Adolf Tobler an Hugo Schuchardt (07-11712)

von Adolf Tobler

an Hugo Schuchardt

Berlin

03. 04. 1877

language Deutsch

Schlagwörter: Wissenschaftliche Diskussionen und Kontroversen Diezstiftung Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften (Berlin) Storost, Jürgen (1992)

Zitiervorschlag: Adolf Tobler an Hugo Schuchardt (07-11712). Berlin, 03. 04. 1877. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4042, abgerufen am 15. 02. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.4042.


|1|

Berlin d. 3. Apr. 77.

Geehrtester Herr College!

Die baldige Antwort, die Sie von mir wünschen, kann ich Ihnen nur in folgender Weise geben:

1.) Ich bin nicht in der Lage im Namen des Berliner Comités irgend etwas zuzusichern, was nicht bereits in dem „Aufrufe“ steht, und sehe auch keine Veranlassung, dasselbe einzuberufen oder zu einer schriftlichen Abstimmung über eine Frage einzuladen, die so wenig bestimmt gefaßt ist.

2. meines Erachtens kann das Berliner Comité nicht unter der Hand gegenüber einer ganz unfaßbaren und ihm unbekannten Partei (oder wie Sie es nennen wollen) Verpflichtungen eingehn im Widerspruch zu dem oder in Beschränkung dessen, was es in seinem Aufrufe gesagt hat, und müßte allermindestens die Personen, deren Beiträge bereits eingegangen sind, nachträglich fragen, ob sie auf solche Aenderungen hin ihre Gelder nicht etwa zurückziehn wollen.

3. die Betheiligung des Auslandes ist auf das Lebhafteste von dem hiesigen Comité gewünscht, & wie mir scheint ist in dem Aufrufe deutlich genug ausgesprochen, wie willkommen sie sein wird; auch ist, wie mir scheint, den Ausländern durch die Zusicherung des Anhörens auslän- |2| discher Sachverständigen (die ja Akademien oder Einzelne sein können) angemessen entgegengekommen. Daß man auf die Wünsche ausländischer Comités bezüglich der Statuten alle mögliche Rücksicht nehmen würde, ist mir außer Zweifel, & bestimmt kann ich sagen, daß ich für meine Person den beßten Willen jederzeit gehabt habe, den Ausländern die Stellung in der Sache zu wahren, die ihnen gebührt. Sie nun wollen, daß ihnen „eine entscheidende Stimme bei dem Abschlusse“ zugesichert werde. Was soll denn das heißen? Gesetzt nun, man einigte sich nicht ohne Weiteres, dann soll also wohl abgestimmt werden, aber wie denn? nach Ländern, nach Köpfen der Comitémitglieder, nach beigesteuerten Mark? Dergleichen allgemeine Zusicherungen sind ja ohne den mindesten Werth, so lange sie nicht bestimmter lautende Sätze zur Ergänzung haben, und diese wieder laßen sich nicht statuieren unter 100 oder mehr Personen, die über ganz Europa zerstreut sind. Es bleibt bei Dingen von der Art der Diezstiftung nach meiner Erfahrung nichts anderes übrig, als daß eine Anzahl Leute, die die Möglichkeit mündlicher Besprechung haben, sich zusammen thun, den Versuch der Inititative machen & es drauf ankommen lassen, ob ihnen das nöthige persönliche Vertrauen entgegen kommt. |3| Das Berliner Comité kann mit dem bis jetzt Erreichten zufrieden sein. Wenn Sie das erforderliche Vertrauen nicht haben und in der beßten Meinung, das versteht sich ja, auch andre warnen wollen, so nimmt Ihnen dies kein Mensch übel, am allerwenigsten ich. Wie Sie dazu kommen, fortwährend vorauszusetzen, ich sei verstimmt und verletzt, begreife ich in der That nicht, ich kann getrost versichern, daß mir schon ganz andre Dinge den Humor nicht verdorben haben. Daß ich Ihren letzten Brief nicht beantwortet habe, dürfen Sie auch nicht auf irgend welche Mißstimmung meinerseits zurückführen, sondern bloß auf den Umstand, daß ich auf Ihre Auslassungen über Preußen, die hiesige Akademie und die Staatsanwälte u.s.w. in der That nichts zu antworten wußte, wovon ich mir eine Förderung der Gleichartigkeit unserer Ansichten hätte versprechen dürfen. Ich mußte fürchten, unsere Correspondenz werde ungefähr so fruchtbar werden, wie die von Ihnen so schwer vermißte Discussion der Diezstiftung auf dem Wege der Zeitungspolemik meiner Ansicht nach geworden sein würde.

Ergebenst
Tobler.

Nachträglich erinnere ich Sie noch daran, daß der 30. Dez. 1877 im Aufrufe als Termin des „vorläufigen“ Abschlusses angesetzt ist; daß aber nichts hindern wird, die Festsetz[un]g der Statuen weiter hinauszuschieben.1


1 Storost, Hugo-Schuchardt, 1992, Nr. 26, 30-31 [kleinere Versehen wurden verbessert].

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 11712)