Karl Luick an Hugo Schuchardt (06-06676)

von Karl Luick

an Hugo Schuchardt

Graz

28. 03. 1900

language Deutsch

Schlagwörter: Mussafia, Adolf Schipper, Jacob Büdinger, Max Meyer-Lübke, Wilhelm

Zitiervorschlag: Karl Luick an Hugo Schuchardt (06-06676). Graz, 28. 03. 1900. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5037, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5037.


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Graz 28. März 1900

Hoch verehrter Freund,

Eben erhalte ich Deinen Brief und möchte ihn sofort beantworten. Vor Allem: ich glaube, Du legst dem Votum der Facultät zu viel Gewicht bei, insofern Du viel mehr Motive dahinter suchst, als vorhanden sind. Das bei einer so grossen Körperschaft die Meinungen leicht auseinandergehen können, ist doch nicht verwunderlich. Warum siehst Du darin Übelwollen oder ein Misstrauensvotum gegenüber Deiner Person? Ich glaube davon kann keine Rede sein. Die Frage, ob es zweckmässig ist, jetzt für ein Theilgebiet der romanischen Philologie ein Ordinariat vorzuschlagen, ist m.E. eine solche, über welche jedes Fakultätsmitglied sich eine Meinung bilden kann: wenn die |2| Meinungen auseinandergehen, so zeigt das m.E. nur, dass der Fall eben schwierig ist.

Die Äusserungen Mussafias1 haben mich sehr interessiert. Ich komme eben von Wien, wo ich meinem Versprechen gemäss die Sache Schipper2 vorgelegt habe. Er gab mir sofort Recht und sagte, er habe kürzlich denselben Standpunkt in der Wiener Facultät vertreten. Es handelte sich um die Beförderung eines Extraordinarius der Geschichte zu einer Zeit, da die Professur Büdingers3 noch unbesetzt war. (Oder ist sie’s jetzt noch?) Schipper schlug vor, die Sache zu vertagen, bis die Frage der Wiederbesetzung der ordentlichen Lehrkanzel, die Büdinger inne hatte, gelöst sei, und seine Meinung wurde von Kommission wie Facultät |3| schliesslich angenommen.

Aus diesem Fall mögest Du ersehen, dass unser Standpunkt (ich meine der von Dir Abweichenden), doch kein ganz so fernliegender sein kann!

Ich habe auch Meyer-Lübke von der Sache erzählt und auch er hat mir zugestimmt! Also Mussafia gegenüber Schipper und Meyer-Lübke – das zeigt m.E. nur eines: dass man in dieser Sache verschiedener Meinung sein kann, ohne dass der eine hinter der des anderen geheime persönliche Gründe zu suchen braucht!

Ich reise in einigen Tagen nach dem Süden ab und fürchte, Dich nicht mehr zu sehen. Ich füge daher den Brief Mussafias wieder bei.

Gern hätte ich noch mit Dir Rück- |4| sprache wegen der sprachwissenschaftlichen Abende gehalten. Ich halte die jetzige Form der weiteren Abende nicht für erspriesslich und würde es für zweckmässig erachten zu der anfänglichen Form der kleinen zwanglosen Abende zurückzukehren und nur ausnahmsweise einen weiteren Kreis einzuladen. Doch darüber nach meiner Rückkehr!

Mit herzlichen Grüssen

Dein ergebener

K. Luick


1 Vgl. den vorangehenden Brief Schuchardts.

2 Jakob Schipper (1842-1915), Anglist in Wien.

3 Max Büdinger (1828-1902), seit 1872 Historiker in Wien, 1899 emeritiert.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 06676)