Herbert Steiner an Hugo Schuchardt (08-12240)

von Herbert Steiner

an Hugo Schuchardt

Wien

23. 01. 1920

language Deutsch

Schlagwörter: Neue Zürcher Zeitung Schuchardt, Hugo (1919) Schuchardt, Hugo (1919) Schuchardt, Hugo (1919) Urtel, Hermann (1919) Bridel, Philippe Sirice (1866)

Zitiervorschlag: Herbert Steiner an Hugo Schuchardt (08-12240). Wien, 23. 01. 1920. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4653, abgerufen am 31. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.4653.


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>Wien 23.1.1920

Sehr verehrter Herr Hofrat!

Kurz vor Neujahr tauchte die Aussicht auf eine kleine Grazer Reise vor mir auf, zugleich die Hoffnung, Ihnen mündlich zum Jahresbeginn alles Schönste wünschen zu dürfen. Nun ist nichts daraus geworden und ich komme verspätet und verschämt mit meinen Wünschen und Grüssen zu Ihnen. Beschämt vor allem, dass ich – seit dem Dank für das Helsingforser Separatum1, der Sie hoffentlich erreicht hat2– nicht |2|auch sofort die mit herzlichster Freude und mit Dank begrüssten Sprachursprünge und Urtelrezension3 verdankt und mich nicht längst nach Ihrem persönlichen Ergehen erkundigt habe. Ich lebte seit Anfang Dezember in einem Wirbel, in dem ich kein bischen Ruhe fand. Auch bereite ich die für April geplante Übersiedlung unseres d.h. des elterlichen, Haushaltes nach Vorarlberg vor. Hoffentlich kommt es dazu!

Ich lege eine Notiz aus der |3|Neuen Zürcher Zeitung bei, die Sie vielleicht Bridel’s4 wegen interessiert. Leider habe ich das betreffende Heft nicht, sonst hätte ich es beigelegt.

Welsche Zeitschriften. J. Wr. Die „ Bibliothèque Universelle“ tritt ihren 105. Jahrgang an. Das Januarheft bietet u.a. dem Liebhaber von Selbstschauen Erinnerungen von Joseph Stockmar, dem 1919 verstorbenen Eisenbahnfachmann, ausgewählt und mitgeteilt von Virgile Rossel; dann das Original einer Autobibliographie des Doyen Bridel, dem Gonzague de Reynold als einem der Väter des kulturellen Helvetismus ein so umfangreiches Werk gewidmet hat; ferner die Erzählung eines Besuches der Ebene von Kossowo großserbischen Angedenkens, von Baud=Bovy; auch eine recht interessante italienische Chronik von Francesco Chiesa. Die wissenschaftliche Chronik, die Henry de Varigny besorgt, und die sehr anregend ist, wird durch das öde Wirtschaften mit Boche und nochmals Boche verunziert, die in einer vorwiegend schweizerischen Zeitschrift von seiten eines noch so sympathischen Ausländers nie geduldet werden sollte.

Mit der erneuten Bitte, all die unartige Verspätung zu verzeihen und mir Ihr, dankbar und herzlich empfundenes, |4| Wohlwollen auch in diesem Jahre zu erhalten, grüsse ich Sie, sehr verehrter Herr Hofrat, als

Ihr in Verehrung ergebener

Herbert Steiner.


1 „Chauvinistisch?“, Neuphil. Mitteilungen (Helsingfors) 20, 1919, 76-78.

2 Nicht erhalten.

3 „Sprachursprung I“, SB d. Berl. Ak. 1919, 716-720; „Sprachursprung II“, SB d. Berl. Ak. 1919, 863-869; Anzeige von: H. Urtel, Zur baskischen Onomatopoesis, LB f. germ. u. rom. Philologie 40, 1919, 397-406.

4 Philippe Bridel (1757-1845), Schweizer Pfarrer, Dichter und Sprachwissenschaftler (Glossaire du patois de la Suisse romande).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 12240)