Karl Luick an Hugo Schuchardt (02-06673)

von Karl Luick

an Hugo Schuchardt

Graz

27. 12. 1897

language Deutsch

Schlagwörter: Brugmann, Karl Friedrich Christian Sievers, Eduard Streitberg, Wilhelm Schönbach, Anton Seldeslachts, Herman/Swiggers, Pierre (1995)

Zitiervorschlag: Karl Luick an Hugo Schuchardt (02-06673). Graz, 27. 12. 1897. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5033, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5033.


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Graz 27. Dezember 1897

Sehr geehrter Herr Professor,

Besten Dank für die Mittheilung des auf mich bezüglichen Passus in Ihrem Brief an Brugmann!1 Insofern er Thatsachen constatiert, kann ich natürlich nichts gegen ihn einzuwenden haben; insofern er aber einen leisen Vorwurf gegen mich enthält, muss ich allerdings sagen, dass ich diesen nicht eigentlich verdiene. Einmal habe ich in dem Brief an Sievers2 nicht das harte Wort ,Renegatenthum‘ gebraucht, sondern nur von ,Convertitenthum‘ gesprochen, wie es in unserer damaligen Unterredung |2| fiel. Vor allem aber habe ich in meinem Brief an Sievers ausdrücklich gesagt, dass Sie zunächst voll Anerkennung für Str.3 waren und es auch noch – was seine Leistungen betrifft – sind, dass Ihnen aber von einer bestimmten, mir bekannten Seite (die ich natürlich nicht nannte) ein Floh in’s Ohr gesetzt worden sei – eben der Einwand des Convertitenthum’s Str.‘s. Es thut mir sehr leid, dass ich dies nicht in unserer gestrigen Unterredung mitgetheilt habe: indess war dazu, wenn ich mich recht erinnere, kein Anlass dazu, da Ihr Unwillen mir dagegen gerichtet schien, dass ich überhaupt Sievers eine Mittheilung über |3| den Stand der Sache gemacht habe.

Es liegt also ein Missverständnis vor, und ich möchte die Sache keineswegs besonders gewichtig nehmen. Immerhin würde es mich freuen, wenn Sie Brugmann gegenüber die Sache berichtigten. Ich könnte auch Sievers ersuchen, ihm noch einmal meinen Brief vorzulegen.

Die Gründe, warum Sie in dieser Angelegenheit besonders sorgsam sind, sehe ich ja sehr wol ein. Mir aber waren sie, als ich meinen Brief an Sievers schrieb, nicht bekannt (bez. jene Thatsache, auf welche Sie zurückgehen, nicht gegenwärtig).

Schönbach4 werde ich bei nächster |4| Gelegenheit die entsprechenden Mitteilungen machen. Ich war gleich heute bei ihm, da ich ihn aber nicht allein antraf, war keine Gelegenheit dazu. –

Mit den besten Grüssen

Ihr ergebenster

K. Luick.


1 Karl Brugmann (1849-1919), Indogermanist, seit 1882 Professor in Leipzig. Die Edition der Briefe Brugmann an Schuchardt folgt der Edition von Seldelachts & Swiggers (1995) in Orbis 38: 197-214.

2 Eduard Sievers (1850-1932), Germanist in Leipzig. Im NL Luicks gibt es eine lebhafte Korrespondenz mit Sievers.

3 Wilhelm Streitberg (1864-1925), Indogermanist, hatte sich 1889 in Leipzig habilitiert und war noch im gleichen Jahr nach Fribourg berufen worden. Im Rahmen starker Katholisierungstendenzen dieser Universität verlor er 1899 sein dortiges Amt und verließ die Schweiz. Er war offenbar schon vorher auf der Suche nach einer neuen Stelle (und scheint in Graz als Nachfolger Gustav Meyers im Gespräch gewesen zu sein), die er dann in Münster erlangte, von wo er über München 1920 nach Leipzig zurückberufen wurde. Schon bei seiner Berufung nach Fribourg muss er katholisch gewesen sein (sollte er wegen dieses Rufs konvertiert sein?), sonst hätte er diesen Ruf nicht erhalten. Ob, und wenn ja wann er konvertierte, ließ sich nicht feststellen. Im Leipziger Professorenkatalog figuriert er als katholisch. Vgl. auch HSA, Lfd.Nr. 10-06428 und 11-06429 (August Leskien, Streitbergs Schwiegervater, an Schuchardt: „Ich hätte Streitberg so sehr gern untergebracht. Wollen Sie sich nicht entschließen, wenn die Frage wieder auftaucht, doch bei der Entscheidung mitzuthun?“). Von wem Schuchardt den Hinweis auf die Konversion Streitbergs hatte, ließ sich nicht feststellen.

4 Anton Schönbach (1848-1911), Germanist, seit 1876 Grazer Ordinarius.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 06673)