Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (136-087)

von Hugo Schuchardt

an Georges Lacombe

Graz

02. 08. 1911

language Deutsch

Schlagwörter: Leon, Albert Leizarraga, Joanes Duvoisin, Jean-Pierre Azkue y Aberasturi, Resurrección María de Collins, Viktor Aranzadi y Unamuno, Telesforo de Sare

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (136-087). Graz, 02. 08. 1911. Hrsg. von Katrin Purgay (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4068, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.4068.


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Graz, 2. Aug. 1911

Sehr geehrter Herr und Freund,

Sie werden von Ihrem Ausflug nach Biarritz zurückgekehrt sein, und es würde mich sehr freuen, näheres über den Kongress zu hören. Natürlich interessiert mich jetzt vor allem was A. Léon über das einfache Verb zu sagen gewußt hat.

Hier einiges zu Ihren Leiçarraga-randglossen.

Luk. 20,33. ukan dié hura emazte. Auch Mark 12,23 hura emazte ukan dié (l’ont eue à femme und pour femme; jenes 1566 an beiden Stellen). Ähnlich Jaincoa dut testimonio Röm. 1,9. Philipp. 1,8. Vgl. enguztaçulagun çure saynduyac Dechepare A 8.2. Würde übrigens Leiç., wie Duvoisin, emaztetzat gesagt haben, nicht etwa emaztetan? Vgl. lagunetan banaducac Philem. 1, 17.

Luk. 22, 23 hec has cequizquion bata berceari |2| eguiten. – Nicht cequion! Die Regel ist, auch in andern Sprachen, dass in diesem Falle das Subjekt mit dem Plural verbunden wird: „sie sehen sich einander an“; so zunächst elkarri ciotsatela Act. Ap. 2, 12, aber dann auch bei bata(c)bercea(ri usw.) z.B. bata berceari dagozcan, batac bercea maite duçuen (Luk. 7,32 Joh. 13,22. 15,12. Cor. I, 7,5 usw.). Das direkte oder indirekte Objekt immer im Singular.

Luk. 19,27 ene etsay nic hayén gainean regna neçan nahi eztuten heç ist nur insofern unregelmäßig, als wir erwarteten eztutenac; hec vertritt hier den Artikel, der ja mit ihm im Grunde identisch ist, nur gerade darin abweicht dass Subjekt und Objekt unterschieden werden im Plural:

- ec

           }= hec

- ac

Meine Frage wegen des Rhythmus bei Dechepare werden Sie vielleicht töricht gefunden haben. Ich hätte allerdings ebenso gut fragen können, wie Sie entsprechende, moderne Verse lesen. Aber das hängt nun wieder zusammen mit der ganzen Betonungsangelegenheit; ein Souler, ein Guipuzcoaer, ein Niedernavarrer usw. werden die Frage verschieden beantworten.

|3| Ich habe mich seiner Zeit – zu Sare – sehr für diese Sache interessiert und interessiere mich auch noch dafür, kann aber nun nichts mehr selbst beobachten. Im Labourd nimmt man keinen festen Akzent wahr, indessen läßt sich doch Einiges über die Betonung sagen. In der Soule, in Südhochnavarra und anderswo ist der Akzent immer auf der gleichen Stelle, aber Übereinstimmung besteht zwischen den verschiedenen Gegenden in dieser Hinsicht nicht. Man sollte eine Karte skizzieren, auf welcher zunächst die Grenzen zwischen den akzentuierenden und den nicht akzentuierenden Mundarten angegeben werden, und dann an einzelnen Beispielen die Verschiedenheiten zwischen den ersteren.

Zu Dechepare bin ich jetzt von Leiçarraga aus gekommen. Verstehen Sie ihn ganz? Über Stempf (der ja die mir nicht bekannte Übersetzung Archus vor sich hatte) ist wohl niemand hinaus gekommen, und er läßt doch viel genug im dunkeln. Bei Azkue habe ich verschiedene Wörter Dechepares nicht gefunden; ich werde sehen, daß ich ein Verzeichnis dieser Desiderata fertig bekomme.

An Collins werde ich morgen schreiben. Ich bin dabei etwas in Verlegenheit |4| nämlich mit Rücksicht auf den Fall daß er mir einen Preis stellte der mir zu hoch erschiene. Ich brauche ja den Duvoisin nicht durchaus; er wäre mir nur erwünscht, und ich muß meine Bücherankäufe etwas in Einklang miteinander bringen. Auch mit Rücksicht darauf daß die Villa nicht mehr viel Raum für Bücher gestattet. Sie scheinen Collins persönlich zu kennen; was ist er denn eigentlich?

Augenblicklich bin ich mit einer Anzeige von einer Arbeit Aranzadis über Anthropologie und Ethnographie der Basken beschäftigt (für den „Anthropos“).

Ich wünsche Ihnen angenehmen Aufenthalt in den Bergen!

Mit herzl. Gr. Ihr

H. Sch.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Fondo Lacombe (Euskaltzaindia). (Sig. 087)