Hugo Schuchardt an Sextil Pușcariu (20-s.n.9)

von Hugo Schuchardt

an Sextil Pușcariu

Graz

22. 11. 1920

language Deutsch

Schlagwörter: Academia Română (Bukarest) Universitätsbibliothek Graz Universität Graz Académie des inscriptions et belles-lettres Institut de France Accademia dei Lincei (Rom) Reale Istituto Lombardo Instituto de Coimbra Academia das Ciências de Lisboa (Lissabon) Modern Language Association Lazarewsches Institut, Moskaulanguage Rumänischlanguage Lateinlanguage Romanische Sprachen Rumänien Schuchardt, Hugo (1921)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Sextil Pușcariu (20-s.n.9). Graz, 22. 11. 1920. Hrsg. von Luca Melchior und Katrin Purgay (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4441, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.4441.


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Lieber Kollege!1

Eben hatte ich Ihren Namen (mich auf Ihr Zeugnis in einer nicht sehr wichtigen Sache berufend) niedergeschrieben2 als ich Ihre dankenswerte Sendung3 erhielt. Ich begrüße die erste Schwalbe aus Rumänien, hoffentlich bleibt sie nicht die einzige. Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir folgende Frage. Im letzten Personalverzeichnis unserer Universität4 wurden auf selbstherrliche Verfügung des Rektors5 alle Mitgliedschaften bei letzthin feindlichen Akademien6 gestrichen; ich erfuhr die Sache überhaupt erst hinterher. Nun ist eine Aufforderung ergangen, daß diejenigen, welche den positiven Beweis ihrer fortdauernden Mitgliedschaft bringen können, sich damit melden sollen. Mir für meine Person ist die Sache nun gleichgültig geworden;7 ich habe aber im allgemeinen Interesse erklärt, es gebe nur zwei Wege einzuschlagen Indemnität oder Prestitutio in integrum ohne weiteres. Man könnte sich höchstens darauf berufen, daß man in den Mitgliederverzeichnissen der Akademien fortgeführt werde; darüber könne man sich aber eben, äußerer Umstände halber, nicht vergewissern. Würden Sie nun – obwohl das für meine |2| weitere Entscheidung nicht unbedingt maßgebend wäre – mich darüber unterrichten, wie es bei der A.R.8 in meinem Falle damit steht? – Ich würde recht gern Ihre akademische Antrittsvorlesung besprechen9 – ich habe sie noch nicht gelesen; aber einerseits bin ich etwas phonetikmüde und meinen Augen sind diese Dinge beschwerlich und anderseits stehe ich, in bezug auf Klassifikation der romanischen Sprachen noch ziemlich auf dem Standpunkt wie vor mehr als einem halben Jahrhundert (s. meine Sprachverwandtschaft von 1917,10 die sie ja wohl erhalten haben).

Mit besten Wünschen für Sie und die Ihrigen Ihr
HSch.


1 Die Karte datiert vermutlich vom 22. November 1920, allerdings ist der Poststempel nur schwer lesbar.

2 Schuchardt arbeitete vermutlich gerade an seinem Artikel über "Ecke, Winkel", in dem er einen Zusammenhang der beiden Wörter mit "Horn" zu verteidigen sucht. In diesem Zusammenhang führt er an: "Jene Bedeutung von cornu hat auch das Rumänische und sie ist, wie Puşcariu dazu bemerkt, dem Lateinischen nicht fremd" ( Schuchardt 1921a: 254).

3 Es handelt sich um Locul limbii române între limbile romanice ( Puşcariu 1920b , in französischer Fassung auch in Puşcariu 1937 ), Abhandlung über die Latinität des Rumänischen und Parallelen und Ähnlichkeiten mit den anderen romanischen Sprachen, Antrittsvorlesung Puşcarius, die er am 11. Juni 1920 vor der rumänischen Akademie gehalten hatte und die in den Anale der Akademie veröffentlicht wurde. Der rumänische Sprachwissenschaftler war im Oktober 1919 auf den Lehrstuhl der neugegründeten Universität in Cluj berufen und als erster Rektor derselben nominiert worden. Ein Sonderdruck der Abhandlung befindet sich in der Grazer Universitätsbibliothek; er trägt nicht das Exlibris Schuchardts, jedoch eine eigenhändige Widmung Puşcarius, die leider unvollständig und daher nicht zur Gänze lesbar ist: "[…] Klausenburg, Str. Elisaveta 23 14.XI.20 Puşcariu".

4 Gemeint ist das Verzeichnis für das Studienjahr 1919/20. Ab diesem Jahr findet sich auf der ersten Seite die Notiz: "Da über die Fortdauer der Mitgliedschaft gelehrter Gesellschaften in den Ländern, mit denen Österreich im Kriege lag, vielfach noch Zweifel bestehen, hat das Rektorat die bezüglichen Angaben im Professorenverzeichnis vorläufig, bis zur völligen Aufklärung fortgelassen."

5 1920-1921 war der Althistoriker Otto Cuntz (1865-1932) Rektor der Universität Graz.

6 Im Falle Schuchardts handelte es sich dabei um die Académie des Inscriptions et Belleslettres am Institut de France, die Accademia dei Lincei in Rom und die Reale Accademia delle Scienze dell'Istituto di Bologna, das Reale Istituto Lombardo di Scienze e Lettere in Mailand, das Institut in Coimbra, die Akademie der Wissenschaften von Lissabon, die rumänische Akademie, die Modern Language Association of America in Baltimore, das Lazarew’sche Institut für morgenländische Sprachen in Moskau, die neuphilologische Gesellschaft in Petersburg sowie seine Mitgliedschaft im Ehrenkomitee des ersten ethnographischen Kongresses in Rom. Außerdem wurde nicht mehr erwähnt, dass Schuchardt Ehrendoktor der Universität Bologna, Offizier des Ordens " Stern von Rumänien" und Ritter des königlich portugiesischen St. Jago-Ordens war (vgl. die Verzeichnisse von 1918/19 und 1919/20).

7 Im darauffolgenden Verzeichnis für das Studienjahr 1921/22 ist wieder die vollständige Liste abgedruckt, was darauf hindeutet, dass sich Schuchardt doch die Mühe gemacht haben muss, die Bestätigungen für die Mitgliedschaften bei den betreffenden Akademien einzuholen.

8 Academia Română.

9 Es wurde keine Besprechung der Antrittsvorlesung durch Schuchardt veröffentlicht.

10 Schuchardt 1917a.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des: Institutul de Lingvistica in Cluj-Napoca (Sig. s.n.9)