Karl von Ettmayer an Hugo Schuchardt (07-02795)

von Karl von Ettmayer

an Hugo Schuchardt

Freiburg im Üechtland

10. 06. 1905

language Deutsch

Schlagwörter: Kritischer Jahresbericht über die Fortschritte der romanischen Philologie Publikationsvorhaben Ortsnamen Lautgesetze Sprachwissenschaft (Methoden) Etymologie Wissenschaftliche Diskussionen und Kontroversen Romanische Philologie École pratique des hautes études Universität Prag Archivio glottologico italianolanguage Vulgärlatein Mohl, Frédéric George Bovet, Ernest Salvioni, Carlo Provence Goebl, Hans (Hrsg.) (1995) Richter, Elise (1903) Meyer-Lübke, Wilhelm (1920)

Zitiervorschlag: Karl von Ettmayer an Hugo Schuchardt (07-02795). Freiburg im Üechtland, 10. 06. 1905. Hrsg. von Hans Goebl (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3431, abgerufen am 02. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.3431.

Printedition: Goebl, Hans (1995): Karl von Ettmayer: Lombardisch-Ladinisches aus Südtirol. Ein Beitrag zum oberitalienischen Vokalismus. Die zugrundeliegenden Dialektmaterialien. Neu herausgegeben, mit einem vorwärts und einem rückwärts alphabetischen Register der Etyma, einer kurzen geotypologischen Studie zu den neuveröffentlichten Materialien, einer Biographie und einer Bibliographie sowie einer Würdigung des wissenschaftlichen Oeuvres Karl von Ettmayers. San Martin de Tor / St. Martin in Thurn (Ladinien, Südtirol): Istitut Cultural Ladin 'Micurá de Rü'.


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Freiburg, den 10/6 1905

Sehr geehrter Herr Hofrat!

Nach dem vorgestern Ihr freundliches und ausführliches Schreiben eingelangt ist, beeile ich mich so rasch und gut ich kann, darauf zu erwidern. Es thut mir doppelt leid, dass gerade jetzt, wo Herr Hofrat ein so wichtiges Thema mir gegenüber anschlagen, die größere räumliche Entfernung mir erst im Herbst einen Besuch in Graz eventuell ermöglichen dürfte. Und doch hätte ich schon auf die in Ihrem Schreiben angeregten Gedanken viel |2| vorzubringen. Es ist richtig[,] dass ich in meinem Berichte des KJ1. mich gerade bei den allerwichtigsten Arbeiten darauf beschränkte[,] die Titeln [sic] anzuführen[,] und dass Sie[,] sehr geehrter Herr Hofrat[,] mir das vorhalten[,] ist keineswegs ein „Anachronismus“[,] sondern ich bin aufrichtig dankbar für Ihre Meinung. Ich bin über das einfache referieren der Arbeiten (mit dem Bestreben so knapp als möglich zu sein) nur dort hinausgegangen, wo ich die in Frage stehenden Probleme selbst schon durchgearbeitet hatte. Insbesondere wich ich allen prinzipiellen Erörterungen aus, – auch dort[,] wo ich vielleicht einiges in Bereitschaft gehabt hätte, – denn ich meine[,] ich hätte mich eines wirklichen und recht argen Anachronismus schuldig gemacht, wenn ich beim ersten Betreten des Areopags die Herrn, die da drinnen Sitz und Stimme haben, darüber belehrt hätte, wie man’s eigentlich machen soll, oder wenn ich auf das Pantheon der Roman. Etymologen meine Barberinitürmchen2 gesetzt hätte. Aber nicht bloß hier, auch in den prinzipiellen Fragen, die in der „Wortstellung“ des Frl Dr Richter3 berührt werden (über die ich sogar eine kleine Arbeit seit 1 Jahre fertig liegen habe, ohne sie aus Respekt vor dem Problem publizieren zu wollen4)[,] und über die methodisch nicht unrichtigen Diskussionen, die der Einführung Meyer Lübkes5 folgten, – besonders der Artikel Mohls6 war aufreizend genug [–] zog ich völliges Stillschweigen vor und registrierte bloß.

Dieses Vorgehen ist vielleicht „österreichisch“[,] aber es lag mir am nächsten. Nachdem Sie, sehr geehrter Herr Hofrat[,] mir aber nun in so wohlwollender Weise den Dolch auf die Brust setzen und durch Ihre Vermuthungen[,] wie ich mich zur methodologischen Frage in der Etymologie stelle[,] zum Reden zwingen, muss ich die andre Seite in mir zu Worte kommen lassen und reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist

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In der Ortsnamenfrage stimmten Sie F. Neumann7 bei. Ich hatte eigentlich das beanstandete „Hingegen8“ nur referierend gemeint u[nd] nicht bloß an die angezogene Arbeit [von] M L.9[,] sondern auch an dessen „Einführung“ (auf §§ 212, 213) gedacht10. Allerdings schließt faktisch dies „Hingegen“ meine eigene Meinung ein, hatte ich doch selbst aus Ortsnamen die Lautgesetze des Nordtiroler Ladinischen abgeleitet11. Betonen muss ich nur, dass mir das Aufstellen von Lautgesetzen12 keineswegs das „Höchste“ [ist,] sondern dass diese nach meiner Meinung immer nur etwas Vorläufiges und Provisorisches in der Wissenschaft sind. Nach den Wendungen, die Herr Hofrat in Ihrem Briefe gebrauchen, muss ich fürchten[,] entweder in den „Lautgesetzen“ misverständlich [sic] gewesen zu sein[,] oder ich habe meine Anschauungen seit meinen Studentenjahren geändert[,] ohne es selbst zu wissen.*)

*) Was ich einmal von Kausalnexus schrieb, widerspricht nicht.

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Das „Höchste“ können Lautgesetze nur jenen sein, denen sie doch eine Art Naturgesetze sind. Das ist bei mir nicht der Fall: mir sind sie nur Sinnbilder, gewissermaßen Konstruktionslinien, durch welche ich mir gewisse sprachliche Änderungen symbolisch vergegenwärtige. Ich suche nach Zusammenhängen dieser Symbole[,] um diese durch einfachere Symbole zusammenzufassen. Jeder Konstrukteur verfährt mit seinen Konstruktionslinien so, – bei wirklichen „Gesetzen“ wäre dies aber wohl ausgeschlossen[,] da sich die Sprache faktisch nicht aus einem[,] sondern aus unendlich vielen Gründen verändert hat. Wäre mir eine naturhistorische Erforschung der Sprache das Höchste, so würde ich auf die Lautgesetze so wenig weiter eingehen, als es etwa einem Architekten beifallen könnte[,] Druck- und Zuglinien in einem Berge einzuzeichnen. So |5| also ist mir die Sprache ein Kunstprodukt und da sind mir die „Lautgesetze“ (das Wort ist unglücklich gewählt) von großem Interesse. Vielleicht ist es einmal möglich[,] der Lautlehre auch ihre unmittelbar praktische Seite abzugewinnen und neben der historischen auch die sozialwissenschaftlichen Grenzgebiete der Romanistik13 zu pflegen.

Meine Stellung zur etymologischen Forschung ist dadurch von selbst gegeben. Hätte ich gewusst, dass man es für ersprießlich halten könne, wenn ich da auch meine „methodologischen“ Ideen zu Worte kommen lasse (viel neues schaut da allerdings nicht heraus)[,] so hätte ich vielleicht die Gelegenheit dazu wahrgenommen. Wenn einmal die Bedeutungsentwicklung einer Wortsippe nach ihrer positiven und negativen Seite feststeht[,] so müssen sich die Lautgesetze stets nach der Etymologie, nicht umgekehrt |6| richten, denn sie sind das sekundäre von uns hineingetragene Element. Wo nur die positive Seite einer Bedeutungsentwicklung festgestellt wurde, werde ich aus Wahrscheinlichkeitsgründen diesem Umstand mehr Beweiskraft zuerkennen als der lautgesetzlichen Entwicklung eines Wortes. Die „negative“ Seite denke ich mir so, dass ich nachweise, dass die Etyma b, c, d u.s.w. [,] die noch in Frage kommen können[,] neben dem Etymon a[,] für das ich eintrete, den Bedeutungswandel zur heutigen Wortsippe S nicht durchmachen konnten: entweder aus prinzipiellen Gründen (so bezweifle ich die Negationsformel pas aus passu, da passu der Bedeutung nach einer ganz andern Wortgruppe angehört als nūca, brīca, fīcu, caput, persona, res u. s.w.) oder aus geographischen Gründen, oder schließlich aus historischen und historisch-sozialen Ursachen. Bei andarealler halte ich die Bedeutungsentwicklung von ambitareambulare für sichergestellt14. Mich interessiert nun die lautliche Bildung von andar, anar besonders in |7| Oberitalien, wo *anare nicht wie in der Provence von anderen Fällen von nn neben nd begleitet ist (in zahlreichen Mundarten wenigstens!)[,] daher die lautliche Ableitung Bovets15 durch Salvioni[s]16 Ablehnung mir bedeutend erschüttert erscheint, denn der Schlüsselpunkt des erübrigenden lautlichen * annare - *allare Problems ist nur, wie ich jetzt meine, gerade Oberitalien.

Erschwert wurde mir der „gemeinromanische“ Bericht im K. J. (ich habe denselben bereits an Frl Dr Richter abgetreten)17 durch mein Mistrauen [sic] in die Existenz eines Gemeinromanischen, das selbst wieder die logische Folge davon ist, dass ich zwar an vulgärlateinische Phänomene, nicht aber an ein Vulgärlatein mehr glaube, aus dem die romanischen Sprachen erwachsen sein sollen. Sowenig die Mundarten aus den Hauptsprachen entstanden sind, sowenig glaube ich an den ganzen Sprachdarwinismus überhaupt mit seinen Rekonstrukzionen des Indogermanischen, des Urgermanischen, des Uritalischen, des Vulgärlatein und des |8| „Gemeinromanischen“.

So bin ich, sehr geehrter Herr Hofrat, aus einem Fehler in den andern gefallen und habe, nachdem ich, wie Sie mir vorwarfen, zu wenig den theoretischen Fragen Raum gegönnt hatte[,] nun ihre Zeit mit allzuviel prinzipiellem „Geschwafel“ in Anspruch genommen. Ich bitte[,] mir meine Redseligkeit nicht übel zu nehmen, aber nachdem Herr Hofrat einmal so freundlich waren[,] in diesen Fragen mich zu interpellieren[,] suchte ich[,] so gut ich konnte[,] Rede zu stehen. Hier habe ich mich ganz gut hineingefunden und hätte früher schon Herrn Hofrat meine Adresse mitgeteilt[,] hätte ich nicht anfangs viel zu thun gefunden. Dass [sic] ohne Bücher, ohne Kollegienhefte [-] sozusagen aus dem Kopfe [-] ein Monat Vorlesungen halten, 70 Besuche machen und den Gratulationen danken nimmt ordentlich her, so |9| dass ich noch immer nicht gesammelt arbeiten kann18.

Mit vielen Empfehlungen

Ihr

ergebenster

Karl Ettmayer
rue de Lausanne 59


1 Abkürzung für: „Kritischer Jahresbericht über die Fortschritte der Romanischen Philologie“. Ettmayer spielt auf seinen dort in den Jahren 1902-03 zur vergleichenden romanischen Grammatik publizierten Forschungsbericht (= BIB 2 bei Goebl 1995, 246) an.

2 Architektonische Arabeske zweifelhaften Ursprungs und Geschmacks, die auf Papst Urban VIII. (1568-1644), alias Maffeo Barberini, zurückgeht.

3 Gemeint ist die bekannte romanische Linguistin Elise Richter (1865-1943), die Ettmayer schon 1900 in Wien kennengelernt hatte und mit der er bis zu seinem Tod in einer von großem menschlichem und wissenschaftlichem Respekt getragenen Beziehung stand. Die fragliche Arbeit Richters hat den folgenden Titel: Zur Entwicklung der romanischen Wortstellung aus der lateinischen, Halle: Niemeyer, 1903.

4 Diese Anspielung Ettmayers ist unklar. In seiner Bibliographie findet sich nichts Entsprechendes.

5 Wilhelm Meyer-Lübke (1861-1936), Ordinarius für Romanische Philologie in Wien von 1890 bis 1915: einer der markantesten und wissenschaftlich einflussreichsten Romanisten überhaupt. Lehrer zahlreicher, ihrerseits sehr bekannt gewordener Romanisten, die zudem aus den verschiedensten Sprachräumen der Alten Monarchie stammten. Hier ist die Rede von seiner im Jahr 1901 in erster Auflage publizierten „Einführung in das Studium der romanischen Sprachwissenschaft“ (Heidelberg: Winter).

6 Bei diesem Autor handelt es sich um Frédéric George Mohl (1866-1904), den Autor einer „ Introduction à la chronologie du latin vulgaire. Étude de philologie historique“ (Paris: Bouillon, 1899) . Der erwähnte Artikel konnte nicht ermittelt werden. F. G. Mohl war ursprünglich an der Pariser „École Pratique des Hautes Études“ Schüler des bekannten französischen Linguisten Michel Bréal (1832-1915) und um die Jahrhundertwende Lektor an der Karls-Universität in Prag.

7 Fritz Neumann (1854-1934): Professor für Romanistik in Heidelberg und Freiburg im Breisgau. Autor einer frühen romanistischen “Summe“: Die romanische Philologie. Ein Grundriss, Leipzig: Fue’s Verlag, 1886.

8 Dazu ist die Originalstelle unklar bzw. unbekannt.

9 Es handelt sich um Wilhelm Meyer-Lübke.

10 Ich konnte nicht ermitteln, auf welchen Artikel – wohl von Schuchardt – sich hier Ettmayer bezieht.

11 Ettmayers onomastische Publikationen setzen erst mit dem Jahr 1909 ein: cf. Goebl 1995, 247 ff. und ibidem, 284-286.

12 Ettmayer nahm in der Lautgesetz-Frage gegenüber der junggrammatischen Lehre stets einen kritischen Standpunkt ein und stand darin Schuchardt sehr nahe. Dafür gibt es in seinem Oeuvre und in den hier veröffentlichten Briefen zahlreiche Hinweise.

13 Ettmayer hat mehrfach vorgeschlagen, in der Sprachgeschichtsschreibung inner- und außerlinguistische Faktoren gemeinschaftlich zu berücksichtigen.

14 Die Frage des etymologischen Ursprungs von ital. andare und frz. aller gehört zu den umstrittensten Themen der damaligen Zeit, darin vergleichbar mit der Suche nach der Etymologie von frz. trouver, bei der sich H. Schuchardt sehr engagiert hat (und zwar für die Herkunft aus lat. TURBARE „durcheinanderwirbeln, stören“).

15 Ernest Bovet (1870-1941): Schweizer Romanist, Professor in Zürich 1901-1922.

16 Carlo Salvioni (1858-1920): aus dem Tessin stammender Schweizer Romanist, Mediävist und Dialektologe. Romanistische Professuren in Pavia (1890-1902) und Mailand (1902-1920). In Mailand und bei der Leitung des „Archivio glottologico italiano“ Nachfolger von Graziadio Isaia Ascoli. Wegen italo-irredentistischer Tendenzen in der Schweiz nicht unumstritten. Siehe dazu neuerdings: Carlo Salvioni, Gli scritti linguistici, hrsg. von Michele Loporcaro, Romano Broggini, Lorenza Pescia und Paola Vecchio, 5 vol., Locarno: Edizioni dello Stato del Canton Ticino, 2008.

17 Siehe Note 1.

18 Ettmayer bezieht sich dabei eindeutig auf den Trubel am Beginn seiner Lehrtätigkeit in Freiburg/Fribourg: cf. Goebl 1995, 206-209.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 02795)