Karl Friedrich Bartsch an Hugo Schuchardt (02-00552)

von Karl Friedrich Bartsch

an Hugo Schuchardt

Heidelberg

21. 04. 1874

language Deutsch

Schlagwörter: Institutionalisierung Philologien Akademische Fächer Universitäre Lehre Universität Heidelberg Universität Halle Universitätsangelegenheiten Seminarbibliotheken Ihne, Wilhelm England Classen, Peter/Wolgast, Elke (1983) [o. A.] (1876) Bartsch, Karl (1866)

Zitiervorschlag: Karl Friedrich Bartsch an Hugo Schuchardt (02-00552). Heidelberg, 21. 04. 1874. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3365, abgerufen am 31. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.3365.


|1|

Heidelberg, 21. April 74.

Mein lieber Herr College,

Ihren Brief erhielt ich gestern, nachdem ich den Tag vorher von einer mehrwöchentlichen Reise nach England zurückgekehrt war. Hätte mich nicht gleich ein Haufe von Arbeit empfangen, so hätte ich umgehend geantwortet. Daß ein Seminar f. n. Sprachen auch bei Ihnen errichtet wird,1 ist ja sehr erfreulich; es regt und rührt sich jetzt überall. Was nun die Einrichtung meines Seminars betrifft, so werden Sie aus beiliegendem Statut2 die äußere desselben ersehen. Als Lehrkräfte fungieren außer mirProf. Ihne3 und Dr. Laur.4 Ich habe das Deutsche und Altfranzösische, Ihne das Englische, Laur das Neufranzösische. Für Altfranzösisch wöchentlich eine Stunde, wobei ich |2|Texte (nach m. Chrestomathie)5 übersetzen und erklären laße. Dies geschieht in deutscher Sprache; sonst ist im franz. u. engl. Curs die betreffende Sprache ausschließlich in Anwendung. Eine Stunde ist frz. resp. englische Lectüre eines classischen Werkes, ebenso eine Stunde Übersetzung ins Franz. oder Englische, gewöhnlich wird ein Werk eines unserer Classiker genommen. Daneben schriftliche Ausarbeitungen der mündlich übersetzten, und außerdem franz. oder engl. Aufsätze über ein gegebenes Thema, jedoch in der Regel nur einmal im Semester. Zu mündlichen freien Vorträgen ist es bis jetzt noch nicht gekommen, im Deutschen habe ich dergleichen versucht, indem über die eingelieferten Arbeiten Vortrag gehalten wurde.

Mit Beginn dieses Semesters beziehen wir besondere Localitäten, ein Auditorium gemeinsam mit dem philolog. |3|Seminar und daneben für jedes Seminar ein Arbeitszimmer und ein kleineres Directorialzimmer. Eine Seminarbibliothek wird in dem Arbeitszimmer der Studenten aufgestellt, wofür jährlich eine kleine Summe zur Vermehrung ausgewiesen ist, allerdings nur 100 fl., was für die drei Sprachen sehr wenig ist. Prämien haben wir bis jetzt 3 in jedem Semester, also 75 fl., 150 jährlich.

Zu weiterer Auskunft gern erbietig

bin ich mit freundlichem Gruße

Ihr

K. Bartsch


1 Das Hallenser Seminar wurde 1875 eröffnet; offenbar hatte SchuchardtBartsch um eine Beschreibung des Heidelberger Seminars gebeten. Dieses war 1865 reorganisiert worden und wurde mit seiner Struktur (eigener Etat, eigene Bibliothek, eigene Räumlichkeiten, Aufnahme- und Abschlussprüfungen, Gliederung der Veranstaltungen in Unter- und Oberseminar) zum Modell für die übrigen Universitäten, vgl. Peter Classen / Eike Wolgast, Kleine Geschichte der Universität Heidelberg, Heidelberg 1983, 63.

2 Es gibt eine spätere vierseitige Druckversion: Statut für das Philologische Seminar zu Heidelberg, Heidelberg: Hörning, 1876. Sie beruht auf früheren Fassungen, z.B. einem Statut von 1846 bzw. einem anderen von 1867.

3 Wilhelm Ihne (1821-1902), von 1873 bis 1901 anglistischer Ordinarius in Heidelberg.

4 Eugen Laur (1825-nach 1885) habilitierte sich 1869 in Heidelberg und erteilte bis 1885, als er krankheitshalber pensioniert wurde, vor allem Französischunterricht bzw. Kurse in französischer Literatur.

5 Chrestomatie de l’ancien français (VIIIe-XVe siècles) accompagnée d’une grammaire et d’un glossaire, Leipzig 1866.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 00552)