Hugo Schuchardt an Karl Luick (05-275/30-1)

von Hugo Schuchardt

an Karl Luick

Graz

28. 03. 1900

language Deutsch

Schlagwörter: Skraup, Zdenko Hanns Ive, Antonio Hartel, Wilhelm von Kirste, Johann Seuffert, Bernhard Krek, Gregor

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Karl Luick (05-275/30-1). Graz, 28. 03. 1900. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5084, abgerufen am 30. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5084.


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Ich bitte Dich von diesem Briefe wie von dem Mussafias1

Lieber Freund,

Du wirst verwundert sein dass ich meinen Standpunkt in der bewussten Angelegenheit mit solcher Zähigkeit vertrete. Ich bitte Dich aber zu bedenken dass nach so manchem Unangenehmem was ich im Laufe der Jahre innerhalb der Fakultät erfahren habe, ich mich in der Hoffnung wiegte dass ich ohne Missklang aus dieser ehrenwerthen Körperschaft scheiden, dass ich bei meinem letzten Antrag den ich nach wie vor als durchaus gerecht und vernünftig betrachte, keinen besondern Widerstand finden und dass auch Skraup2 in diesem allereinzigsten Falle nicht dreinreden würde; |2| das ist doch etwas sehr Geringes was man von Jemandem erwarten kann, mit dem man sonst die freundschaftlichsten Beziehungen pflegt. Ich habe mich gründlich getäuscht. Man hat mir wiederum ein Misstrauensvotum zukommen lassen: entweder mit Rücksicht auf meinen Charakter oder auf meine Intelligenz; entweder hat man mich der Parteilichkeit bezichtigt oder man hat meine Sachkenntnis in Frage gestellt – und ich muss hinzufügen, es handelt sich dabei auch um die Beurtheilung der äussern Verhältnisse, in der ich, soweit es meine Lehrkanzel anbelangt, Euch Andern und insbesondere den Naturwissenschaftlern3 überlegen sein muss. Nun hat man sich zwar dagegen verwahrt dass |3| in der Behandlung der Sache ein Misstrauensvotum für mich liege: ich gebe ja zu dass es nicht gegen meine Person gerichtet ist, dann aber ist es gegen die Person Ives4 gerichtet und so sehe ich mir das bestätigt, wovon ich auf Grund direkter Beobachtungen – ich glaube, ich habe Dir eine oder die andere mitgetheilt – schon überzeugt war, nämlich dass in dieser Angelegenheit die Antipathie gegen Ives Persönlichkeit den Ausschlag gegeben hat. Es hat sich gleichsam um diesen festen Körper die bewusste Befürchtung als dünne Hülle gelegt* [am Fuß der Seite: *wie schade, dass man nicht die Gegenprobe machen kann! Ich denke bei einem sehr bewebten5 Ordinariatskandidaten würde die Befürchtung ungemein leicht wiegen.]; wenn ich sie als Vorwand bezeichnet habe, so habe ich damit nicht gemeint dass Alle von ihrer Richtigkeit durchdrungen gewesen seien. Und bei einigen Wenigen, wie bei Dir, |4| gebe ich auch zu, dass von einem Vorwand nicht geredet werden darf. Indessen wirst Du die Verblüffung bemerkt haben die bei mir durch die Erwähnung jener „Gefahr“ hervorgerufen wurde; ich habe mich in meinen Ausdrücken sehr zurückgehalten, um das Zustandekommen eines einheitlichen Berichtes zu ermöglichen – Du erklärtest ja, ohne die Aufnahme jener Klausel könntest Du nicht mitthun. Begreiflicherweise liegt mir nun aber doch daran dass nicht wie mir das in Fakultätsangelegenheiten meistens passirt ist, auch in diesem Falle das was ich vorschlage und vertrete, von den Kollegen als Idiosynkrasie aufgefasst werde. Der beiliegende Brief von Mussafia wird Dir zeigen dass er genauso denkt wie ich. Man wird freilich auch dieses Zeugniss anfechten; man wird |5| sagen: „gleiche Brüder, gleiche Kappen“, oder M. ist ein getaufter Jude oder Gott weiss was. Wenn ich wohl wäre, würde ich mir den Scherz machen nach Wien zu fahren und Hartel6 deshalb zu interpelliren; würde man aber die Versicherung die er mir wahrscheinlich gäbe, als vollgültig nehmen? Für den Fall dass die Politik bei der Beförderung Ives mitspielen sollte – ich weiss es nicht und es könnte in entgegengesetztem Sinne sein, entweder im Sinne der italienischen Nationalen oder gegen sie –, hat doch Hartel kein spezielles Interesse daran, das ihn zu einer deratigen „Umlegung“ veranlassen könnte, wie sie angedeutet worden ist; es fällt das vielmehr in die Angelegenheiten des Gesammtministeriums – wenn es nöthig erscheinen wird, wird der Finanzminister |6| den verhältnismässig nicht grossen Betrag hergeben. Der Unterrichtsminister kann zeitweilig ein Ordinariat mit einem Extraordinarius besetzen und er wird es nach österreichischen Prinzipien, thun, wenn augenblicklich nur Privatdozenten zur Verfügung für das betreffende Fach stehen; aber er kann nicht ohne Weiteres ein systemiertes Ordinariat zu einem Extraordinariat degradiren. Wer eine solche folgenschwere Befürchtung ausspricht, der darf sich nicht im Allgemeinen halten, der muss auf bestimmte und wirklich passende Präcedenzfälle hinweisen. Wie wenig der Fall Kirste7 hierhergehört, haben wir ja schon festgestellt; der wollte sich ja von dem dünnen Ast, auf dem er nicht weiter klettern konnte auf den festen und dicken hinüberschwingen. – Seufferts Frage und Kreks8 Antwort verstehe ich nicht recht; Krek hat ja selbst zu Gunsten unseres Antrags ausgeführt dass auch an den anderen Universitäten die Landessprachen besonders vertreten sind (so existirt in Czernowitz, neben dem Ordinariat für slaw. und dem für rom. Phil. eines für ruth. und eines für rum.), anderseits würde aus seiner Antwort nur die Folgerung zu ziehen sein dass ein nach Graz berufener Italiener sich durch das Vorhandensein eines Italianisten unangenehm berührt fühlen könnte. Einem deutschen Romanisten würde das vielmehr willkommen sein.9

Mit bestem Gruss Dein
HSch.


1 Vermutlich handelt es sich um den Brief Mussafias (Wien, 26.2.1890) an Schuchardt (Lfdr.Nr. 55-07674).

2 Zdenko Hanns Skraup (1850-1910), Chemiker, seit 1887 Grazer Ordinarius.

3 Bis in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg bildeten Natur- und Geisteswissenschaften in Österreich und Deutschlandeine Fakultät, weshalb ältere Naturwissenschaftler den Dr. phil., und nicht den Dr. rer. nat. führten.

4 Antonio Ive (1851-1937), Romanist, Schüler Mussafias, ab 1893 in Graz Kollege Schuchardts. Nach dessen Ausscheiden im Jahr 1900 sollte Ive auf seinen Vorschlag hin vom Extraordinarius zum tit. Ordinarius befördert werden, was offenbar in der Fakultät auf Widerstand stieß, da er ausschließlich Italianist war. Die Nachfolge Schuchardts, die 1901 Jules Cornu (1849-1909) erhielt, war davon nicht betroffen.

5 Das heute ungebräuchliche „bewebt“ greift das zuvor genannte Bild der „Hülle“ auf.

6 Wilhelm von Hartel (1839-1907), 1900-1905 Minister für Kultus und Unterricht in Wien.

7 Johann Kirste (1851-1920), Orientalist u. Indogermanist, 1886 Grazer Privatdozent, 1892 ao. Prof., 1895 tit. o. Prof., 1902 o. Prof. für oriental. Philologie.

8 Bernhard Seuffert (1853-1928), Germanist; Gregor Krek (1840-1905), Slawist; beide Professoren in Graz.

9 Der italienische Bevölkerungsteil der Doppelmonarchie wünschte sich eine eigene Universität, worüber es 1904 in Innsbruck zu einem Aufruhr („Fatti di Innsbruck“) kam, vgl. Claus Gatterer, Italiani maledetti, maledetti austriaci , Bolzano 2009; Günther Pallaver, Università e nazionalismi: Innsbruck 1904 e l'assalto alla Facoltà di giurisprudenza italiana, Trento 2010.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek. Siehe: [Portal]/Österreichische Nationalbibliothek, "Korrespondenz Schuchardt, Hugo, 1842-1927 [VerfasserIn] ; Luick, Karl, 1865-1935 [AdressatIn]" (Sig. 275/30)