Hugo Schuchardt an Vatroslav Ignaz Jagič (43-s.n.)

von Hugo Schuchardt

an Vatroslav Ignaz Jagič

Gotha

20. 10. 1894

language Deutsch

Schlagwörter: Grundriss der romanischen Philologie Meyer, Gustav

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Vatroslav Ignaz Jagič (43-s.n.). Gotha, 20. 10. 1894. Hrsg. von Claudia Mayr und Helena Reimann (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4849, abgerufen am 02. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.4849.


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Gotha 20 Okt. 1894

Hochverehrter Herr Hofrath,

Sie werden es mir wohl auch ohne besondere Schwüre glauben dass ich aus Liebe zu Ihnen wie zur Sache gern dem schmeichelhaften Antrag Folge leisten würde. Dem steht aber ein physisches Hinderniss entgegen; oder besser ein physiologisches: meine Neurasthenie. Ich kann mich auch wenn es sich um einen ganz fernen Termin handelt, auf keine Verpflichtung zu einer litterarischen Leistung einlassen. Meine Gesundheitsstörungen sind zu häufige und langandauernde; in den kurzen Perioden wo ich ein wenig arbeitskräftig |2| bin, drängt sich so viel zusammen dass ich nicht aus noch ein weiss. Ueberdies entspricht eine Thätigkeit die eben nur in zusammenfassender kritischer Reproduktion des von Andern gefundenen besteht, meiner Individualität sehr wenig (ich weiche hierin gänzlich z. B. von Gustav Meyer ab). Der Gegenstand interessiert mich zu lebhaft als dass ich nicht bei jedem schwierigen Wort, jedem ungelösten Problem Halt machen würde und zwar nicht auf Stunden, auf Tage - und wenn das Alles wirklich ein Ende nähme, so könnte ich selbst |3| doch das gar nicht voraussehen.

Ich hatte mich, aber auch nur in sehr bedingter Weise, zu einem Beitrag für den Grundriss der rom. Phil. I verpflichtet; ich habe denselben zur erforderlichen Zeit nicht liefern können. Seitdem habe ich es mir zum festen Grundsatz gemacht, nur Sperlinge in der Hand, nicht Tauben auf dem Dache zu verschenken.

Wenn Sie dies Alles erwägen werden Sie mir wegen meiner Weigerung wohl nicht zürnen.

Ergebenst grüsst Sie

Ihr gerader wieder einmal an Aequinoctialnerven leidender

H. Schuchardt

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Universitätsbibliothek Zagreb. (Sig. s.n.)