Hugo Schuchardt an Julio de Urquijo Ybarra (431-s.n.)

von Hugo Schuchardt

an Julio de Urquijo Ybarra

Graz

18. 08. 1922

language Deutsch

Schlagwörter: Phonetik Etymologie Tercer Congreso de Estudios Vascos (Guernica 1922) Baskische Studien Meyer-Lübke, Wilhelm Apraiz Buesa, Odón de Azkue y Aberasturi, Resurrección María de Bähr, Gerhard Spanien

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Julio de Urquijo Ybarra (431-s.n.). Graz, 18. 08. 1922. Hrsg. von Bernhard Hurch und Maria José Kerejeta (2007). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3666, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.3666.


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Graz, 18. Aug. ’22

Lieber Freund.

Staunen Sie nicht, wieder einen Brief von mir zu bekommen! Vom 21. Aug. an wird ein Brief nach Spanien300 Kronen kosten; so benutze ich die “Galgenfrist”, um Ihnen noch einiges zu schreiben was mir am Herzen liegt.

Über die Organisation der linguistischen Studien an der geplanten baskischen Universität soll Meyer-Lübke auf dem Kongreß reden, ich kann mir nicht recht vorstellen, wie das gemeint ist. Wenn die betreffende Organisation der deutschen Universitäten als Vorbild dienen soll, so muß gleich anfangs bemerkt werden, daß sie soweit sich der |2|Einfluß der einzelnen Lehrer zu äußern vermag, recht verschieden sich gestalten wird. Wir marschieren nicht alle in völlig gleicher Richtung und zwar handelt es sich hauptsächlich um die Phonetik, die beschreibende, wie die geschichtliche. Ihre Wichtigkeit wird allgemein anerkannt aber sie wird vielfach überschätzt — für manche Professoren besteht die Sprachgeschichte eigentlich nur in der Lautgeschichte. Das äußert sich nicht bloß in der Forschung (vor allem der Etymologie), sondern auch in der Prüfung der Lehramtskandidaten. Ich gehöre zu denjenigen die eine stärkere Berücksichtigung der Sprach psychologie verlangen. Meine Ansichten würde ich auch wenn ich nicht absolut an einem Besuch des Kongresses verhindert wäre, dort nicht vorbringen, das heißt nicht vorbringen können; ich bin, dank meinem natürlichen Wesen, nur ein Mann der Feder.

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Ich habe mir in diesen Tagen meinen Kommentar zum Verl. Sohn wieder näher angeschaut und erneutes Interesse dafür gewonnen. Vielleicht gerade wegen den Schwierigkeiten, die bei einer Vollendung des Entwurfes zu überwinden sind. Geben Sie mir doch einige Fingerzeige darüber welche Punkte ich besonders ins Auge zu fassen hätte.

Wird denn auf dem Kongreß auch von dem Sprachatlas die Rede sein? O. de Apraiz hat in bezug auf das Ausfragen Einheimischer einige Erfahrungen gesammelt, in Gesellschaft von Dr. Scheurmaier, der in Oberitalien Aufnahmen machte.1

Azkue äußerte sich sehr günstig über G. Bähr, das freut mich; ich hatte sofort die Überzeugung gewonnen, daß dieser den baskischen Studien gute Dienste leisten könne.

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Wie ist die sprichwörtliche Redensart: Noesnadalodelojo! zu erklären? Ein leidenschaftlicher Liebhaber und gewiss Kenner der älteren spanischen Literatur aber kein Gelehrter gab mir neulich eine Deutung, die ich nicht für zulässig hielt.

Ob ich nun meine guten Absichten — Begrüßung des Kongresses — werde verwirklichen können? Was wird jetzt überhaupt aus uns werden?

Mit herzlichem Gruß

Ihr ergebener

HSchuchardt

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1 Desde el 1919 Scheuermeier trabaja - bajo la dirección de Jaberg y Jud - en la recopilación de material para el atlas lingüístico italiano. Este atlas se distingue por el rigor metodológico en la recogida de datos y por eso H. S. destaca el hecho de que Apraiz haya tenido la posibilidad de conocerlo.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Koldo Mitxelena Kulturunea - Liburutegia (Fondo Urquijo). (Sig. s.n.)