Hermann Urtel an Hugo Schuchardt (10-12261)

von Hermann Urtel

an Hugo Schuchardt

Hamburg

15. 12. 1912

language Deutsch

Schlagwörter: Wörter und Sachen [Zeitschrift] Meinhof, Karl Coelho, Francisco Adolfo Reis Gonçalves Viana, Aniceto dos Leite de Vasconcelos, José Diniz, Julio Portugal Graz Schuchardt, Hugo (1912) Schuchardt, Hugo (1912) Schuchardt, Hugo (1912)

Zitiervorschlag: Hermann Urtel an Hugo Schuchardt (10-12261). Hamburg, 15. 12. 1912. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4507, abgerufen am 30. 09. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.4507.


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Hamburg. 15. Dezember 1912.
Eilbecktal .5.

Hochverehrter Herr Hofrat!

Schon lange war es meine Absicht, Ihnen durch einen Brief zu danken für die freundliche Übersendung der mir so sehr wertvollen Abhandlungen. Der „ben tornato“-Gruss, den ich hier bei meiner Rückkehr erhielt, hat mich gleich wie ein guter Zuspruch bei Beginn der Winterarbeit angefeuert. Für einen, der sich täglich aus dem Einerlei des Schulbetriebes auf- |2| raffen muss, um der liebgewordenen Arbeit in den Abendstunden nachzugehen, hat ein solch freundliches „vorwärts zu weiterer Arbeit!“ den Wert einer kräftigen Wegstärkung. Höchst interessant waren mir die nubisch-baskischen Gleichungen.1 GRat Stuhlmann hier2 ist ja, wie ich höre, voll von dem auf ganz anderen Wegen erworbenen Gedanken einer uralten Einwanderung nordafrikanischer Völker über Südfrankreich nach Spanien. Ich hoffe einmal in den Weihnachtstagen Gelegenheit zu finden, mit ihm und unserem trefflichen Afrikaner Prof. Meinhof3 über diese Dinge zu reden. Nun sende ich Ihnen weiter Dank (und zugleich herzlichen Glückwunsch zu der Ehrung, |3| die es veranlasste) für das Antwortschreiben an die Akademie, das als persönliches Dokument und vor allem bedeutungsvoll gewesen ist.4 Ich habe es meiner Frau vorgelesen und es war, als hörten wir Sie sprechen, die Sprache, die wir – Sie dürfen es glauben – so gerne lebendig an unser Ohr klingen hörten. Daß ich nun auch die „Wörter und Sachen“ aus dem Anthropos besitze5, ist mir eine grosse Freude. Gerade weil Sie immer „die Probleme“ anfassen, darum ist jede neue Schrift mir ein willkommener Anlass, auch in anderem Umkreise ähnlichen Gedanken nachzugehen. Vergessen Sie mich, das bitte ich herzlich, auch weiter nicht bei weiteren Arbeiten. |4| Sie haben hier dankbar-fleissige Leser, des darf man sich rühmen!

Nun lagen hier, als ich von einer überaus inhaltsreichen Reise zurückkam, gedruckte Berge aufgehäuft, durch die ich mich „recensierender Weise“ durchfressen soll. Hoffentlich kommt darüber eine umfangreiche Arbeit über „Volksbrauch und -glaube der Portugiesen“ nicht zu Schanden.6 Ich finde für die Religionsgeschichte der romanischen Völker noch so ungeheuer viel zu tun und nun gar für Portugal was wäre da nicht noch zu tun? Von einigen Reiseeindrücken spreche ich in der beifolgenden Drucksache7, nehmen Sie die Schilderung mit Nachsicht auf. – Den glänzendsten Eindruck hat mir Ad. Coelho8 gemacht und ein liebevoll väter- |5| licher Freund ist mir Gonçalves Vianna9 geworden. Bei ihm habe ich mich menschlich am wohlsten gefühlt – ich sah dort ein Jugendbild von Ihnen, das mir viel Freude machte. Leite10 bin ich weniger nahe getreten, sonst aber habe ich eine Reihe vortrefflich geschulter Arbeiter kennen gelernt und – Gott sei Dank – ich habe nicht schlecht portugiesisch gelernt und hoffe nun Diniz11 – von dem Sie uns einst so hübsch erzählt haben – und Almeida Garrett12 und meinen Freund Eça de Queiroz13 noch besser kennen zu lernen. Hoffentlich schenkt mir der liebe Gott etwas Zeit! |6| Von Herrn Wünsch14 in Königsberg habe ich neulich interessante Mitteilungen erhalten. Es handelte sich für mich um einen portugiesischen Heiligen – Santo Hilario (ein übler Knabe, der die jungen Mädchen nach dem Tode defloriert), über dessen „heitere“ Tätigkeit vieles noch ganz Unbekannte im Volke kursiert. Ist Ihnen ein ähnlicher Unhold (doch wohl phallischer Herkunft) auch sonst in der Romania begegnet? Das ganze Capitel des Seelenlebens ist in P. so höchst interessant! Ein systematisches Studium der Riten wäre doch auch lohnend. Kurz – ich |7| bin dankbar für den embarras de richesses, der sich von einem der herrlichsten blauen Himmel diesen Sommer über mich ergossen hat.

Nun aber will ich in später Nachtstunde schliessen. Mögen Sie in dem lieben Graz ein recht frohes Weihnachtsfest feiern – und mögen uns Ihre führenden Kräfte, deren Wirkung durch die Ferne uns spürbar bleiben, noch lange erhalten werden!

Mit herzlichem Gruss auch von meiner Frau

Ihr getreuer

Hermann Urtel


1Zur methodischen Erforschung der Sprachverwandtschaft (Nubisch und Baskisch)“, Revue intern. des études basques 6, 1912, 267-281.

2 Franz Stuhlmann (1863-1928), Zoologe und Afrikanist in Hamburg.

3 Carl Meinhof (1857-1944), seit 1909 Afrikanist in Hamburg.

4Dankschreiben des Hrn. Hugo Schuchardt für seine Wahl zum auswärtigen Mitglied der Akademie“, SB d. Königl. Preuss. Akad. d. Wiss. zu Berlin 1912, 983-984.

5 Nachschrift zu T. de Aranzadi De cosas y palabras vascas“, Anthropos 7, 1912, 425-428.

6 Urtel hat seine verschiedenen Arbeiten später zusammengefasst und unter dem Titel Beiträge zur portugiesischen Volkskunde der Reihe „Abhandlungen aus dem Gebiet der Auslandskunde (Fortsetzung der Abandlungen des Hamburgischen Kolonialinstituts) der Hamburgischen Universität“ zur Veröffentlichung angeboten, die sein Manuskript annahm. Er erlebte die Veröffentlichung jedoch nicht mehr, doch sorgte Schädels Nachfolger Fritz Krüger für den Druck (vgl. Vorwort der Beiträge). Urtel selber hatte dem Band die Bemerkung vorausgeschickt, dass er den Impuls zu einer umfänglichen Behandlung von Themen der portugiesischen Volkskunde der Marburger Philologenversammlung von 1913 verdanke. Die Kriegsjahre hätten ihn jedoch am Abschluss gehindert. Persönlichen Dank stattet er dem Herausgeber der Lusa, Dr. Claudio Basto in Viana do Castelo (Minho), und vor allem Dr. Leite de Vasconcellos in Lissabon ab. Der Band enthält die folgenden Arbeiten: „Zur Gebärdensprache“, 4-22; „Amulette“, 23-26; „Zum Festkalender“, 27-40; „Baum- und Pflanzenkult“, 41-46; „Toten- und Seelenglaube“, 47-53; „Der Lobishomem (Werwolf)“, 54-57; „Zur Volksmedizin“, 58-68; „Sternenglaube“, 69-72; Wasser, Brot, Bett, Spiegel“, 73-78; „Einzelne Menschenklassen und Berufe“, 79-82. Interessant ist der Hinweis, dass der erste Aufsatz längere Zeit bei der Zeitschrift Wörter und Sachen zum Druck gelegen habe, dann aber zurückgezogen und überarbeitet worden sei. Möglicherweise war der Disput Schuchardt-Meringer der Grund dafür, da Urtel ganz auf Schuchardt eingeschworen war; vgl. auch Anm. 2 zu Lfd. Nr. 02-12253.

7 Wanderungen in Portugal, Bremen: Kaffehag 1912-13.

8 Francisco Adolfo Coelho (1847-1919), portugiesischer Ethnograph und Philologe.

9 Gonçalves Vianna, vgl. Anm.  4 zu Lfd. Nr. 08-12259.

10 José Leite de Vasconcellos, vgl. Anm. 1 zu Lfd. Nr. 09-12260.

11 Júlio Dinis (1839-1871), Pseud. von Joaquim Guilherme Gomes Coelho, portugiesischer Arzt und Schriftsteller.

12 João Baptista da Silva Leitão de Almeida, Visconde de Garrett (1799-1854), portugiesischer Dichter und Schriftsteller.

13 José Maria Eça de Queiroz / Queirós (1854-1900), bedeutender portugiesischer Schriftsteller.

14 Richard Wünsch (1869-1915), Klassischer Philologe und Religionswissenschaftler.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 12261)