Hermann Urtel an Hugo Schuchardt (38-12289)

von Hermann Urtel

an Hugo Schuchardt

Stolberg, Harz

08. 12. 1918

language Deutsch

Schlagwörter: Morf, Heinrich Morf, Bertha Linschmann, Th. Dodgson, Edward Spencer Graz Schuchardt, Hugo (1893) Linschmann, Theodor/Schuchardt, Hugo (1900)

Zitiervorschlag: Hermann Urtel an Hugo Schuchardt (38-12289). Stolberg, Harz, 08. 12. 1918. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4537, abgerufen am 01. 10. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.4537.


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Stolberg. 8. Dez. 1918

Lieber verehrter Herr Professor!

Ihr ausführlicher freundlicher Brief sollte immer beantwortet werden und Dank für alle so sehr willkommene Auskunft! Aber ich wusste nicht, ob wirklich angesichts der politischen Ereignisse die Briefexpedition gesichert war, ob das, was über die Grenzverhältnisse u. Sperre, auch über Graz in den Zeitungen berichtet wurde, wahr sei. So hielt ich zurück. Ende Oktober war ich eine Woche in Berlin u. erfuhr dort näheres über Morf und seinen Zustand. Es muss doch wohl eine Art progressiver Paralyse mit Abscessbildung sein. Er soll sich in einem Zustand fortwährender Niedergeschlagenheit befinden, die abwechselt mit Ausbrüchen der Empörung (gegen seine vortrefflichen Ärzte), mit Klagen über angebliches Verhungern. Man darf ihn nicht besuchen; gleichwohl war er – es war ein erfolgloser Versuch von Frau Morf – 8 Tage in seiner Wohnung untergebracht, wo aber die stumpfe Apathie erst recht wieder in Aufgeregtheit umschlug. Dort hat ihn ein besuchender Herr zufällig gesehen und berichtete, daß er ganz alt und gebrochen ausseh, vornübergeneigt, langsam gehend. |2| er wiegt nur noch 98 Pfund. Aber eines erfuhr ich, was mir grosse Freude machte: ich las einen 3 Seiten langen prächtigen Brief Morfs vom 9. September, Dank an eine Schülerin (auch sonst hat er vereinzelt Karten gesendet); alles war so klar „wann mir meine Kräfte gestatten, die Arbeit wieder aufzunehmen, wage ich noch nicht zu sagen“ so etwa hiess es darin; auch die Schrift war noch die gleiche sichere wie früher. Nur gegen Ende wurde sie etwas zittrig. Frau M. war ganz erstaunt gewesen über die Möglichkeit eines solchen Briefes und sagte, daß er eben in einem guten Augenblick verfasst sei. –1

16. Dez.

Ich bin wieder durch allerlei Hemmnisse unterbrochen worden. Nun noch einmal besten Dank für Ihren Brief, der so manches wieder in mir anregte. Ich glaube übrigens in laur- von laurembat das alte germ. laur- (schwed. Lördag) Wasch(-tag) sehen zu dürfen. Die Tatsache der Waschung am Sonnabend ist, wie ich mir sagen lasse, eine frühchristliche Übung. Überhaupt |3| sind die bask. Wochentage doch fast ganz ,christlich‘. Ich muss mich an irgendeinen kathol. Theologen oder Religionshistoriker wenden, der mir diese Trias zu Anfang, den Marientag – denn dafür halte ich Sonnabend = nakεnεguna – u.a. erklärt. –

Meine Büchernot hat sich gemildert. Ich habe von Linschmann die ganze köstliche Euskarabibliothek2 – trotz starker Gewissensbedenken seinerseits (– aber wer wird noch darauf Anspruch erheben? etwa Herr Dodgson?3) – erworben und bin nun gut ausgerüstet für weitere Arbeit. Freilich das Ende dieses Krieges steht vor der Tür und damit muss ich nach Hamburg zurückkehren und die Studien sind – jedenfalls in dieser Ausdehnung – vorbei. Meine Adresse ist vorläufig auch wieder Stolberg, denn meine Familie bleibt weiter hier in den gesicherten Ernährungsverhältnissen. Wie gerne wäre ich noch weiter hiergeblieben! – Aber vorläufig sind meine Basken noch hier, ich habe nun meine 140 Texte – ein dicker Band – zusammen u. |4| möchte nur Zeit haben, sie mit Anmerkungen zu versehen. Meine baskische Grammatik ist ein hartes Stück – immer noch knobele ich an Ihren ,Bask. Bezugsformen‘4, die mir recht viel Not machen – es ist doch eine verteufelt schwierige Sache, dieses Verbum! Daneben lese ich eifrig Leiçarragas Testament-Übersetzung – es ist doch wirklich kein Exemplar aufzutreiben von Ihrer Ausgabe!5 – Die Univ. Bibl. Göttingen leiht es mir freundschaftlich. Eben suche ich mir ein Bild der Tempuslehre zu machen. Wann wird Ihre bask. Arbeit erscheinen? – Übrigens aus den reichen Problemen des Verbs nur eine Frage. Es ist doch merkwürdig, daß der verkürzte Verbalstamm nur im Conj. Optat. und Imperativ (har) erscheine, in allen übrigen Zeiten in der volleren Form (hartu)6. Wissen Sie einen Grund für dieses Verhalten, das sich ja wohl (mit Ausnahme des Imper.) nur in franz bask. Dial. zeigt (van Eys Gr. 122.7)? –

Endlich ein gutes Weihnachtsfest in diesen sonderbaren Zeiten.

Und herzliche Grüße Ihres
Hermann Urtel.


1 Vgl. Lfd.Nr. 37-12288.

2 Vgl. Anm.  2 zu Lfd. Nr. 36-12287.

3 Edward Spencer Dodgson (1857-1922), mit Linschmann und Schuchardt in brieflicher Beziehung stehender Baskologe. Schuchardt, wie übrigens auch andere Baskologen der Zeit, brach den Kontakt mit Dodgson vollständig ab. Vgl. den hier online stehenden Briefwechsel, bzw. die häufige Erwähnung der Schwierigkeiten mit Dodgson auch in anderen baskologischen Korrespondenzen.

4Baskische Studien I. Über die Entstehung der Bezugsformen des baskischen Zeitworts“, Denkschr. der Wien. Akad. 42, III, 1893, 1-82.

5 I. Leizarragas Baskische Bücher von 1571... [hg. von] Th. Linschmann und H. Schuchardt, Strassburg 1900.

6 Bask. har(tu) 1. aufnehmen, empfangen, behandeln; 2. besetzen.

7 Vgl. Anm. 3 zu Lfd. Nr. 24-12275.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 12289)