Louis Gauchat an Hugo Schuchardt (16-03608)

von Louis Gauchat

an Hugo Schuchardt

Zürich

05. 03. 1916

language Deutsch

Schlagwörter: Sprachen auf den Inseln unter dem Winde Etymologie Grazer Tagespost Wissen und Leben: neue Schweizer Rundschau Erster Weltkrieg Tappolet, Ernst Nyrop, Kristoffer Bédier, Joseph Frankreich Schweiz Schuchardt, Hugo (1916) Nyrop, Kristoffer (1917)

Zitiervorschlag: Louis Gauchat an Hugo Schuchardt (16-03608). Zürich, 05. 03. 1916. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4741, abgerufen am 03. 10. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.4741.


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PROF. DR L. GAUCHAT
44 Hofackerstrasse Zürich 7, 5 III 16

Lieber Herr Kollege,

Sie schrieben mir vor einiger Zeit wegen albotš.1 Da das Material zurzeit bei Herrn Tappolet liegt, bat ich ihn, Sie zu befriedigen, was er auch nach Kräften gethan haben wird.2 An die Identität AllobrogaAlboche kann ich allerdings nicht glauben. Ja, es ist eigentlich beschämend, dass wir Philologen bei einem Wort, das modern scheint, und dessen Akten eigentlich vor uns liegen, uns deshalb nicht einigen können, weil wir nicht imstande sind, die einzige, richtige, die wahre Lösung sofort herauszusagen. Jenun, auch der Mediziner bleibt auf die Frage: Woher kommt das ?3 die Antwort schuldig. Und die Theologie und |2| die Juristerei haben in der allgemeinen Verwirrung, die wir erleben, auch bös versagt. Aber nicht um Ihnen dieses Lamento vorzutragen, schreibe ich Ihnen, sondern um Ihnen doch einmal zu danken für die verschiedenen Artikel über die Weltlage, die Sie so freundlich waren mir zuzuschicken4 und die ich immer mit Spannung, teilweise mit grosser Rührung gelesen habe. Dass ich in allem mit Ihnen fühle und denke, verlangen Sie nicht von mir. Aber wenn ich wie Kollege Nyrop Ihr „feindlicher Freund“5 sein muss, vielleicht in viel geringerem Masse übrigens, so wissen Sie, dass |3| zwischen uns beiden als Menschen nicht der dünnste Nebel aufkommen kann. Wir Neutralen haben es bös. Wir sind zu einem Doppelspiel verurteilt. Sollte der Krieg sich in die Länge ziehen, so könnte unser Charakter darunter leiden und die Maske auf unserer Stirne Spuren hinterlassen. Neutral sind wir nur in unseren Handlungen. So habe ich mich konsequent geweigert, irgendetwas zu unterschreiben, was nicht ein Werk der Mildtätigkeit war, auch die Adresse an die Ecole des Hautes Etudes.6 So habe ich keinen Verkehr mit Bédier gepflegt, weil er über die Atrocités schreibt.7 Aber |4| in unseren Gedanken sind wir dem Platze treu, an den Geburt und Abstammung uns hingestellt haben. Als Westschweizer in Alemannien, als Romanist unter Deutschen gerate ich dabei leicht in Konflikt mit mir selber und muss mich gegen die Miasmen wehren, die ich immer wieder an mir entdecke. Aber die Freundschaft, die mich mit meinen reichsdeutschen Kollegen zum Beispiel und mit vielen deutschen Künstlern verbindet, hat nicht gelitten. Wir lieben und achten einander zu sehr, um uns wehzuthun. Darin liegt auch eine Gewähr für die Zukunft. Die Staaten werden Feinde bleiben, aber die Menschen werden sich finden. Die Arbeit ist das Schönste auf der Welt. Mein Glossaire ist rein und unbefleckt. Darf ich Ihnen zwei Kleinigkeiten senden: Schweizer Französisch und Euryanthe8, kleine Allotria? Im ersten versuche ich zwischen Frankreich und der Westschweiz eine Grenze aufzurichten, im zweiten lobe ich ein internationales Kunstprodukt.

Seien Sie, lieber Kollege, meiner unwandelbaren Achtung und Freundschaft versichert.
L. GauchatDiese Schlussformel findet sich bereits am linken Rand von S. 3.


1 Im Zusammenhang mit Schuchardts Artikel „Boche“, Grazer Tagespost (9. Jänner 1916).

2 Vgl. Tappolets Brief vom 5.2.1916, HSA, Lfd.Nr. 11564.

3 Möglicherweise handelt es sich auch um ein Symbol für eine bestimmte Krankheit.

4 Gemeint sind wohl Schuchardts Artikel in der Grazer Tagespost und Wissen und Leben.

5 Der dänische Romanist Kristoffer Nyrop (1858-1931) ergriff im Ersten Weltkrieg die Seite Frankreichs und Belgiens, vgl. sein Buch Guerre et civilisation, Paris 1917, in dem er mehrere Aufsätze veröffentlichte. Das Zitat selber konnte nicht verifiziert werden. Schuchardt wird ausführlich auf S. 144f. gewürdigt.

6 Vgl. Ernest Muret, J. Le Coultre, Maurice Vernes, Louis Havet, „ Appel adressé aux neutres et réponse des universités suisses “, École pratique des hautes études, Section des sciences religieuses 28, 1914, 124-127 (Wiedergabe aller Stellungnahmen).

7 Vermutlich ist Joseph Bédier, Les crimes allemands d’après les témoignages allemands, Paris 1915 gemeint, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde (engl. Übers.: German atrocities …).

8 Schweizer-Französisch, Chur 1915; „Webers Euryanthe. Eine Textgeschichte“, NZZ 1916 (Sonderdruck, 29 S.).

9 Diese Schlussformel findet sich bereits am linken Rand von S. 3.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 03608)