Karl Friedrich Bartsch an Hugo Schuchardt (01-00551)

von Karl Friedrich Bartsch

an Hugo Schuchardt

Heidelberg

30. 06. 1872

language Deutsch

Schlagwörter: Institutionalisierung Romanische Philologie Universitätsangelegenheiten Englische Philologie Universität Kiel Lehrerbildung/Lehramtsstudium Schaffung von Lehrstühlen Universitätsangelegenheiten Universitäre Lehre Universität Breslau Berufungen Universitäten Universität Straßburg Germanische Philologie Empfehlung (Personen) Persönliche Treffen Biographisches Romanistik Deutsch-Französischer Krieg Universität Gießen Lemcke, Ludwig Straßburg Leipzig Schweiz

Zitiervorschlag: Karl Friedrich Bartsch an Hugo Schuchardt (01-00551). Heidelberg, 30. 06. 1872. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2016). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.3364, abgerufen am 26. 09. 2022. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.3364.


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Heidelberg 30. Juni 72

Geehrter Herr Doctor,

Wenn ich erst jetzt Ihren Brief beantworte, so geschieht es hauptsächlich weil ich immer dachte, es würde von Kiel aus eine bestimmtere Anfrage an mich gelangen.1 In Kiel legt man das Hauptgewicht auf die Ausbildung zum Lehramte in den neueren Sprachen.2 Diese Rücksicht ist es auch, die die allerdings sonst seltsame Verbindung des Englischen mit den romanischen Sprachen erklärt.3 Ich möchte nun von Ihnen hören ob Sie im Französischen und Englischen auch praktisch (mündlich u. schriftlich) einigermaßen geübt sind, da man hierauf wohl in Kiel sehen wird. Ich gestehe zu daß diese praktische Rücksicht eine leidige ist, aber bei kleineren Universitäten ist sie einmal nothwendig. Diese Rücksicht erklärt auch den von Ihnen berührten Fall einer raschen Beförderung z. Extraordinar. u. Ordinarius. Der Betreffende |2| hatte sich gemeldet und sich auf mich berufen, und ich habe ihn dann allerdings empfohlen, auch seitdem in Wien, wo man eine Prof. für Anglistik gründen wollte, und darauf hin ist er Ordinarius geworden, da er vorzog in K. zu bleiben.4 Übrigens habe ich Ihnen erst kürzlich gedankt. Als man mich nach Breslau haben wollte und ich ablehnte, schlug ich Lemcke5 vor (der dann auch den Ruf bekommen und angenommen hat); für den Fall daß er nicht käme, schlug ich jüngere Leute, darunter auch Sie, vor. In Gießen wird sich durch Lemckes Abgang wieder eine Aussicht eröffnen. Sie können, wenn Sie mit L. bekannt sind, an diesen offen schreiben. Von Straßburg weiß ich gar nichts, wie dort die Sachen stehen; die Fakultät wünscht dringend wegen der Prüfungscommission, daß die germanische u. romanische Professur möglichst bald besetzt |3| werden. In diesem Semester scheint jedoch dazu keine Aussicht vorhanden zu sein.6

Daß sie auf allen Gebieten des Romanischen arbeiten, ist durchaus nicht wichtig; aber Sie müßten freilich auf allen soweit zu Hause sein, daß Sie darüber Vorlesungen zu halten im Stande sind. Also namentlich historische Grammatik der französischen und der englischen Sprachen, Lectüre und Literaturgeschichte der beiden Sprachen in alter und neuer Zeit – das sind die Hauptkollegia für einen Professor der „neueren“ Sprachen. Ich würde Ihnen rathen, in diese successive sich hinein zu arbeiten, damit bei einem Berufungsvorschlage Ihre Lehrthätigkeit für Sie Zeugniss ablege, da Ihre literarischen Arbeiten nach anderer Seite liegen. Auf diesem Gebiete namentlich der italienischen Sprache u. Mundarten, werden Sie noch sehr tüchtiges und werthvolles leisten können, und es liegt mir nichts ferner |4| als Sie diesem Gebiete abwendig zu machen.

In Windisch7 hätten wir freilich darüber beßer und eingehender sprechen können, aber die Zeit war überall so kurz. Leider komme ich dies Jahr auch nicht mehr über Leipzig, da eine Erkrankung meiner Frau mich nöthigen wird in die Schweiz zu gehen.

Mit freundlichem Gruße


der Ihrige


K. Bartsch


1 Möglicherweise ein Gutachten über Schuchardt?

2 Am 8.1.1869 stellte der Kieler Latinist Otto Ribbeck in der Fakultätssitzung den Antrag, dass eine Professur für neuere Sprachen (Romanistik und Anglistik) errichtet werde. Er wurde mit dem Entwurf eines entsprechenden Gesuchs beauftragt, der den Mitgliedern der Fakultät als Rundschreiben zur Zustimmung vorgelegt wurde. Die Sache zog sich jedoch hin, eine Verzögerung wurde durch den Deutsch-französischen Krieg bewirkt. Doch im Staatshaushalt des Berliner Kultusministeriums für 1872/73 werden drei neue Ordinariate für die Kieler Philosophische Fakultät ausgewiesen, darunter eines für romanische Sprachen. Im WS 1973/74 begann Albert Stimming (1846-1922), der im Juli 1873 in Kiel habilitiert worden war, mit dem Unterricht und wurde am 1.10.1876 zum Extraordinarius ernannt, vgl. Karl Jordan / Erich Hofmann, Geschichte der Philosophischen Fakultät. Teil 2, Neumünster 1969 (Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel 1665-1965, Bd. 5, 2), 253-256.

3 Vgl. im einzelnen Hans Helmut Christmann, Romanistik und Anglistik an der deutschen Universität im 19. Jahrhundert. Ihre Herausbildung als Fächer und ihr Verhältnis zu Germanistik und klassischer Philologie, Mainz-Stuttgart 1985 (Akad. d. Wiss. u. d. Lit. Mainz, Abh. Geistes u. Sozialwiss. Kl., Jg. 1985, 1), 23-27. Wenn Christmann schreibt, die ersten Stelleninhaber hätten nur historische Grammatik, besonders Lautlehre, und Textkritik, vor allem Beschäftigung mit mittelalterlichen Literaturdenkmälern, gelehrt, dann relativiert der vorliegende wie der folgende Brief dieses Annahme!

4 Es handelt sich um Jacob Schipper (1842-1915), der 1867 in Bonn von Delius für neuere Sprachen promoviert und zum WS 1871/72 auf Vorschlag von Diez, Delius und Bartsch als ao. Prof. für neuere Sprachen nach Königsberg berufen wurde. Schipper lehnte den Wiener Ruf zunächst zwar ab, wurde dafür im April 1872 mit einem Königsberger Ordinariat entschädigt, nahm jedoch den erneuerten Wiener Ruf im Jahr 1876 an.

5 Ludwig Lemcke (1816-1884), seit dem 1.10.1867 o. Prof. der romanischen und englischen Philologie in Gießen; anders als Bartsch schreibt, lehnte er 1873 den Ruf nach Breslau und 1874 einen nach Marburg ab, möglicherweise weil er zu diesem Zeitpunkt Rektor der Universität Gießen war.

6 Der Romanist Eduard Böhmer (1827-1906) wurde am 21.9.1872 ernannt, der Germanist Wilhelm Scherer (1841-1886) am 27.9.1872, und der Anglist Bernhard ten Brink (1841-1892) am 8.11.1872.

7 Gemeinde im Kanton Aargau.

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