Louis Gauchat an Hugo Schuchardt (07-03599)

von Louis Gauchat

an Hugo Schuchardt

Zürich

01. 02. 1912

language Deutsch

Schlagwörter: 70. Geburtstag Glückwünsche Bulletin du Glossaire des patois de la Suisse romande Sprachen in Singapur Publikationsvorhaben Cornu, Julius Bridel, Philippe Urtel, Hermann Schweiz Schuchardt, Hugo (1912) Bertoni et al. (1911)

Zitiervorschlag: Louis Gauchat an Hugo Schuchardt (07-03599). Zürich, 01. 02. 1912. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4732, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.4732.


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PROF. DR L. GAUCHAT
44 Hofackerstrasse Zürich V, 1 II 12

Hochverehrter Herr Kollege,

Als Wortführer einer kleinen Gruppe von Schweizer Romanisten trete ich vor Sie, um Ihnen voll Ehrfurcht und in aller Herzlichkeit zu Ihrem siebzigsten Geburtstag zu gratulieren. Wie gerne würde ich es persönlich thun, und bei dieser schönen Gelegenheit endlich Ihre Bekanntschaft machen, doch erlauben es mir leider die grosse Entfernung und die Pflichten des Semesters nicht. Cornu1, der das Glück Ihrer Nähe geniesst, wird Ihnen ja sagen, wie ernstlich und freudig wir den vierten Februar mit Ihnen feiern.

Sie finden vielleicht, dass es mehr einem gütig waltenden Geschick, als Ihnen selbst anzurechnen sei, wenn Sie das schöne Alter von siebzig Jahren erreichen; ganz aber können Sie das Verdienst für sich beanspruchen, |2| ein Führer unserer Wissenschaft geblieben zu sein, der noch die Wege für die Zukunft vorzeichnet. Wie habe ich mich über Ihr frisches, überaus überzeugendes Votum Cose e parole gefreut!2 Wieviel Sie uns Jüngern überhaupt waren und sind, lässt sich in einem kurzen Briefe nicht ausdrücken. Nur soviel, dass wir alle, obwohl wir nie zu Ihren Füssen sassen, das Gefühl haben, als seien Sie unser persönlicher Lehrer gewesen.

Und nun möchten wir uns nicht nur mit den besten Wünschen, sondern auch mit einer bescheidenen Gabe einstellen – „un tout petit rendu pour un très grand prêté“ – indem wir Ihnen, wenn Sie es nicht anmassend finden, die Jahrgänge 10 und 11 des Bulletin du Glossaire widmen, die in etwas vermehrtem Volumen erscheinen sollen. Wenn der kleine Band trotz seiner Dünne nicht fertig geworden ist, so liegt es mehr an äussern Umständen, als an uns. Ich |3| konnte den Gedanken, der Cornu und mir unabhängig kam, erst im September 1911 durch die philologische Kommission des Glossaire gutheissen lassen, als wir im Nebel auf dem Chaumont bei Neuchâtel unsere Jahressitzung abhielten. Der Vorschlag fand freudige Aufnahme, aber es war schon zu spät, um zeitig genug abschliessen zu können. Wir trösten uns einigermassen damit, dass dies bei Festschriften Usus zu sein scheint, und dass die Étrennes helvétiques3, wie wir unser Opus wahrscheinlich mit Bezug auf Ihre Verwandtschaft mit dem Doyen Bridel4 und auf die Nationalität der Verfasser betiteln werden, gewissermassen als eine Familiengabe gelten können, bei der man es weniger genau nehmen darf.

In Ermangelung des Bändchens selber, von dem Sie drei Faszikel schon zugeschickt erhielten, auf denen die Bestimmung verschwiegen werden musste, kann ich Ihnen vorläufig nur mitteilen, was es enthalten wird. |4| Tappolet, Le regain de la pâturie d’automne dans les patois romands; Jeanjaquet, Les Cris de Genève, édition critique und Le Placard en patois genevois de 1547 contre les ministres protestants; Muret, Effets de la liaison de consonnes initiales avec s finale, observés dans quelques noms de lieu du Valais; Jaberg, Notes sur l’s final libre dans les patois franco-provençaux et provençaux du Piémont; Jud, Les noms des poissons du Lac Léman; Cornu, étymologies; Urtel, Autour du rhume. Von mir ist dabei nur der Probeartikel des Glossaire über mariage, immerhin eine Verwirklichung langen Träumens und Hoffens.

Möge Ihnen die Sendung aus der Schweiz, die hoffentlich auf Ende März wirklich erfolgen kann, willkommen sein als Zeichen aufrichtiger Verehrung eines Fähnleins von 7 Schweizern5, die Ihre Prinzipien aufrecht halten. Als achter hat sich uns Urtel angeschlossen6. Wir betrachten ihn als den unsrigen, seit er mit seiner tüchtigen Studie über Neuenburger Mundarten hervortrag.

Ihr ergebener
L. Gauchat.


1 Jules Cornu (1849-1919), Schweizer Romanist, Nachfolger Schuchardts in Graz; vgl. HSA, Bibl.Nr. 01710-01842.

2Sachen und Wörter“, Anthropos 7, 1912, 827-839.

3 Étrennes helvétiennes offertes à M. Hugo Schuchardt: études de dialectologie romande à l'occasion du soixante-dixième anniversaire de sa naissance, [par] Giulio Bertoni, J[ules] Cornu, L[ouis] Gauchat, K[arl] Jaberg, J[ules] Jeanjaquet, J[acob] Jud, Ernest Muret, E[rnst] Tappolet [et] H[ermann] Urtel; [Publié par la Rédaction du] Glossaire des patois de la Suisse romande, Zürich 1913. – Der Titel erinnert an die von 1788-1831 in Lausanne erschienene Zeitschrift Étrennes helvétiennes et patriotiques . Desungeachtet schreibt Gauchat meist Étrennes helvétiques.

4 Vgl. Brief Lfd.Nr. 04-03596.

5 Man denkt unwillkürlich an Gottfried Kellers Novelle „Das Fähnlein der sieben Aufrechten“.

6 Hermann Urtel (1873-1926), vgl. HSA, Bibl. Nr. 12252-12313.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 03599)