Hugo Schuchardt an Willem Jan van Eys (09-03)

von Hugo Schuchardt

an Willem Jan van Eys

Graz

26. 10. 1893

language Deutsch

Schlagwörter: Lautgesetzelanguage Malaiisch Hübner, Ernst Wilhelm Emil Dodgson, Edward Spencer

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Willem Jan van Eys (09-03). Graz, 26. 10. 1893. Hrsg. von Bernhard Hurch, Andrea Lackner, Maria José Kerejeta, Thomas Schwaiger und Ursula Stangl (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3830, abgerufen am 24. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.3830.


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Graz 26 Okt ’93.

Verehrter Herr,

Unsere Meinungsverschiedenheiten beruhen zum grossen Theil darauf dass Sie in der baskischen Konjugation mehr Regelmässigkeit suchen und finden als ich. Gerade in dieser Sprache gibt es der anscheinend fehlerhaften, d.h. nach “falscher Analogieˮ gebildeten Formen*) mehr als in irgend einer andern. Sie schienen die Existenz von aizak für aiz (im Sinne besteht natürlich kein Unterschied) abzuläugnen; ich hätte auf eine Menge von Parallel|2|fällen aus germanischen und romanischen Mundarten verweisen können. Deshalb war mir, an der bewussten Stelle, auch Ihre Bezugnahme auf die Lautgesetze nicht recht verständlich; denn bei dem gemeinen Manne der nur seine Muttersprache redet, kann doch innerhalb dieser von einer Beobachtung oder Nichtbeobachtung der Lautgesetze nicht die Rede sein, da er von solchen Nichts weiss. Von ihm darf man – abgesehen von etwaigen individuellen Eigenheiten – auch nicht annehmen dass er falsch spreche; denn welche höhere Autorität gibt es in Sprachsachen? Gerade der Schriftsteller ändert die Sprache oft in künstlicher Weise, aber nicht indem er sie inkonsequenter, sondern indem er sie regelmässiger zu machen bestrebt ist.

Daztan, “dass er mir ihn (oder es) habeˮ steht nicht wie Sie meinen, |3| für dazan, sondern ist wie ich S. 13 auseinandergesetzt habe, in Folge einer romanisirenden Konstruktion (“er hat mir [es]ˮ für “er hat michˮ) an Stelle von nazan, diese beiden gleichwerthigen Ausdrücke daztan und nazan würden dann zu naztan verschmolzen worden sein. Solche Amalgamirungen sind aus alten Sprachen zu belegen.

Das Wichtigste bleibt die Gleichsetzung von izan und *ezan. Ich bitte dieselbe möglichst sorgfältig zu erwägen. Sie fragen: wie erklärt man zwei Imperative einen aktivenbeza und einen passivenbiz? Nach meiner Auffassung handelt es sich um einen passiven: beza, “er werde gehabt [von ihm]ˮ und einen intransitivenbiz, “er seiˮ. Naiz-an, “dass ich gehabt werde von ihmˮ = naizen, “der ich binˮ. U.s.w. Also sein und gehabt1 laßt uns n bei Seite lassen; hat nichts zu thun; jedenfalls scheint mir nicht relativ sondern # Formen, später entwickelt, nicht nothwendig z: B. im Englischen. - |4|werden (nicht haben) sind ursprünglich identisch, wofür Analogieen aus andern Sprachen wie bestimmte Erscheinungen im Baskischen selbst beredtes Zeugniss ablegen, vor Allem eben die Bezugsformen: “ich bin dirˮ ([“]Dativus ethicusˮ) wird ausgedrückt durch ich werde gehabt von dir (du hast mich.).

Was edin anlangt, so möchte ich mich über Formen wie balaidi, die schon früher mein Bedenken erregt hatten, noch nicht entschieden aussprechen. Dass aidi hier “machenˮ bedeutet, ist richtig, aber wie ist das ai zu erklären? für adi oder edi ist doch diese Bedeutung nicht nachzuweisen? Ich bin also vorderhand geneigt, in aidi etwas Anderes zu sehen als eine lautliche Variante von adi; es scheint mir eine Verschmelzung |5| von a-gi, a-i (zu egin) mit a-di, a-i (zu edin) vorzuliegen.

Zwischen dem di von diat und dem dd von onddo scheint mir eine grosse Kluft zu liegen; doch liesse sich das in der That nur mündlich erörtern.

Ich bin gerade mit Hübners Monumenta linguae ibericae beschäftigt und glaube schon jetzt zu sehen dass der Schlüssel des Baskischen uns kaum die Geheimnisse des Iberischen eröffnen wird. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch Humboldt’s Prüfung u.s.w. wieder vorgenommen, und bin jetzt eher geneigt, Ihrem und Vinsons Urtheil zuzustimmen. Im Einzelnen ist wenig Stichhaltiges in den baskisch-iberischen Zusammenstellungen, |6| doch käme es mir schwer an z.B. auf Hi-berri-s zu verzichten); im Grossen Ganzen schwebt immerhin ein baskischer Duft über den iberischen Ortsnamen.

Sie können mir auch holländisch schreiben; ich bin mit der Sprache, gelegentlich meines Studiums des Malaiischen einigermassen vertraut geworden.

Ihr ganz ergebener
H. Schuchardt

Auch mir ist Liçarragues Sprache von höchstem Werthe, und deshalb bedauere ich unausgesetzt und auf das Stärkste dass wir das N.T. von ihm nicht in seinem ganzen Umfang als Neudruck haben. Warum lässt der baskische Mäcenas, der kürzlich dem Institut de France eine Million zum Geschenk machte, nicht eine solche veranstalten? Dass Dodgson den Capanaga wieder herausgibt ist erfreulich, erfreulicher als sein allzu phantasievolles Etymologisiren.

*)2 Warum sollen wir die auf falscher Analogie gebildeten Formen in Etymologischen Fragen lieber benutzen, wenn regelrechte da sind?


1 Am unteren Ende der Seite von van Eys mit Bleistift hinzugefügt.

2 Von van Eys mit Bleistift hinzugefügt.

Faksimiles: Die Publikation der Abschrift der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Azkue Biblioteka (Euskaltzaindia). (Sig. 03)