Vatroslav Ignaz Jagič an Hugo Schuchardt (95-05052)

von Vatroslav Ignaz Jagič

an Hugo Schuchardt

Wien

27. 02. 1915

language Deutsch

Schlagwörter: Kaiserliche Akademie der Wissenschaften (Wien) Archiv für slavische Philologielanguage Indoarische Sprachenlanguage Baltische Sprachenlanguage Slawische Sprachen Meyer-Lübke, Wilhelm Triest

Zitiervorschlag: Vatroslav Ignaz Jagič an Hugo Schuchardt (95-05052). Wien, 27. 02. 1915. Hrsg. von Claudia Mayr und Helena Reimann (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4806, abgerufen am 16. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.4806.


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Wien 27. 2. 1915
VIII/1 Kochgasse 15

Sehr geehrter Herr Kollega!

Ich habe gleich, als ich Ihre Karte bekam in der Kanzlei den Auftrag gegeben Ihnen ein Exemplar des Spanischen von Wagner zukommen zu lassen. Hoffentlich geschieht das bald. Der eigentliche Bearbeiter dieses Idioms sollte Prof. Subak1 in Triest sein, den wir reichlich unterstützt haben, wofür er uns bis jetzt schmählich im Stiche gelassen!

Wer an die Stelle Meyer-Lübkes kommen soll, weiß ich nicht, da ich mit Niemandem darüber gesprochen habe. Daß uns M.L. verlässt, ist nicht schön von ihm. Vielleicht hat n. a. Gründen auch das mitgewirkt, daß sein Wunsch, ihm auf mehrere Jahre eine Unterstützung zur Ausarbeitung eines kurzen mittellateinischen Thesaurus (eines gekürzten Ducange) zu gewähren, in der Akademie auf Widerspruch stieß, den ich persönlich nicht gebilligt habe. Hätten wir ihm die Unterstützung gewährt, |2| dann wäre er wohl an uns gebunden.

Ich habe Ihnen für Ihre poetische Expektoration gegen die Portugiesen noch gar nicht gedankt. Tue es jetzt nachträglich.

Die schweren Zeiten des grausam-unsinnigen Krieges machen sich bei mir stark fühlbar. Meine besten Freunde sind ja jetzt im feindlichen Lager und die Beziehungen zu der ganzen slavischen Welt so gut wie gänzlich abgebrochen. Auch die Zeitschrift „Archiv für slav. Philologie“ leidet unter dem Druck der Kriegszeit, ihre Fortsetzung muss das Ende des Krieges abwarten. Inzwischen sind mir zwei Mitarbeiter gestorben: Fortunatov 2 in Petersburg, Novaković 3 in Belgrad, resp. Niš. Die Reihen der älteren Slavisten lichten sich. Jetzt bin ich an der Reihe! In Gottes Namen!

Mit vielen herzlichen Grüßen

Ihr

g. erg.

V. Jagić


1 Giulio Subak (1872 – 1936), Romanist und Lehrer, studierte als erster die Djudezmo-Varitäten auf dem Balkan. Siehe auch in ÖBL, 21, 22

2 Филипп Фёдорович Фортунатов [Filipp Fëdorovič Fortuntaov] (1848 – 1914), russischer Linguist, Begründer der Moskauer linguistischen Schule, erforschte die Geschichte der indoarischen, baltischen und slawischen Sprachen, Grammatik-Theoretiker. Siehe auch Rulex (abgerufen am 28. 07. 2016)

3 Stojan Novaković (1842-1915), serbischer Politiker, Diplomat, Philologe, Literaturhistoriker

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05052)