Hugo Schuchardt an José Leite de Vasconcelos (53-20866)

von Hugo Schuchardt

an José Leite de Vasconcelos

Graz

31. 10. 1900

language Deutsch

Schlagwörter: Besuche bei Schuchardt Biographisches Etymologielanguage Provenzalisch Michaëlis de Vasconcelos, Carolina Dalgado, Sebastião Rodolfo Diez, Friedrich

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an José Leite de Vasconcelos (53-20866). Graz, 31. 10. 1900. Hrsg. von Ivo Castro und Enrique Rodrigues-Moura (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4161, abgerufen am 21. 09. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.4161.


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Graz, 31 Okt. 1900.

Lieber Freund,

Ich danke Ihnen für Ihren Mappa dialectologico, obwohl Sie nun die weissen Stellen desselben zum Theil schon ausgefüllt haben werden. Die Worte die Sie darauf gesetzt haben: «em lembrança de Graz», haben mir einen Stich ins Herz gegeben. Ich denke nämlich dass Ihre Erinnerungen an Graz oder, noch deutlicher gesagt, an mich keine allzu angenehmen sind; das habe ich auch schon von längerer Zeit in einem Briefe an Frau Michaëlis Vasconcellos angedeutet. Wenn Sie meinten dass meine nervöse Abspan- |2| nung eine Folge der Unterhaltung mit Ihnen sei, so waren Sie durchaus im Irrthum. Sie kam nur auf Rechnung der übermässigen Gewitter-Schwüle, die in jenen Tagen herrschte; leider konnte ich Ihnen das nicht beweisen. Das Wetter macht mich im Hochsommer oft so krank dass ich mich ins Bett legen muss.

Wenn ich Ihnen nicht zugeredet habe länger zu bleiben, so lag das nicht an meinem eigenen Zustand, auch nicht an dem Bewusstsein dass ich ein schlechter Gesellschafter wäre, sondern in der Wahrnehmung dass Sie sich in der Fremde nicht mehr wohl zu fühlen schienen und, wie mir sehr begreiflich, von einer krankhaften Sehnsucht nach der Heimath erfüllt waren.

Wenige Tage nach Ihrer Abreise hatten wir schönes heiteres Wetter, und im Walde spazieren gehend, |3| gedachte ich lebhaft Ihrer [↑insbesondere] dass Sie mich da muntrer und gesprächiger gefunden haben würden. Denn ich hätte so gern so Vieles noch mit Ihnen besprochen; meine Apathie eben weil sie ganz physischen Ursprungs ist [­kann ich] nur bis zu einem gewissen Grade beherrschen, ich muss auf die guten Stunden warten, mag es sich um Arbeit oder um Vergnügen handeln.

Betrachten Sie also die Sache von dem Ihnen nicht fremden Standpunkt des Arztes und üben Sie Nachsicht mit mir.

Mons. Dalgado hat mir seine Schriften geschickt und ich habe ihm dafür gedankt. Wie ich Ihnen schon sagte, hoffe ich auf die verschiedenen Lusitanica zurückzukommen; jetzt muss ich die längst begonnenen Arbeiten fortführen und womöglich abschliessen.

In diesen Tagen hat mich das |4| port. calhao beschäftigt. Ich vermag gar nicht abzusehen was Diez bestimmt hat, dies calhao als Lehnwort zu betrachten, natürlich aus dem Provenzalischen ( calhau). Wissen Sie irgend einen Grund dafür? Kommen in Portugal noch andere Formen vor?

Mit herzlichstem Grusse
Ihr ergebener
H. Schuchardt

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Universidad de Lisboa. (Sig. 20866)