Ferdinand Blumentritt an Hugo Schuchardt (039-01076)

von Ferdinand Blumentritt

an Hugo Schuchardt

Leitmeritz

19. 06. 1883

language Deutsch

Schlagwörter: Literaturhinweise / bibliographische Angaben Zensus Sprachprobe Reduplikation Numerus Korrespondenzbeilagen Jahres-Bericht der Communal-Ober-Realschule in Leitmeritzlanguage Spanisch (Philippinen)language Küchenspanischlanguage Spanischbasierte Kreolsprache (Philippinen) Meyer, A. B. Mas, Sinibaldo de Labhart-Lutz, Johann Conrad Brochero y Parreño, Francisco

Zitiervorschlag: Ferdinand Blumentritt an Hugo Schuchardt (039-01076). Leitmeritz, 19. 06. 1883. Hrsg. von Veronika Mattes (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.430, abgerufen am 07. 12. 2022. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.430.

Printedition: Mattes, Veronika (2010): "Sa Profesor Schuchardt munting alay ni F. Blumentritt": Die Briefe Ferdinand Blumentritts an Hugo Schuchardt. In: Grazer Linguistische Studien. Bd. 74., S. 63-237.


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Leitmeritz d. 19. Juni 1883

Hochverehrter Freund!

Der freie Nachmittag kommt mir gerade gelegen ihren Liebenswürdigen Brief beantworten zu können. Jene Notizen Mind. sind in der That, in einem der beiden Jahrgänge (mehr sind nicht erschienen) der Ilustración filipina erschienen, Meyer besitzt beide in einen Band gebunden, Sie dürften darin noch viel mehr als ich finden. In Mas, den ich selbst besitze, ist leider nichts über das espol d. cocina, es ist dies umso mehr zu bedauern, als es das einzige vernünftige spanische Werk über die Philippinen ist (Moya1 wimmelt von Fehlern u. Unrichtigkeiten)[.]

Das Verhältnis der Spanischredenden zu dem Reste der Bevölkerung entspricht den wirklichen Verhältnissen, so wie Sie es angeben. Der Nomenclátor für das Jahr 1864 machte den Versuch die Zahl der Spanischsprechenden in dem Cuadro de habitantes que hablan cada uno de los dialectos que se conocen en Filipinas festzustellen, hiebei kam das ganz unzuverläßliche Resultat unter 4.721619 Bew. hablan 87302 el castellano.

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Geht man die Sache genauer durch, so findet man, dass für Cotta-bató in dem Dialectverzeichnis nur Manobo u. Moro angegeben wurden, bei der Zählung der Dialect-Individuen aber die Bewohner Cottabatós als Castellanos sprechende einrangiert wurden. Die Incorrectheit dieser Liste erhellt allein aus dem Umstande, dass für Chino nur die Ziffer 2385 sich findet [.] Noch etwas characteristisches: in dem Verzeichnis werden angeführt:

Mandayas: 4104

Apayaos: 799,

nun hören Sie: die Sprache der Apayaos wird von den Ibanages Mandaya genannt, dann gibt es einen Volksstatus Mandaya in der Prov. Surigao u. anderen Theilen Mindanaos, nun entfallen auf die 4104 Mandayas der Liste ungefähr ¼ auf Surigao, der Rest sind Apayaos, nun sehen Sie das köstliche, dass einerseits unter Mandaya zwei einander wildfremde Stämme zusammengeschweißt werden, der Rest des einen aber dann noch besonders gezählt wird: ¡Alcaldes chiflados!

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2 ad Candonga habe ich alle meine auf die Tracht bezüglichen Notizen durchgesucht, vorläufig aber nichts gefunden.

ad don-don bei den Indiern glaube ich auch Plural, doch habe ich eine Notiz aus dem "Comercio" 1881, April .... "un viejo don-don ajó nuestros deseos ...",3

ad ch: bez. Juancho kann ich gar nichts sagen Bichara aber ist von holländisch-Indien her importiert, oder richtiger gesagt, von Borneo u. Ternate. In einzelnen Ländern v. holl. Ind. nur weiß ich nicht gerade in welchem, heisst Bichara: der große Rath, der Kriegsrath, Berathung. Ebenso ist Cachiola Ternatanischen Ursprunges, die Spanier Magellanes' welche solange Jahre hindurch den Sultan v. Tidore gegen die Portugiesen unterstützten haben diesen Namen von den Ternatanern u Tidoresen erhalten. Mindanao war Vasallenstaat der Maluccen-Sultane[.]4

ad Abella5 der größte Theil meiner aus Abella gezogenen Notizen ist

durch die liebenswürdige Fürsorge meines Töchterchens Dolores vernichtet worden, ich konnte das Buch dann nicht wieder bekommen.

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ad baguio: Diese Vocabel macht mir viel Kummer, ich hielt es = Taifun, Cyclon, Labhart nennt letzeren ausdrücklich Hurracan, während andere Spanier baguio = Taifun direct setzen. Bei Gelegenheit der Zeitungsnotizen über den letzten großen Taifun fahndete ich nach einer diesbezüglichen Aufklärung – ohne Erfolg: bald hurracano bald baguio

ad Zamboanga-Cottabató. Die Dampferverbindung zwischen diesen Orten u. Manila ist jetzt eine so regelmäßige, dass die Antwort sicher eintrifft, wenn der Adressat schreibt.

[Randnotiz, Handschrift Blumentritt: In Zamboanga ein deutscher Apotheker: Teófilo Fuss]

ad Marianas. Über die Marianen schrieb Alvarez Guerra ein dürftiges Büchlein6, in welchem aber sich nichts über das Esp.ol findet. Einige Notizen über das Esp. filpino aus demselben Werke lege ich bei. Wenden Sie sich an den Cura párroco von Agaña (Islas Marianas, viā Manila). Der Gobernador político-militar heisst D. Francisco Brochero y Parreño, doch sind die Beamten sehr ungefällig, die Frayles dagegen liebenswürdig, wenn auch unwissend. Vor einem halben Jahre keine Antwort zu erwarten.

Herzliche Grüsse von Ihrem ganzergebenen

F. Blumentritt

Wollte das Vocabular d. Biblioteca um 1/3 des Umfanges vergrößert im Programm7 nochmals erscheinen lassen, aber Deus afflavit et dissipati sunt.

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Guerra. de Manila á Marianas8

Español – filipino

vabay = babay

descorre las conchas á significativas enfrentadas

matang-mapungay9 = Ausdruck der Augen

dulce languidez, propia solo de la[s] hijas del oriente, que formule un deseo á su ñol.

pilandera = Mädchen, welches den Palay10 im lusong11 stampft

casama12 = muss irgend ein Handelsartikel sein (p. 88.)

mostrador de la usura

von Labhart

ANLOAQUES sind Taglöhner bei Hausbauten

CHAPDIQUI, ein von China importiertes Hazardspiel (Ruten)


1 Moya y Jiménez, Francisco de (1883). Las islas Filipinas en 1882.

2 Die folgenden Anmerkungen beziehen sich auf Nachfragen Schuchardts zu Blumentritts Vocabular (1882).

3 Bezieht sich auf Blumentritt (1882d: 30): „für den spanischen Titel Don oft die reduplicirte Form dondon“. Schuchardt fragte offensichtlich nach der pluralischen Bedeutung der Reduplikation (s. Schuchardt 1883b: 137). Allerdings wird die Reduplikation hier, wie häufig üblich, zur Abschwächung genutzt (s. Mattes 2007), wie Blumentritt (1882d: 30) schon schreibt: „so werden oft die Principales von den Spaniern im ironischen Sinne genannt“.

4 Die Informationen Blumentritts über den Ursprung der Ausdrücke in Ternate gibt Schuchardt, mit Verweis auf Blumentritt, in Schuchardt 1883b: 141) wieder.

5 Abella, Venancio M. de (1871). Vademecum filipino ó manual de la conversación Español-Tagalog.

6 Alvarez de Guerra (1872).

7 Jahresbericht der Oberrealschule in Leitmeritz.

8 Aus Alvarez de Guerra (1872).

9 Tag. mata „Auge“, pungay „Starre“ ( mata-ng ma-pungay (mata-LK ST-starr) “weit aufgerissene/starrende Augen”).

10 Reispflanze.

11 Gerät zum Reisstampfen.

12 Eigentlich bedeutet tag. kasama „Besitzer, Pächter“.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 01076)