe seiner neuen Theorie nicht völlig erfasst zu haben. Auch über unsere „Bühnenaussprache“, die m.E. glücklicherweise keine Aussicht hat, allgemeine Aussprache der Gebildeten zu werden. Was soll uns die niederdeutsche Aussprache zagen, Zonne?

Mit herzl. Gruß

Dein

H Schuchardt


1 Vgl. Schuchardts Briefentwurf vom 19.4.1912.

2 Von Pogatscher liegen aus dieser Zeit nur Ansichtspostkarten vor, da er für längere Zeit in Dalmatien weilte. Am 8.4.1912 schreibt er aus Lapada b. Gravosa: „Ich habe heute an Luick wegen der Sache geschrieben und hoffe, nicht weiter als Zeuge angeführt zu werden“ (Lfd.Nr. 08925). In Wien, ÖNB NL Luick 274/71-3 Han gibt es einen Brief Pogatschers an Luick vom 18.4.1912.

3 Ludwig Wyplel (um 1855-nach 1926), österr. Germanist, Gymnasiallehrer in Wien, Vf. von Eine neue Art der Sprachbetrachtung, Marburg 1912; Wirklichkeit und Sprache, eine neue Art der Sprachbetrachtung, Wien 1914. Vgl. HSA, Lfd.Nr. 12907-12915.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek. Siehe: [Portal]/Österreichische Nationalbibliothek, "Korrespondenz Schuchardt, Hugo, 1842-1927 [VerfasserIn] ; Luick, Karl, 1865-1935 [AdressatIn]" (Sig. 275/30)