Vatroslav Ignaz Jagič an Hugo Schuchardt (19-05026)

von Vatroslav Ignaz Jagič

an Hugo Schuchardt

Wien

07. 11. 1886

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Prag Bonaparte, Louis Lucien Karabacek, Josef von Asbóth, Oszkar

Zitiervorschlag: Vatroslav Ignaz Jagič an Hugo Schuchardt (19-05026). Wien, 07. 11. 1886. Hrsg. von Claudia Mayr und Helena Reimann (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4779, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.4779.


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Wien 7. 11. 1886

Hochverehrter Herr College!

Es trifft sich so, daß ich Ihnen auf die gestellte Frage mit der gewünschten Notiz dienen kann, um dadurch von neuem ein Recht zu erwerben, Sie um eine weitere Gefälligkeit zu bitten.

Ich notirte mir seinerzeit die Abhandlung Bonapartes in folgender Weise:

Transactions of the Philological Society 1880-1 G. III und darin: Bonaparte The Simple Sounds of all the Living Slavonic Languages compared with those of the Principal New-Latin and German-Scandinavian tongues. Heute (Sonntag) konnte ich die Notiz nicht verificieren, hoffentlich hab’ ich mich nicht geirrt, muß somit auch Ihrem Gedächtnis das beste Zeugnis ausstellen.

Nun zur Bitte. Herr Wladimir Stassoff ist von meiner Findigkeit und Ihrer Gefälligkeit ganz entzückt. Seit 1880 verlangte er zu wiederholten Malen von Prof. Karabacek vergebens das, was ich ihm durch Ihre freundliche Vermittlung so schnell verschaffen konnte. Ich hab‘ ihm Ihren Brief mitgetheilt und nun kommt er gerade heute |2| mit der neuen Bitte, die ich natürlich Ihnen vorlegen muß. Er wünschte aus der besagten Handschrift zu den hier beigelegten Zeichnungen die Pagina, resp. fol. der Handschrift zu haben, wo sich die betreffenden Ornamente befinden. Wenn Sie in diesen Tagen die Gelegenheit finden im Johanneum zu sein, so würden Sie vielleicht die große Güte haben auch diese Gefälligkeit dem Stassoff zu erweisen. Er ist, ich wiederhole es, einer der bravsten Rußen die ich kenne und verdient nicht von dem etwas stark eingebildeten Herrn Karabacek in dieser Weise behandelt zu werden. Uebrigens ist Herr Karabacek nicht der einzige, dessen Benehmen mir hier mißfällt.

Prof. Ásbóth ging bereitwillig auf meinen Vorschlag ein alles polemische aus dem Aufsatz über Kračunъ auszulassen – es bleibt somit jetzt nur die Wiederholung des bisher bekannten, höchstens mit dem auch nicht neuen Zusatz daß das magyarische karácsony wohl aus dem slavischen sein wird. Ueber die Etymologie spricht er nichts, traut sich also auch Ihre Combination nicht mehr so resolut anzugreifen! Ich muß die Kleinigkeit abdrucken, nicht wegen der Sache, die durch seine Bemerkungen gar nicht gefördert wird, sondern der Person zu Lieb, es soll nicht heißen, daß ich ihn ausschließe etwa darum, |3| weil er ein magyarischer Slavist ist. Sie wissen, daß ich, wenn es ginge, mit der ganzen Welt auf dem freundschaftlichen Fuß stehen möchte. So eben hab‘ ich einen Brief Dr. Jul. Grégrs1 beantwortet, der glaubte, es sei ihm meinerseits im letzten Heft d. Archivs unrecht geschehen. Ich schrieb ihm, daß ich bedauere ihn auf einem Gebiete thetig zu sehen, welches er ganz ruhig den Männern vom Fach hätte überlassen können. Die KH. 2ist als Denkmal des 14 Jahr. unrettbar verloren, aber als Denkmal des 19ten Jahrh bleibt sie beachtenswerth. Ich erklärte mich bereit den ganzen Schimpf & Spott auf mich zu laden, nur sollte er seine Landsleute, Gebauer 3 & Masaryk 4, mit mehr Achtung behandeln. Wir wollen sehen, ob das nutzen wird. Ich hörte unlängst, man habe an das Ministerium die Zumuthung gestellt: Gebauer zu pensionieren, Masaryk zu entlassen!!

Ihre Schrift Sl. It. Sl. D. erinnert mich an ein Mißverständniß „Das ist Jovo sein Schmelz“ hatte ich nicht wegen „Jovo sein“ citirt, sondern der ganze Satz ist wortliche Übersetzung des kroatischen To je Jovino maslo. Der Spruch bedeutet: Das ist sein Anschlag, oder sein Witz. Dabei erinnere ich mich noch folgenden Mißverständnißes, durch wortliche Uebersetzung entstanden (vielleicht übrigens als Spott auf das Granzer-Deutsch): „Mein Bruder Jovo hat sich um die gesunde Maria eincanonirt“ d.h. Moj se je brat o zdravoj Marii utopio. Hier ist Zdrava Marija = Ave Maria, aber |4| worthlich = gesunde Maria, und utopiti se wurde mit top = Kanone in Zusammenhang gebracht, während es = ertrinken gemeint war.

Solche Mißverständniße kommen wirklich vor, z.B. s prilikom wurde „mit dem Beispiel“ übersetzt, während es Fahrgelegenheit gemeint war.

Mit freundlichem Gruß

Ihr

ganz erg.

V. Jagić


1 Julius Grégr (1831 – 1896), böhmisch-tschechischer Politiker und Journalist, Gründer von “Národní listy”, eines der führenden Mitglieder der Jungtschechischen Partei.

2 Die Königinhofer Handschrift (tschechisch Rukopis královédvorský), eine vermutlich von Václav Hanka hergestellte und veröffentlichte Fälschung einer mittelalterlichen Liedersammlung mit 14 Gedichten und Gedichtfragmenten epischer und lyrischer Form in alttschechischer Sprache, die angeblich aus dem 13. Jahrhundert stammte und 1817 von Hanka aufgefunden wurde. Relativ bald entstand der Streit um die Echtheit dieser Handschrift und war besonders in den 1860er und 1880er Jahren intensiv. Jan Gebauer, Jaroslav Goll und Tomáš Garrigue Masaryk arbeiteten mit sprachwissenschaftlichen Methoden daran zu beweisen, dass es sich tatsächlich um eine Fälschung handelt.

3 Jan Gebauer (1838-1907), tschechischer Sprachwissenschaftler und Literaturhistoriker, Professor an der Karlsuniversität in Prag

4 Tomáš Garrigue Masaryk (1850-1937), tschechischer Philosoph, Soziologe, Schriftsteller und Politiker, erster Staatspräsident der Tschechoslowakei.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05026)