Karl Friedrich Bartsch an Hugo Schuchardt (03-00553)

von Karl Friedrich Bartsch

an Hugo Schuchardt

Heidelberg

21. 01. 1878

language Deutsch

Schlagwörter: Literaturstudien Metrik Zeitschrift für romanische Philologie Publikationsvorhaben Germanische Philologie Universitätsangelegenheiten Universität Graz Gesundheit Romania (Zeitschrift)language Keltische Sprachenlanguage Irischlanguage Provenzalisch Gröber, Gustav Schönbach, Anton William IX, Duke of Aquitaine (1972) Bartsch, Karl (1878)

Zitiervorschlag: Karl Friedrich Bartsch an Hugo Schuchardt (03-00553). Heidelberg, 21. 01. 1878. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3366, abgerufen am 31. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.3366.


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Heidelberg 21. Januar 1878.

Lieber Herr College,

Erlauben Sie mir eine Anfrage, bei der ich mich an Ihre keltischen Kenntnisse wende. Ich habe allen Grund zu vermuthen, daß der elfsilbige Vers, dessen der Graf Wilhelm IXe v. Poitou1 in mehreren seiner Lieder sich bedient, in der Form

. . . . . . x́I . . . x́

oder bei weiblicher Caesur

. . . . . . x́ ◡ I . . x́

celtischen Ursprungs ist. Der längere Vers, der auf diesen elfsilbigen folgt, läßt sich in der altirischen Poesie häufig nachweisen, nämlich der 14 silbige, mit Caesur nach der 7. Silbe. Den elfsilbigen erinnere ich mich, genau in derselben Behandlung wie im Provenzalischen, in einer deutschen Übersetzung keltischer (ich weiß nicht ob irischer oder gälischer) Gedichte gefunden zu haben, aber leider habe ich das Blatt, worauf ich mir das notirte, verloren. Können Sie mir nicht auf die Spur helfen und mir jene Versart nachweisen? |2|Ich habe für Gröbers Zeitschrift einen Aufsatz darüber lange fertig, den ich aber deswegen nicht abschließen kann.2

Wie steht es denn mit dem Weggang von Schönbach?3 Geht er oder bleibt er? Für den Fall seines Gehens möchte ich Ihnen Schröer4 in Wien als einen seiner Stelle sehr würdigen Mann empfehlen, der außerordentlich anregend auf die Studirenden wirken würde.

Wie schlecht es mir im letzten Jahre ging, haben Sie wohl gehört. Nun bin ich wieder ganz gesund und denke in den nächsten Jahren hauptsächlich romanisches zu arbeiten.

Mit freundlichem Gruß

Ihr

K. Bartsch


1 Vgl. Les Chansons de Guillaume IX duc d’Aquitaine (1071-1127), éd. par Alfred Jeanroy, Paris 1972 (Les Classiques Françaus du Moyen Age).

2 Der vorliegende Brief resümiert in knapper Form den Inhalt dieses Artikels, bringt zudem zahlreiche Beispiele, vgl. „Ein keltisches Versmass im Französischen und Provenzalischen“, ZrP 2, 1878, 195-219. Bartsch schließt lateinischen, mittellateinischen und romanischen Ursprung dieses Versmaßes („des vers à mouvement trochaïque, ceux de onze syllabes coupés en 7 + 4, ceux de quatorze en 7 + 7“) aus, doch sind seine Argumente für keltischen Ursprung schwach: „Von Gedichten in irischer Sprache weiss ich keins und wusste mir auch Windisch keins anzugeben, in welchem dieser Vers begegnet. Mir fiel vor etwa fünf Jahren eine deutsche Uebersetzung, ich weiss nicht ob irischer oder anderer keltischer Gedichte, in die Hände, und darin fand ich den elfsilbigen Vers genau in der Behandlung wieder, wie sie bei den Provenzalen und Franzosen vorkommt. Leider ist mir das Blatt, auf welchem ich mir ein betreffendes Excerpt machte, verloren gegangen, und ich habe trotz mehrfachen Nachforschens das Buch nicht wieder auftreiben können“ (217-18). – Gegen den von Bartsch vermuteten keltischen Ursprung haben sich insbesondere der Keltologe Henri d’Arbois de Jubainville und Gaston Paris (Romania IX, 177) ausgesprochen.

3 Anton Emanuel Schönbach (1848-1911), seit 1873 ao., ab 1876 o. Prof. der Germanistik in Graz, der die Statuten des dortigen germanistischen Seminars ausarbeitete, des ersten der K. u. K. Monarchie.

4 Karl Julius Schröer (1825-1900), österreichischer Germanist und Schulmann, seit 1866 Professor an der TH Wien, war ein bekannter Volkstums- und Goetheforscher, der Rudolf Steiner als bedeutendsten Schüler hatte.

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