Otto von Reinsberg-Düringsfeld an Hugo Schuchardt (06-09362)

von Otto von Reinsberg-Düringsfeld

an Hugo Schuchardt

Dresden

14. 07. 1870

language Deutsch

Schlagwörter: Biographisches Habilitation Bittschreiben Rezension Jahrbuch für Romanische und Englische Literatur Sprachen in Dalmatien Sprachen in Istrien Sprachkontakt (allgemein) Sprachen auf dem Balkan Sprachgeschichte (extern) Dialekte Personennamen Traditionen/Brauchtumlanguage Slawische Sprachenlanguage Romanische Sprachenlanguage Venezianischlanguage Dalmatischlanguage Istriotischlanguage Rumänischlanguage Albanischlanguage Romanílanguage Türkischlanguage Italienische Dialektelanguage Italienischlanguage Lateinlanguage Istrovenezianischlanguage Serbisch Zarncke, Friedrich Leipzig Gotha Istrien Dalmatien Zadar Split Ragusa Italien

Zitiervorschlag: Otto von Reinsberg-Düringsfeld an Hugo Schuchardt (06-09362). Dresden, 14. 07. 1870. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4292, abgerufen am 09. 12. 2022. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.4292.


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Dresden 14.7.70.
Amalienstrasse 1.

Verehrtester Herr Doctor!

Professor Zarncke1 sagte mir zwar, ehe wir der Messe wegen Leipzig verließen, daß man Sie dort erwarte, aber ein Theaterzettel des Gothaer Hofes, auf welchem ich Ihren Namen mit der Bezeichnung Hof-Cavalier fand, machte mich wirklich zweifelhaft, ob Sie der gelehrten Carrière vielleicht entsagt, um sie mit einer Stellung am Hofe zu vertauschen. Um so mehr freute ich mich, von Ihnen jetzt das Gegentheil zu hören und zu erfahren, daß Sie rüstig weiter arbeiten auf dem begonnenen Wege.

Ihre Habilitationsschrift2 bitte ich ja, mir aufzuheben, bis ich selbst komme, sie mir zu holen, |2| indem ich hier doch nur die Mühe hätte, sie wieder einzupacken, ohne bei meiner jetzigen Arbeit über die Namen der Tage und Heiligen im Volksmund und in Schriften die nöthige Muße zu finden, mich eingehender mit igl-eigl3 zu beschäftigen.

Was das Romanische in Istrien und Dalmatien4 anbetrifft, so kann ich Ihnen leider wenig Tröstliches mittheilen. Italiänisch ist zwar Sprache der Bildung u. der Gesellschaft, aber im Volk nur an der Küste u. auf den Inseln heimisch, wo die späteren italienischen Ansiedlungen urkundlich feststehen. Das Lateinische, welches einst in Zara, Spalato, Traù u. namentlich Ragusa gesprochen worden ist, wurde früh schon vom Slavischen verdrängt, u. selbst die alten Statuten der Städte, die einzigen schriftlichen Denkmäler des romanischen Elementes aus der Zeit vor der Herrschaft des Slavischen, sind nur durch die darin vorkommenden theils slavi- |3| sirten lateinischen, theils romanisirten slavischen Worte bemerkenswerth. Ich habe damals aus der reichen Statutensammlung des Grafen Garagnin-Fanfogna in Traù5 viele davon zusammengestellt u. irgendwo, ich weiß aber wirklich nicht mehr in welcher Zeitschrift, veröffentlicht, ebenso wie ich auch irgendwo einen Artikel über die Mundarten des Italienischen im heutigen Dalmatien habe drucken lassen. Ein selbständiger romanischerDialekt hat sich aber nirgends in Dalmatien gehalten, wenn sich überhaupt einer entwickelt hat. Denn das Insel- u. Küsten-Italienisch ist jetzt gleich dem in Istrien u. Triest ein verdorbenes Venetianisch (das am reinsten in Zara gesprochen wird) u. das Ragusäische ein Gemisch aus Italiänisch u. Serbisch. Die schriftlichen u. literarischen Erzeugnisse späterer Zeit sind sämtlich in reinemItaliänisch abgefaßt, am besten in Ragusa, wo auch die Statuten in möglichst klassischem Latein geschrieben sind, da die Republik besondere Latinisten aus Italien dazu berief.

Daß der NameMorlacchi6 nicht, wie Viele wollen, etwas mit mare zu thun hat, sondern, wie Sie sagen |4| von mamorlacchi herrührt, steht, meiner Ansicht nach, unbestreitbar fest, da auch die Türken sie als Kara-vlassi bezeichnen, u. sie selbst sich Vlak nennen.

Gleichwohl sind sie die reinsten Serben u. haben weder in Sprache, noch im Äußern Etwas mit den Rumänen gemein. Nur zu Sitten u. Aberglauben haben Beide, glaube ich wenigstens, von den früheren Bewohnern der Balkanhalbinsel, für deren Überbleibsel ich die Albanesen halte, Manches angenommen, das anderen Slaven u. Romanen fehlt.

Vielleicht dürfte ein Studium der Zingaren, deren Sprache leider noch zu wenig erforscht ist, wichtige Resultate für den Zusammenhang der Albanesen u. Wallachen liefern. Der Name der slavischen Vlachen hängt wohl weniger mit dem der Rumänen, als dem slavischen Worte vlak, das sich in einigen nordslavischen Dialekten noch für „Hirte“ erhalten hat, zusammen.

Herzlichen Gruß von meiner Frau und


Ihrem hochachtungsvoll ergebenen


Reinsberg-Düringsfeld.

P.S. Sollten Ihnen seltene Namen für Fest u. Tage im Lateinischen aufstoßen, bitte ich, sie mir gütigst mitzutheilen. besprochen zu haben.

Noch fällt mir da ein: Morandi wünscht seine Sonette del Belli besprochen zu haben. Wollen Sie daher im Romanischen Jahrb. etwas darüber sagen, oder soll ich es thun?7 Von Ihnen wäre es jedenfalls besser.8


1 Friedrich Zarncke (1825-1891), Germanistikprofessor in Leipzig.

2 Über einige Fälle bedingten Lautwandels im Churwälschen, Gotha 1870.

3 Ebd. bes. S. 32.

4 Zu allen Dalmatien angehenden Fragen konsultiere man das „Gemeinschaftswerk“ der Reinsberg-Düringsfeld, Aus Dalmatien, Prag 1857, 3 Bde. Die Reisebeschreibungen stammen von Ida, die Anmerkungen von ihrem Mann Otto. Der 3. Bd. enthält einen vorzüglichen Namensindex. Das Ehepaar hatte achtzehn Monate in Dalmatien verbracht und sich genau umgesehen und informiert.

5 Conte Anton Fanfogna heiratete 1810 die Catharina Contessa Garagnin aus lucchesischem Geschlecht in Venedig; ihre Söhne erhielten 1823 eine k. k. Adelsanerkennung als Nobili. Um welchen Vertreter der Familie es sich hier handelt, konnte nicht festgestellt werden. Die Familie besaß eine bedeutende Bibliothek, die heute in ihrem Palazzo, der in ein öffentlich zugängliches Museum umgewandelt wurde, aufbewahrt wird. Es gibt mehrere Statutensammlungen dalmatinischer Städte, vgl. z.B. Liber statutorum civitatis Ragussii compositus anno 1272: cum legibus aetate posteriore insertis atque cum summariis, adnotationibus et scholiis veteribus juris consultis Ragusinis additis. Nunc primum in lucem protulerunt, praefatione et apparatu critico instruerunt, indices adjecerunt V. Bogišić et C. Jireček, Zagreb 1904.

6 Vgl. hierzu die Anmerkungen Otto v. R.-D. in Anm. Bd 1, 302f., deren zahlreichen Literaturangaben beeindrucken.

7 Schuchardt hat sich dieser Aufgabe unterzogen, vgl. „G. G. Belli und die römische Satire I-III“, Beilage zur Allgemeinen Zeitung (Augsburg, München), 2925f., 2946-2948, 2971f., 2994f. Zu Morandi S. 159 des zusammenfassenden Nachdrucks.

8 Das P.S. findet sich auf den Rändern der S. 2.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 09362)