Hugo Schuchardt an Willem Jan van Eys (07-02)

von Hugo Schuchardt

an Willem Jan van Eys

Graz

19. 10. 1893

language Deutsch

Schlagwörter: Lautgesetzelanguage Baskisch

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Willem Jan van Eys (07-02). Graz, 19. 10. 1893. Hrsg. von Bernhard Hurch, Andrea Lackner, Maria José Kerejeta, Thomas Schwaiger und Ursula Stangl (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3828, abgerufen am 07. 12. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.3828.


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Graz 19 Okt. 93.

Verehrter Herr,

Ich beeile mich Ihrem Verlangen zu entsprechen.

Was ich über die ʻ Lautgesetze’ gesagt habe (bemerken Sie wohl die Gänsefüsschen S. 5 Zeile 2 v.u.), bezieht sich auf eine langjährige und sehr lebhafte Polemik über die Natur des Lautwandels, an der besonders ich mich betheiligt habe. Ich bedauere Ihnen meine kleine Schrift: Ueber die Lautgesetze Berlin 1885 nicht schicken zu können, da ich kein Exemplar mehr davon besitze. Um in aller Kürze Ihnen meine Ansicht deutlich zu machen:

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ich läugne keineswegs dass aller Lautwandel gesetzmässig ist, aber in dem Sinne wie es überhaupt nichts Ungesetzmässiges gibt; irgend welches a = e oder tt = ct ist nicht selbst ein Gesetz, am wenigsten wie meine Antagonisten behaupten, ein ausnahmsloses, sondern eine sprachgeschichtliche Thatsache die das Ergebniss und zwar oft das sehr complizirte psychophysischer Gesetze ist. Soviel nur andeutungsweise; sollte es sich um eine ganz kurze Formel für Jemanden der in diese Streitfrage noch nicht eingeweiht ist, handeln, so müsste ich mir deren Fassung doch etwas gründlicher überlegen.

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Weiter:

1. “ezan und izan ist ein und dasselbe Wort?ˮ Ja, d.h. genau gesagt: das za von dezan u.s.w. und das von nitzayo u.s.w. ist dasselbe. Ezan exisitirt ja nicht in dieser Form; deshalb habe ich es auch mit einem Sternchen versehen.

2. “izan = Hülfszeitw. sein?ˮ Das verstehe ich nicht ganz; nämlich ich weiss nicht welche Meinungsverschiedenheit hier obwalten[,] wie man die Frage anders als bejahen kann.

3. “iduki = eutsi.ˮ Ja! Der Übergang von ki zu tsi wie in den romanischen Sprachen.

4. Vom Stamme *(d)u, welcher in iduki mit dem dativischen ki zusammengewachsen ist, kommen alle Formen von “habenˮ (dezan u.s.w. ausgenommen) her, mögen |4| sie nun ein indirektes Objekt haben oder nicht: dut, diot.

Ich bin gern zu jeder weiteren Auskunft bereit, da es mir nur darum zu thun [ist] die dunkeln Partieen der baskischen Konjugation ins Licht gerückt zu sehen, und ich Sie daher in den Stand setzen möchte alle Bedenken denen meine Aufstellungen unterliegen können, vorzubringen. Ein Gerippe meiner Hauptthesen ist in dem damals beigefügten Auszug der Sitzungsberichte enthalten, doch werde ich später nochmals Gelegenheit finden das Bild das ich mir vom baskischen Zeitwort gemacht habe, in wenigen bestimmten Zügen darzustellen.

Mit grösster Hochachtung

Ihr ergebenster

H Schuchardt

Faksimiles: Die Publikation der Abschrift der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Azkue Biblioteka (Euskaltzaindia). (Sig. 02)