Willem Jan van Eys an Hugo Schuchardt (13-02853)

von Willem Jan van Eys

an Hugo Schuchardt

San Remo

06. 10. 1894

language Deutsch

Schlagwörter: Renan, Ernest Vinson, Julien

Zitiervorschlag: Willem Jan van Eys an Hugo Schuchardt (13-02853). San Remo, 06. 10. 1894. Hrsg. von Bernhard Hurch, Andrea Lackner, Maria José Kerejeta, Thomas Schwaiger und Ursula Stangl (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3834, abgerufen am 24. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.3834.


|1|

San Remo 6 Oct. 1894.

Verehrter Herr,

Ich danke Ihnen sehr für die mir gütigst zugeschickten Schrift. Ich hätte schon früher geantwortet allein ich habe meinen Brief zerrissen, er gefiel mir nicht. Ich bin wie Renan, oder bescheidener ausgedrückt, ich begreife Renan, wenn er sagt er schreibe so ungern Briefe, weil er immer sagt was er nicht sagen wollte, und nicht sagt was er wollte. – Ich sehe also mit Vergnügen daß Vinson Ihre Theorie besprochen hat, und hoffe, da Sie ein so vollständiges Zutrauen in V’s bask. Kenntnissen haben, daß die Besprechung zu Beider Genugthuung fortfahren wird. Ich habe seine Kritik nicht gelesen, da ich nicht mehr abonnirt bin, auf seine “Revueˮ, die, so weit ich urtheilen kann nicht viel Neues gebracht |2| hat und deren Polemik nicht immer war wie sie sein sollte. Aus dem was ich aus Ihrer Schrift herausfinden kann, scheint mir in die Polemik nicht viel Veränderung gekommen zu sein. Ich erkenne die alten Bekannten, alten Steckpferdchen: Er habe noch vieles zu bemerken.. (wie Sie sagen S. 538) – allein thut es nicht! – Ich weiß was dies bedeutet; das Publicum aber meint natürlich daß Ihre Schrift noch sehr zu critisiren ist. – Die ewige h-k Frage scheint auch wieder auferstanden zu sein; als ob es eine sehr tiefe gründliche Bemerkung sei; immer vergessend daß er von der Hauptsache, der Wandelbarkeit beider Buchstaben, gar keine Ahnung hatte, bis es schon gezeigt wurde. Die Ähnlichkeit der semitischen und bask Präsens und Imp. betreffend die Pronom. schon vor 2! Jahren besprochen!. & &. – Allein es thut mir Vergnügen daß er Ihre Theorie besprochen hat, die sehr der Mühe werth ist; ich fühle selten öfters Lust |3| dazu, allein finde mich zurückgehalten da ich nicht immer (meiner dürftigen Kenntnisse des Deutschen wegen) ganz genau Ihre Meinung fasse. Es ist so umständlich und lange das alles zu schreiben; wenn wir eine viertel Stunde sprechen könnte, wäre es leichter; ich wäre auch so gern diesen Sommer in Graz gekommen, könnte es aber nicht thun. – Ein Satz kann bisweilen ein ganzes Blatt zu Beantwortung bedürfen; allein ich erlaube mir ein Beispiel; da Sie Vinson verweisen nach S. 29, und da ich es nachschlagen wollte, fiel mein Auge auf die S. 28 besprochene a Frage: Sie sagen: V. E. sieht in a einen der “euph. Buchstaben[ˮ] .. verschwenderisch... – Gr. 1371 können Sie sehen, wie Ihr Urtheil gerecht ist; allein daß hat kein Gewicht. – Jetzt zur Frage: Haben etwa h & t ohne Vokal...? Ja, natürlich hätten sie, wie alle Sprachen die keine Vokalen haben. – Allein wenn dikat aus di-h-t ensteht, mußte ein Einschaltung Statt finden, weil diht nicht auszuspre|4|chen ist,*) und diese Einschaltung ist gar nicht nothwendiger Weise den verlorenen Vocal des Pronomens, ebenso wenig im Bask. als im holländischen; bei uns ist langes a, und e verloren gegangen (nicht für den Schulmeister, aber für uns, die unsere Sprache zu sprechen wissen, und denen der Schulmeister hätte folgen sollen) und einen dumpfen, unbestimten Vocal, e muet, ungefähr, ist an die Stelle gekommen, und wir sagen nicht: hebt gy het haar (langes a), hast du es ihr, sondern hy’t’r; die Apostrophe deutet, den e muet Laut. – Man sagt dann auch, eben so gut dakust als dakusat. Der so genannte stammhafte a, den außerdem nicht 'mal belegt ist, hat nicht mehr werth als ein euphonisches a; im Gegentheil. – Wenn meine Sätze, der Kürze wegen nicht in gehörigen Euphemismen eingewickelt sind bitte ich um Entschuldigung

Ihr ergeben
W. v.Eys

*) (eigentlich wohl, dikt ist ganz gut au[###])2


1 W. V. Eys, Essai de grammaire de la langue basque, 1865-1867.

2 Die Anmerkung ist nicht in einer Fußnote sondern am oberen Rand der Seite verfasst. Das letzte Wort ist nicht vollständig, da ein Stück Papier fehlt. Vermutlich lautet es „auszusprechen“.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 02853)