Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (117-075)

von Hugo Schuchardt

an Georges Lacombe

Graz

09. 05. 1911

language Deutsch

Schlagwörter: Revue internationale des études basques Universität Berlin (Friedrich-Wilhelms-Universität) Urquijo Ybarra, Julio de Harriet, Maurice Aranzadi y Unamuno, Telesforo de Rhamm, Karl Mogrobejo y Abásolo, Nemesio

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (117-075). Graz, 09. 05. 1911. Hrsg. von Katrin Purgay (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.4015, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.4015.


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Graz, 9.5.’11

Sehr geehrter Herr und Freund,

Ich danke Ihnen dafür daß Sie de Urquijo angeregt haben, mir Harriets Äußerung über irbiñudea mitzuteilen: „nourrice qui suce le sang des lièvres“. Ich habe an de Urquijo geschrieben daß das eine merkwürdige Amme sei; offenbar hat Harriet sucer und faire sucer miteinander verwechselt. Es ist mir nicht recht glaublich daß im Baskenland dies- und jenseits der Pyrenäen gar keine Überlieferungen und abergläubische Vorstellungen bezüglich des Wiesels vorhanden seien. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mir |2| in aller Bescheidenheit darauf hinweisen daß es sehr zweckmäßig sein dürfte, für die Revue Basque und auch ganz im allgemeinen, dem Volkstümlichen größere Beachtung zu widmen. De Urquijo ist zu sehr durch das Litterarische in Anspruch genommen, und es ist gut daß er sich darauf konzentriert; er hat ja hier schon so Schönes erreicht. Man darf auch nicht einfach sagen: es gibt keinen echt-baskischen Folklore. Aller Folklore ist bis zu einem gewissen Grade international. Es wäre uns Fremden sehr erwünscht wenn wir über einzelne Ausschnitte aus dem baskischen Leben (z.B. Kinderspiele – Begräbnißfeier ‒ ) vergleichende Zusammenstellungen ‒ erhielten: wie geht es hier zu, wie dort? Ganz nüchterne, objektive Auskünfte; für die sich vielleicht doch geeignete Kräfte fänden (Aranzadi ist etwas zu subjektiv)!

|3| Diese Dinge sind heute bei mir wieder angeregt worden, als ich einen Besuch von K. Rhamm erhielt. Ich glaube ich habe Ihnen gegenüber diesen ausgezeichneten Ethnographen schon erwähnt (die Berliner Universität wählte ihn im vorigen Jahr zum Ehrendoktor, er hat aber mit einer gewissen Spartanerhaftigkeit diese Würde abgelehnt). Sein wissenschaftliches Interesse pflegt den Slawen und Germanen zu gelten; nun ist er aber kürzlich durch das Ballspiel das ja auch in gewissen volkstümlichen Formen dem Norden nicht fremd ist, zu den Basken verschlagen worden und müht sich ab über verschiedene Punkte auf die es ihm besonders ankommt, Klarheit zu erlangen, über die Zählung (nach 15), über die chaza usw. So schreibt er denn auf gut Glück Postkarten nach Hasparren, Guernica usw. und erhält auch Auskünfte, die aber zum Teil wieder neue Rätsel bringen. Ich sehe daß er auf diesem Wege zu keinen guten Erfolgen kommt. Gäbe es nicht einen guten Kenner des Ball|4|spiels der eine kurze Beschreibung desselben mit den termini technici im Bask. abfasste und dabei die Abweichungen die in Bezug auf die Einzelheiten doch in den verschiedenen Gegenden zu bestehen scheinen, anmerkte? Aber vielleicht weist die Litteratur (sei es auch nur die periodische) schon etwas Ausführliches in diesem Sinne auf? Da ich mich selbst für den Gegenstand interessierte, bat ich vor langer Zeit den damals hier lebenden und mir befreundeten Bildhauer Mogrobejo aus Bilbao (er ist vor zwei Jahren hier gestorben und begraben) mir doch womöglich ein Buch über das Ballspiel bei den Basken zu verschaffen; das Ergebnis seiner Bemühungen war der zweite Band von Antonio Peña y Goñi La pelota y los pelotaris,2 Madrid 1892. Da in diesem die Pelotaris behandelt werden, so vielleicht in dem ersten, den ich nicht bekommen konnte, die pelota.

Verzeihen Sie daß ich Sie mit diesen Dingen so behellige.

Mit besten Grüßen und Wünschen

Ihr ergebener
H. Schuchardt

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Fondo Lacombe (Euskaltzaindia). (Sig. 075)