Hugo Schuchardt an Julio de Urquijo Ybarra (355-s.n.)

von Hugo Schuchardt

an Julio de Urquijo Ybarra

Graz

23. 08. 1919

language Deutsch

Schlagwörter: Revue internationale des études basques Universität Jena Euskaltzaindia - Real Academia de la Lengua Vasca - Académie de la Langue Basquelanguage Baskischlanguage Spanisch Cabrera, Francisco Rafael Humboldt, Wilhelm von Diez, Friedrich Gotha Larramendi, Manuel de (1729) Urquijo, Julio de (1920) Heinimann, Siegfried (Hrsg.) (1972) Saroïhandy, Jean-Joseph (1919) Wolf, Michaela (1994)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Julio de Urquijo Ybarra (355-s.n.). Graz, 23. 08. 1919. Hrsg. von Bernhard Hurch und Maria José Kerejeta (2007). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3562, abgerufen am 31. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.3562.


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Graz, 23. Aug. '19

Lieber Freund,

Wenn Sie in der neuesten Revista von meiner "edad relativamente avanzada" reden, so beschönigen Sie nicht nur eine mir sehr unangenehme Tatsache, Sie verkürzen auch die Dauer meiner Liebe zum Baskischen. Ich denke darüber nach, in welche Lebensperiode meine "linguae vasconum primitiae" fallen mögen. Ich wäre der Vorstellung nicht abgeneigt, daß mir das Baskische — wie das Sprichwort sagt — schon an der Wiege gesungen worden ist. Das wird aber durch folgendes widerlegt. In meiner Vaterstadt Gotha lebte von 1849 an bis zu seinem Tode 1860 ein berühmter Karlistengeneral, der Baron von Rahden, der unter andern Schriften auch Erinnerungen an Cabrera hinterlassen hat. Bei feierlichen Paraden schloß er sich dem Gefolge des Herzogs an; er fiel durch seine fremdländische Uniform und seine goldenen Sporen auf. Er war mit meinen Eltern befreundet, und so redete er mich, wenn er mir auf seinen Spaziergängen begegnete, mit seiner rauhen gurgelnden Stimme (es saß ihm noch eine Kugel im Halse) an: "Nun, was macht der kleine Humboldt?" Wenn er Wilhelm von Humboldt gemeint hätte, würde|2| ich mich noch heute darüber freuen, er meinte aber seinen jüngeren Bruder Alexander, der damals für den Ausbund aller Wissenschaften galt und dessen Kosmos sogar in den Boudoirs eleganter Damen lag. Heutzutage ist die Rangordnung der Brüder fast umgekehrt. Im Munde des alten Kriegers war meine Betitelung ein recht zweifelhaftes Lob; sie sollte ausdrücken daß ich mehr Vorliebe für Bücher als für Bleisoldaten hatte. Hätte nun schon damals das Baskische in meinem Interessenskreis gelegen, so würde ich gewiß um einige Auskunft gebeten haben. Als ich später in unsern privaten Tanzstunden mir den pasdebasque (in der Quadrille) mit besonderem Eifer aneignete, so geschah das ohne jedes linguistische Begleitgefühl. — Übrigens glaube ich jetzt daß ich nicht durch die Basken auf die Iberer gekommen bin, sondern daß die Sache sich umgekehrt verhält. Von früh auf übten alle rätselhaften Völker, wie Pelasger, Libyer, Etrusker, Kimmerier, eine große Anziehungskraft auf mich aus, zu ihnen gehörten auch die Iberer. Im Jahre 1865 hatte ich ein ganz unbedeutendes Erlebnis, das aber für mich ein sehr großes war, weshalb es auch bei mir in lebendigster Erinnerung steht. Ich trat in eine Buchhandlung ein, mit einer bestimmten Absicht, und entdeckte zufällig unter den auf einem Tische ausgebreiteten Neuigkeiten, deren frischer Duft mich geradezu berauschte, |3|den ersten Band der Romanischen Grammatik von Fr. Diez in zweiter Auflage. Ich blätterte darin und stieß auf eine Stelle die meinen Blick fesselte und meinen Herzschlag beschleunigte. Es war die Stelle wo von den iberischen Wörtern im Spanischen (balluca usw.) [die Rede ist]. Mehr im Vorgefühl des Baskologen als des Romanisten beschwor ich meinen Vater — selbstverständlich ohne Erfolg — mir das Buch zu kaufen. Übrigens hatte ich vielleicht schon das in Pergament gebundene Exemplar von Elimpossiblevencido1, das sich in der herzoglichen Bibliothek vorfand, in den Händen gehabt; von dem Titel wurde ich ebenso bezaubert wie andere kindliche Gemüter etwa von "Aladins Zauberlampe". Auch fiel mir das wunderliche Verhalten der Verbalformen auf die bald am Kopf, bald am Schwanz sich änderten. Jedenfalls befaßte ich mich, natürlich in ganz sprunghafter Weise schon auf dem Gymnasium mit dem Baskischen und auch noch einige Zeit darüber hinaus (wenigstens in meinem ersten Semester, 1859-1860, an der Universität Jena). Dann kam die Pause von einem Vierteljahrhundert, von der es mir jetzt fast unfaßbar erscheint, wie ich sie ohne baskische Nahrung habe durchleben können. Das Weitere wissen Sie. Onrevienttoujoursàsespremièresamours.

Mit herzlichem Gruß

Ihr

Hugo Schuchardt

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Wenn das Capricho Sie anwandeln sollte dieses Capricho Ihren Landsleuten mundgerecht zu machen — vielleicht als testamentarische Liebesbeteuerung, so habe ich nichts dagegen;2[ich] bäte nur um ein paar Abzüge, um sie meinen amtlichen Kollegen, den Romanisten, vorlegen zu können.3

Ich hätte Ihnen viel zu schreiben, aber ich bin so schwach dass ich mich nur in kleinen Portionen ausgeben kann — die vorstehende ist schon groß genug!

Besäße ich doch schon den dritten Aufsatz von Saroïhandy!4 ich bin sehr gespannt wie er das Z- und l- in der Konjugation erklären wird. — Gestern erhielt ich Ihre Postkarte vom 23. Juli — also die Reise hat einen Monat gedauert. Normale Zeiten? Unser Horizont wird immer düsterer. Zu alledem die drohende Kohlennot für den Winter!5


1 Larramendi (1729).

2 J. de U. publicará efectivamente esta carta de H. S. en un breve artículo titulado„Hugo Schuchardt vascófilo“, RIEV 11 (1920c): 137-141.

3 Una carta con incluso formulaciones parecidas a ésta la enviaría H. S. a Jakob Jud dos semanas más tarde, publicada enHeinimann (1972: 6ss.).

4 J. Saroïhandy „Puntos oscuros en la conjugación vascongada“, RIEV 10 (1919): 83-97.

5 En esta época de posguerra, H. S. se quejará repetidas veces de la penuria económica que sufre. Muchos colegas extranjeros e instituciones acudirán en su ayuda (entre otros J. de U. a título personal ( no. 407), Euskaltzaindia (no. 438) y Eusko Ikaskuntza ( no. 413)) con envíos de dinero. J. de U. le ofrece incluso su propia casa ( no.375). Para los ofrecimientos de A. Castro y otros, v. M. Wolf (1994): 252, n. 21

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Koldo Mitxelena Kulturunea - Liburutegia (Fondo Urquijo). (Sig. s.n.)