Herbert Steiner an Hugo Schuchardt (42-11264)

von Herbert Steiner

an Hugo Schuchardt

Zürich

04. 01. 1926

language Deutsch

Schlagwörter: Hubschmied, Johannes Ulrich Gauchat, Louis Bovet, Ernest Spanien Graz Schuchardt, Hugo (1925)

Zitiervorschlag: Herbert Steiner an Hugo Schuchardt (42-11264). Zürich, 04. 01. 1926. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4690, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.4690.


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Zürich 7 Gemeindestr. 4
4.1.26

Hochverehrter Herr Hofrat!

Längst1 hätte ich Ihnen ein Wort des Dankes für den jüngsten Akademiebericht2 sagen sollen, längst nach Ihrem Ergehen fragen. Wie oft haben Hubschmied und ich uns gegenseitig zu solchen Fragen ermuntert!

Die Zeit zerrinnt mir unter den Händen, da ich von Woche zu Woche um die nackte Existenz kämpfe. Ich habe mich im Frühsommer auf freundschaftliches Drängen Gauchats|2| und Spoerris (des Nachfolgers von Bovet) entschlossen und schnell, fast unvorbereitet, promoviert. Ich nahm eine alte Arbeit von 1917/18 über einen Freund Pascals, Méré, die bis auf zwei Seiten fertig lag. Dann nahm mich jemand auf eine sehr, sehr schöne Reise nach Spanien mit – ich war seit 1913 nicht zum Vergnügen gereist und war eben sehr müde gewesen –. Jetzt bin ich für ein paar Tage zuhause.

Über den Akademiebericht |3| will ich Ihnen möglichst bald von Z. schreiben, ich habe ihn nicht mit; ich will auch seit zwei Jahren (ich arbeit ja sehr langsam, unspitzerisch) für die Zürcher Zeitung eine kurze Anzeige der Berliner Berichte (Sprachursprung usw.) verfassen.3 Aus solchen Dingen könnte dann doch mosaikartig die Schuchardtarbeit entstehen. Sie müsste viel kürzer sein, als ursprünglich geplant, da ja gut die Hälfte wenn nicht zwei Drittel der |4| Zitate, die ihren wertvollsten Inhalt bilden sollten, im Brevier stehen. Ich sage wie der Arbeitsmann im Dehmelschen Gedicht: mir fehlt „nur eine Kleinigkeit, nur Zeit, nur Zeit“.

Wenn aber, was ja heute viel näher erscheint als vor zwei Jahren, das Nötigste für die Eltern und für mich sichergestellt ist (soweit so was überhaupt der Fall sein kann), dann behalte ich den Rest an Zeit und Kraft frei, um |5| für mich zu arbeiten.

Ich wollte Ihnen, verehrter lieber Herr Hofrat, längst ein paar meiner kleinen Artikel und der von mir mitherausgegebenen Lesezirkelhefte senden4 – es soll nun geschehen, nicht weil ich diese (fast durchweg mit Anspannung auch des Gewissens geschriebenen) kleinen Journalarbeiten selbst für etwas hielte, sondern nur um auf dieser kleinen Geistesbrücke zu Ihnen hinüber zu spazieren und Ihnen eine |6| artige Reverenz und ein herzliches und dankbares Wort zu sagen.

Auch Graz, vielmehr ein Aufenthalt bei meinen Freunden, die im Sommer bei Wildon sind, ist längst geplant und soll dieses oder spätestens nächstes Jahr verwirklicht werden. Dann – wenn ich darf – klopfe ich bei Ihnen an.

Heute lege ich einen lang für Sie bewahrten Ausschnitt bei und wünsche alles Gute und Ihnen selbst Erwünschtes |7| und Liebe für dieses Jahr.

Wie immer, sehr dankbar und ergeben grüssend, verehrter Herr Hofrat,

Ihr
Herbert Steiner.

Auch mein Beitrag zur Gauchat-Festschrift – er wird in wenigen Tagen sechzig – folgt. Hubschmied hat eine ganze Reihe sehr schöner und aufschlussreicher Artikel fertig gestellt, von denen einer in der Festschrift stehen wird.5


1 Wenn nicht Schreiben Steiners verlorengegangen sind, liegt zwischen diesem und dem vorangehenden Brief eine Spanne von drei Jahren des Schweigens, die erklärungsbedürftig ist: Steiner hatte nicht nur bei Vossler, sondern auch bei Schuchardt im Hinblick auf seine geplante Dissertation Erwartungen geweckt, die er nicht einlöste. Materielle Gründe, schnell mit einer leicht veränderten Zürcher Seminararbeit aus dem Jahr 1917/18 über den Chevalier de Méré zu promovieren und sein Studium abzuschließen, spielen sicherlich eine Rolle, aber, wie er seinem früheren Doktorvater Vossler am 25.3.1925 und jetzt auch Schuchardt schreibt, hat das Schuchardt-Brevier seine geplante Arbet im Grunde genommen überflüssig gemacht.

2 „Das Baskische und die Sprachwissenschaft“, Sb. d. Wien. Ak. 202/4, 1925, 1-34.

3 Nicht nachgewiesen.

4 Vgl. Emil Sautter, Fünfundzwanzig Jahre Lesezirkel: 1908-1932. Zum fünfzigsten Geburtstag des Lesezirkels Hottingen am 4. November 1932, Zürich 1932, 23, 38, 55 ; Conrad Ulrich, Der Lesezirkel Hottingen, Zürich 1981 (hier wird Steiner nur einmal auf S. 114 erwähnt!). Die Hefte trugen den Titel Der Leszirkel. Blätter für Literatur. Steiner war von H. 12, 1924/25 bis H. 14, 1926/27 gem. mit Hans Bodmer Redakteur. Von 1926 bis 32 gehörte er der literarischen Kommission des Lesezirkels an. – Von Steiner wurden die folgenden Hefte zusammengestellt: „Otakar Brezina“ (Zürich, 1923) , „Paul Valéry“ (Zürich 1926). Hervorzuheben ist auch eine Gedenkpublikation zur Feier des 100. Geburtstags von Conrad Ferdinand Meyer: Dreißig ausgewählte Gedichte von C.F. Meyer. Festgabe zum 100. Geburtstag des Dichters, hrsg. v. Martin Bodmer u. Herbert Steiner, mit Vorwort v. Hans Trog, Zürich 1925.

5 Festschrift Louis Gauchat zu seinem 60. Geburtstage, 12. Januar 1926, von Freunden und Schülern aus der Schweiz gewidmet, Aarau 1926 ; darin Hubschmied, „Gallische nomina auf –pi- und –pā-“, 435-438 ; Steiner, „Über die deutschen Übertragungen der Trobadors. Ein Brief.“, 475-481. Vgl. auch seinen Artikel „Louis Gauchat“, Die neueren Sprachen 1926.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11264)