Hugo Schuchardt an Julio de Urquijo Ybarra (357-s.n.)
von Hugo Schuchardt
03. 09. 1919
Deutsch
Schlagwörter: Wörter und Sachen [Zeitschrift]
Italienisch
Französisch Castro Quesada, Américo Rodríguez Marín, Francisco Machado y Álvarez, Antonio Mezzofanti, Giuseppe Meringer, Rudolf Saroïhandy, Jean-Joseph Urtel, Hermann Urquijo, Julio de (1918) Schuchardt, Hugo (1911)
Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Julio de Urquijo Ybarra (357-s.n.). Graz, 03. 09. 1919. Hrsg. von Bernhard Hurch und Maria José Kerejeta (2007). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3563, abgerufen am 07. 02. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.3563.
Graz, 3. Sept. 1919
Lieber Freund
Ich habe Ihnen noch zu danken für die letzthin, aber nacheinander empfangenen Schriften Revista general vom 1. Sept. 19181, Gizon-soña, Refranero vasco I. Besonders für die letzte, die ich sofort rasch durchblättert habe, um mich wiederum an der Sorgsamkeit Ihres Arbeitens zu erfreuen. Ich kann mich nicht entsinnen ein fremdsprachiges Buch gesehen zu haben in welchem die deutschen Zitate genauer wiedergegeben wären. Nur ein paar Kleinigkeiten sind zu bemerken, und daß es bloß Kleinigkeiten sind, mögen Sie selbst erkennen. (Warmes) statt (warmes) S. 6, frist statt frisst S. 13 Ez (es) st. er (es) S. 24, setten st. selten (so richtig S. 19) S. 33, besitz für besitzt S. 37, Faul st. Faule S. 49, weis st. weiss S. 54. |2|Trennungen wie die: Bes|chreibung S. XXXI finden sich sehr häufig in andern fremdsprachigen Büchern. Nebenbei sind mir aufgefallen: decousre, frommages S. 11, Desuet[i] S. 26, ocurrunt, ocurrere S. 32. Das pusesa in dem Sprichwort S. 58 f. ist natürlich auch mir rätselhaft. Aber da hacerlahiga, ital.farlefiche, franz.fairelafigue nichts anderes ist als den Daumen zeigen, so ist es mir nicht ganz undeutbar daß in pusesa eine Bezeichnung dieses Fingers steckt (vgl. pollice, poux usw.). In dem Kommentar zu diesem Sprichwort ist Ihnen ein Versehen passiert, eigentlich zwei. Bei Littré heißt es nämlich: La vengeance prise par Frédéric Barberousse des Milanais.2
Für die von Ihnen und von Américo Castro mitgeteilten Nachrichten über mich bin ich Ihnen sehr erkenntlich; ich habe nur daran auszusetzen, daß sie allzu schmeichelhaft gefärbt sind. Über meinen spanischen Aufenthalt 1879 werde ich gelegentlich selbst etwas sagen, bezugsweise berichtigen. Neben Rodríguez Marín war mir in Sevilla hauptsächlich befreundet Antonio Machado y Alvarez (Demófilo), der mir als das Haupt des Kreises junger Leute erschien, die sich mit solchem Eifer und so gutem Erfolge den folkloristischen|3| Studien widmeten. Ich besuchte dort auch die Tertulias des Schloßhauptmanns vom Alcázar, wenn dieser sich duque de T'Serclaes genannt hätte, so wäre mir das wohl in Erinnerung geblieben. Bitte, erklären Sie mir das T'; es kann doch nicht das holl. te sein? — Ein Polyglott wie ich öfter genannt werde, bin ich durchaus nicht, wenn es sich um die praktische Beherrschung von Sprachen handelt; ich habe mich über den Polyglottismus in der Einleitung zu meiner nie zum Abschluß gelangten Saraer Studie ausgesprochen. Polyglotten pflegen keine Sprachforscher zu sein (und umgekehrt); Mezzofanti war es auch nicht im Traume. — In Ihrem Vortrag von Oñate3 sprechen Sie von "la afortunada fórmula de Sch. 'Cosas y Palabras' (Wörter und Sachen)". Die Formel besteht in zwei Varianten: ich sage Sachen und Wörter, mein hiesiger Kollege Meringer sagt Wörter und Sachen und hat so die von ihm ins Leben gerufene Zeitschrift betitelt. Es handelt sich dabei durchaus nicht um verschiedene Richtungen, daß Meringer und ich persönlich auseinander geraten sind, ist für die Wissenschaft ohne Belang.4 Es war eine Zeit wo Meringer sagte: ohne Sie mache ich die Sache überhaupt nicht; ich wollte mich darauf nicht einlassen, weil ich mich zu alt und schwach fühlte und den Andern als etwas tyrannisch und |4|eigensinnig kannte. Die Zeitschrift ist vielleicht gerade deshalb glänzend ausgefallen, weil ich ihr fremd geblieben bin. Nun, hierüber hoffe ich mich noch bei anderer Gelgenheit — etwa der des baskischen Sprachatlas ausführlicher äußern zu können.
Ich habe Ihnen am 11. August meinen Aufsatz über "Bask. Konj." auf Veranlassung der Arbeiten von Saroïhandy geschickt, kürzlich einen scherzhaften Brief über meine Baskophilie, sowie eine kleine Drucksache über die baskischen Namen für "Schaf" und "Lamm".
Die Doubletten habe ich noch nicht versandt; ich dachte sie an Urtel zu schicken, wollte aber erst Nachricht von Ihnen abwarten.
Anderes ein andres Mal!
Mit herzlichem Gruß
Ihr
HSchuchardt
1 Que contiene A. Castro (1918) sobre H. S.
2 J. de U (1919a: 19) , en el comentario a dicho refrán dice que según Littré el origen está en un castigo que impuso Fernando Barbarroja a su mujer. El segundo error se debe a un salto de línea en la lectura de Littré (1873-1883), s.v. figue.
Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Koldo Mitxelena Kulturunea - Liburutegia (Fondo Urquijo). (Sig. s.n.)
