Eugen Lerch an Hugo Schuchardt (04-06415)
von Eugen Lerch
an Hugo Schuchardt
23. 07. 1923
Deutsch
Schlagwörter: Dankschreiben Publikationsversand Lexikographisches Entlehnung Allgemeiner Deutscher Sprachverein
Englischbasierte Kreolsprachen (Surinam)
Deutsch Schuchardt, Hugo (1923) Gutknecht, Christoph (2011) Gutknecht, Christoph (2009)
Zitiervorschlag: Eugen Lerch an Hugo Schuchardt (04-06415). München, 23. 07. 1923. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4306, abgerufen am 15. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.4306.
23/7/23
Hochverehrter Herr Geheimrat!
Herzlichen Dank für Ihren schönen Aufsatz „Individualismus“, womit Sie mir eine große Freude gemacht haben (auch insofern er Ihre bewundernswürdige Frische bezeugt).1 Das Beispiel „völkisch“ ist schlagend. Ich führe gern ein anderes an: in Berlin sagte man vor einigen Jahren „Du bist manoli“ – „Du bist verrückt“. Wie kommt Manoli (Name einer Zigarettenfabrik) zu dieser Verwendung? Ein Altphilologe, dem ich diese Frage vorlegte, dachte an mania. Weit gefehlt! Besagte Zigarettenfabrik hat sich einer Lichtreklame bedient, hoch über den Häusern. Das war ein Kreis, gebildet aus aufflammenden und gleich wieder verlöschenden elektrischen Lampen, und dieses Rad ging umgekehrt wie der Uhrzeiger. Danach bildete einer „Du bist manoli links ‘rum“
|2|(Dies der ursprüngliche Wortlaut, den ich selber noch gehört habe), was dann verkürzt wurde zu „Du bist manoli“. Ich bin neugierig, was man anno 2023 über die Etymologie dieses Wortes schreiben wird …2
Zur Verdeutschung von „national“: noch 1886 bezeichnete sog. der Allg. D. Sprachverein „Die Kräftigung des nationalen Bewußtseins im Volke“ als sein Ziel (in den Satzungen); noch 1893 wurde bei der Neugestaltung dieser Satzungen das Wort „national“ von keiner Seite beanstandet (vgl. Z. d. Allg. D. Sprachvereins 1898, Sp. 42).
Mit herzlichem Dank
in großer Verehrung
Ihr
Lerch
1 Vgl. Anm. 1 zur Lfd. Nr. 03-06414.
2 Vgl. dazu Christoph Gutknecht, „Total Manoli. Wie ein jüdischer Zigarettenfabrikant das Deutsche bereicherte“, Jüdische Allgemeine, 20.1.2011. Der Autor ist Vf. von Lauter Böhmische Dörfer: Wie die Wörter zu ihrer Bedeutung kamen, München 2009, und verweist auf auf ein Gedicht von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1920 mit den Zeilen „Die meisten Menschen haben heut ein kleines Rad. / Total Manoli! Total Manoli! / Such dir mal wen in ganz Berlin, der das nicht hat. / Tanz des Geschlechts um Manoli rechts rum, / die ganze Erde tanzt von früh bis abends spät / stets um das Dings rum, Manoli links rum! / Ihr seid doch alle, alle, alle etwas durchgedreht“.
