Hugo Schuchardt an Edward Spencer Dodgson (189-54)

von Hugo Schuchardt

an Edward Spencer Dodgson

Gotha

09. 01. 1896

language Deutsch

Schlagwörter: Euskara (Organ für die Interessen der "Baskischen Gesellschaft")

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Edward Spencer Dodgson (189-54). Gotha, 09. 01. 1896. Hrsg. von Bernhard Hurch (2015). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3550, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.3550.


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Gotha, 9 Jänner 96.

Lieber Herr Dodgson!

Ich danke Ihnen für Ihren langen Brief vom 28 Dez. und die beiden “Addenda et Corrigenda“, von denen das eine, dank unserer Convertirungsmethode, beim Öffnen des Briefes beschädigt wurde.

In der Mitte Ihres Briefes steht ein mich höchst befremdender Satz: “If you insult me, I do not respect you u. s. w.“ Ich habe immer versucht “to vanquish error with argument and reason“; aber ich glaube dass es nicht nöthig ist, wenn |2| man einmal seine methodischen Grundsätze dargelegt hat, das immer wieder von Neuem zu thun, und das [sic] man Behauptungen die mit ihnen im unversöhnlichen Widerspruch stehen, von vornherein ablehnen darf. Aber darum handelt es sich jetzt nicht; Sie haben die Bemerkung gelegentlich einer Vergleichung zwischen einem baskischen und einem lateinischen Worte angebracht, und eine solche halte ich immer für diskutirbar, natürlich unter der Voraussetzung dass das baskische vom lat. stammt. Über zurdo aus surdus, absurdus kann ich mich aber vorderhand – in Ermangelung von Büchern – nicht äussern. Was iñor u.s.w. anlangt, so denke ich nach der Analogie andrer Sprachen dass es eigentlich heisst (ich weiss) nicht wer, behalte mir aber vor die Sache zu untersuchen. Ich gestehe Ihnen dass ich |3| nicht gern auf solche mehr oder weniger flüchtige Zusammenstellungen eingehe. Warum bringen Sie denn, der Sie zur Widerlegung “arguments and reasons“ verlangen, nicht solche zur Begründung Ihrer Aufstellungen vor? Über einen solchen Punkt wie iñor u.s.w. kann man ein paar Seiten schreiben, indem man ihn nach allen Richtungen hin beleuchtet. Warum schreiben Sie nicht einmal über irgend Etwas eine eingehende Untersuchung?

Sie scheinen Ihr bisheriges Leben fortsetzen zu wollen: “one learns so much in travelling.“ Ist dies “much“ nicht eher mit multa als mit multum zu übersetzen? Ich glaube, man solle weder, solange man nicht sehr alt ist, immer stille sitzen, noch immer reisen; auch hier ist das juste milieu am Platze. Wenn Sie einmal ein Jahr in einer Stadt |4| mit einer guten Bibliothek verweilten, Sie würden ganz andere Dinge zu Stande bekommen. Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir die Frage: denken Sie nun da Sie über reichere Mittel verfügen, nicht daran, das N.T. von Liçarrague auf eigene Hand neu herauszugeben?

Die Euskara ist, so viel ich weiss, wirklich todt; was nun mit dem Eigenthum der Baskischen Gesellschaft wird, darum zu bekümmern habe ich kein Recht.

Ich wünsche Ihnen das Beste und hoffe bald wieder von Ihnen zu hören.

Ihr ergebener

HS.

Ich bin am heil. Christabend in Folge telegraphischer Nachricht zu meiner schwer erkrankten 81jährigen Mutter hierher geeilt; es geht ihr jetzt besser und ich hoffe dass ich bald wieder nach Graz zurückkehren kann. Farinelli besuchte mich kurz vor meiner Abreise.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Azkue Biblioteka (Euskaltzaindia). (Sig. 54)