Hermann Urtel an Hugo Schuchardt (47-12298)

von Hermann Urtel

an Hugo Schuchardt

Unbekannt

31. 10. 1921

language Deutsch

Schlagwörter: Internationale Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Techniklanguage Baskisch Brüch, Josef Eichler, Albert Spitzer, Leo Schädel, Bernhard Roethe, Gustav Morf, Heinrich Morf, Bertha Rohlfs, Gerhard Hilka, Alfons Gavel, Henri Graz Jena

Zitiervorschlag: Hermann Urtel an Hugo Schuchardt (47-12298). Unbekannt, 31. 10. 1921. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4546, abgerufen am 05. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.4546.


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31.Okt. 1921.

Lieber verehrter Herr Professor!

Die risposta und den herzlichen Dank für Ihre eben eingegangene Karte v. 28.10. will ich sogleich beim Schopfe packen und nach Graz auf den Weg geben! Ja, es war wunderbar harmonisch und sonnenbeleuchtet in Jena1; von östr. Kollegen sah ich Brüch, Castle aus Wien u. gab Eichler2 einen Gruss an Sie mit. – Nach Ihrer Handschrift zu urteilen – es ist immer mein erster Blick, ob Sie auch bis zum letzten Wort sicher geführt erscheint – geht es Ihnen Gottlob gut u. Sie wissen wie mich das freut. Schön wäre es, wenn wir Sie nächsten Sommer in Graz selbst aufsuchen könnten u. den 80jährigen nachträglich feiern! Das wäre ein Fest! Einstweilen hat Spitzer mich u. meine Frau zum Sommer nach Pörtschach 3eingeladen. – Letzere ist übrigens ein paar Wochen auf Urlaub in der Heimat, kommt aber am 15. Nov. – und zwar gern (alles in schönster Ordnung!) – zurück. Bis dahin muss ich Zöpfchen flechten für die lieben Hasen. Zu Mittag sorgt eine Kochfrau. – Ein Freund von mir sagt immer: ,Ein Ehemann ist stets ein verhinderter Dichter‘; also schwingt mein Geist jetzt noch frei u. ich bin sehr produktiv, leider auch körperlich sehr potent – verzeihen Sie die Jugendlichkeiten! –; ich habe |2| daher den Vorschlag gemacht, daß die Fakultät den jüngeren kraftvollen Dozenten ein oder zwei Reitpferde zum Tummeln gratis stellt – Bismarck sagte ja: „Ohne meine Fuchsstute wäre das deutsche Reich nie gegründet worden“! – So schwimme ich denn viel und schreibe an meinem Maupassant-Buch, so weit mir Vorlesungen („Prosakunst der Romantik, Praktikum, Altfranz. Übungen im Seminar“) Schule (12 St. wöch.) und Studentenprüfungen Zeit lassen. Letztere machen mir viel Freude u. Arbeit. Ich schiesse mit meinen Themen glaub ich etwas hoch, aber Schädel gestattet mir Dissertationen zu betreuen (,Die Weltanschauung Henri Barbusses‘,,Zolas Verhältnis zu Malerei u. Malern‘, ,Mme de Staëls politische Theorien‘ 4 – viell. doch zu schwer – aber ich lerne dabei). Die span. Reise ist hoff. nicht für Jahre verschoben5 – Geldnöte, ich weiss es selbst nicht; unser Rayonchef und phonographischer Weichensteller Doegen6 verspricht immer Berge von Gold oder Peseten – ich glaube ihm stets nur 1/3, aber auch das ist noch zu viel. Ich halte jedenfalls an dem spanischen Träume fest. Roethes Nachruf an Morf7 habe ich immer schon zur Lektüre notiert; denken Sie, mein Nekrolog an ihn (bereits Ende März eingeschickt) in der Internat. Monatsschrift ist immer noch nicht erschienen 8; ich spreche auch vom ,Sprachwetter‘!! Auch mir gegenüber hat auf wiederholte Bitten Frau Morf ganz geschwiegen. Unbegreiflich. Daß Rohlfs das Bask. an Morf giebt9, hätte Hilka schon sehen müssen, aber der intellektuelle Urheber war M. ja auch. Gavels Phonetik10 habe ich nicht erhalten, auch sonst nichts Baskisches. Sehr schade!

Mein lieber Verehrter, leben Sie wohl u. mag Sie der rauhe Winter in einen glücklichen Sommer hinübertragen.

Von Herzen immer der Ihrige


1 Vgl. Anm. 1 zu Lfd. Nr 62-12313.

2 Joseph Brüch (1886-1962), Romanist in Wien (bis 1923); Eduard Castle (1875-1959), Germanist und Theaterwissenschaftler in Wien; Albert Eichler (1879-1953), seit 1912 Anglist in Graz.

3 Vgl. Lfd.Nr. 53-12304.

4 Keiner dieser Titel ist im Druck nachweisbar.

5 Vgl. Brief Lfd.Nr. 54-12305.

6 Wilhelm Doegen (1877-1967), Begründer des Berliner Lautarchivs, Vf. von Der Kriegsgefangenen Haltung und Schicksal in Deutschland, Berlin 1921.

7 „ Gedächtnisrede des Hrn. Roethe auf Heinrich Morf “, SB d. Preuß. Akad. d. Wiss. 1921, Halbbd. 1, 521-528.

8 Die Zeitschrift wurde mit Band 15, 1920/21, eingestellt.

9 Gerhard Rohlfs, „ Zur Erinnerung an Heinrich Morf “, ZrP 41, 1921, 259-263, hier 262.

10 Henri Gavel, Éléments de phonétique basque, Paris 1920.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 12298)